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Kultur

Das dunkle Geheimnis der Bremer Polizei

Ohne zu zögern: rechts. Als die Nazis die Macht ergreifen, stellt sich die Bremer Polizei auf ihre Seite. Aus normalen Beamten werden Massenmörder. Nach dem Krieg machen sie trotzdem Karriere.

Reichsgesetzblatt aus dem Jahr 1933 (Foto: DW)

Die Stimme des älteren Herrn ist sehr leise, klingt etwas heiser. Noch immer spürt man bei jedem seiner Worte, wie nah ihm das einst Erlebte nach all den Jahrzehnten noch geht. "Es war am 28. Oktober 1938, da kam die Polizei und sagte uns 'ihr könnt das Notwendigste mitnehmen, aber ihr dürft nicht mehr als zehn Mark in der Tasche haben und ihr werdet dann weiter abgeführt nach Polen'." Von dort konnte Hermann Singer den Nazis entkommen, über Tallin nach Schweden. Er überlebte.

Mit seiner Geschichte gibt der gebürtige Bremer den etwa 100 Juden ein Gesicht, die damals genauso wie Singer aus seiner Heimatstadt deportiert wurden. In einem kurzen Film wird dem Besucher der Ausstellung "Polizei. Gewalt." das Schicksal von Singer und der Bremer Juden während der Nazizeit vor Augen geführt. Denn es war die Polizei, die die Juden damals abholte und zum Lloydbahnhof der Stadt verschleppte.

Sondereinheit für den Massenmord

Polizeiuniform von Bremer Polizisten aus der NS-Zeit (Foto: DW)

Polizeiuniform aus der NS-Zeit

Welche Rolle die damaligen Ordnungshüter bei den Verbrechen der Nationalsozialisten spielten, war dem heutigen Bremer Innensenator Ulrich Mäurer - nach eigenem Bekunden - bis vor Kurzem gar nicht klar. Seiner Meinung nach wussten nur wenige Menschen in Bremen, dass es während der Nazizeit in Bremen zwei Sonder-Polizeibataillone gab, unter anderem das 1940 gegründete "Polizeibataillon 303". Eine Polizeitruppe, die im September 1940 an einem Massaker in der Schlucht von Babij Jar in der Ukraine beteiligt war. An zwei Tagen wurden dort mehr als 30.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen. Das "Polizeibataillon 105" wiederum, ebenfalls aus Bremen, half bei der Deportation holländischer Juden nach Auschwitz. "Es waren Bremer Polizisten, die gemeinsam mit anderen jede Woche die Züge für die Deportationen zusammengestellt haben, sie begleitet haben, die die Menschen in Auschwitz an der Rampe rausgeschmissen haben. Dann kamen sie zurück und waren hier ganz normale Beamte", sagt Mäurer.

Als er in seiner Funktion als Innensenator zum Holocaust-Gedenktag im Januar vergangenen Jahres eine Rede im Rathaus halten sollte, wollte er etwas zur Bremer Polizei im Nationalsozialismus sagen. Als Mäurer dazu nichts finden konnte, beschloss er, diesen Teil der Stadtgeschichte aufarbeiten zu lassen. Die Arbeit der Historiker zeigt jetzt, dass in Bremen alle Polizeieinheiten zusammengearbeitet haben, alle waren mitverantwortlich für die Verfolgung und Vernichtung der Menschen, die den Nazis nicht passten. "Es war nicht die Gestapo allein. Sie hat nur funktioniert, weil es eine Schutzpolizei und eine Kriminalpolizei gegeben hat. Dass die Kripo nur die Diebe gefangen hat, und die Ordnungspolizei nur für Ruhe und Ordnung gesorgt hat, war eine Lüge", sagt Mäurer.

Konservative und Militärs prägten die Polizei

Mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte kehrt die Bremer Polizei zu ihrem alten Dienstsitz zurück. "Polizeihaus" steht in großen, goldfarbenen Lettern über dem mächtigen, dunklen Eingangsportal durch das der Besucher geht, wenn er die Ausstellung betritt. 100 Jahre residierten hier, "Am Wall 201", die Bremer Ordnungshüter. Das alte Gemäuer hat viele Generationen der Polizei erlebt: Die Polizei der Kaiserzeit, die der Weimarer Republik, die Schutzpolizei der Nazis bis hin zur heutigen Polizei. 1999 zogen die Beamten um, heute füllt die Stadtbibliothek das Gemäuer mit Büchern und Leben.

Ulrich Mäurer, Innensenator von Bremen (Foto: DW)

Ulrich Mäurer hat aufarbeiten lassen

In einem Saal ist hier jetzt auch die aktuelle Ausstellung zu sehen. Übersichtlich gestaltete Tafeln stehen dort, mit informativen Texten, Bildern, Zeitungsausschnitten und Reichgesetzblättern. In einem chronologischen Rundgang wird die Geschichte der Bremer Polizei während des Nationalsozialismus erzählt und er beginnt bereits im Jahr 1918. "Man muss sich mit der Weimarer Zeit beschäftigen", erklärt Mäurer. Dann sehe man deutlich, dass es in Bremen Unterschiede zu den anderen Polizeieinheiten zu dieser Zeit gab. "In Bremen war die Polizei geprägt durch Konservative und Militärs. Die Polizei kam aus den Freicorps, aus der frühren kaiserlichen Wehr. Demokraten gab es nur wenige." Als Adolf Hitler bei den Reichtagswahlen 1933 die Macht ergriff, stellte sich die Bremer Polizei schnell geschlossen auf die Seite der Nazis.

Polizeigeschichte wichtig für Nachwuchs

Mit der Ausstellung soll auch dem polizeilichen Nachwuchs diese dunkle Geschichte ihres Berufsstandes deutlich gemacht werden. "In meiner Ausbildung ist nur die jüngste Vergangenheit der Polizeigeschichte gelehrt worden, die Nazizeit ist mehr oder weniger ausgeblendet worden", erinnert sich Jens Feye, der Leiter des Präsidialbüros der Bremer Polizei, der die aktuelle Ausstellung mit gestaltet hat. "Es ist interessant, sich mit dieser Geschichte auseinander zu setzen, weil man ein Gefühl dafür bekommt, warum demokratische Strukturen gerade in der Polizei von Bedeutung sind."

Jens Feye, Leiter des Präsidialbüros der Bremer Polizei (Foto: DW)

Für Jens Feye ist die Ausstellung ein wichtiger Rückblick

Ein komisches Gefühl hat Feye nicht, wenn er sich die Geschichte seines Berufsstandes anschaut. "Wir sind heute eine ganz andere Polizeigeneration, ich stelle gar keinen Bezug zu den damaligen Polizisten her. Wir sind wesentlich offener, bürgernäher und distanzieren uns auch von dem, was die Polizei damals getan hat." Schon optisch unterscheiden sich die heutigen von den damaligen Polizisten. In seiner blauen Uniform steht Feye neben einer Glasvitrine, in der eine alte Polizeiuniform gezeigt wird, wie sie unter den Nazis getragen wurde. Sie ist stark der Uniform des Militärs angeglichen, Kragen, Ärmelaufschläge und Mützenband sind braun, die Symbolfarbe der NSDAP.

Angesichts der Vergangenheit der deutschen Polizei kommt es Innensenator Mäurer beinahe wie ein Wunder vor, dass sich "aus diesem Potential dann eine demokratische Polizei entwickelt hat." Aber dazu habe auch erst eine Generation aus dem Dienst ausscheiden müssen, bevor dann die nächste eine Chance hatte, es besser zu machen. Wie die Geschichte der Bremer Polizei nach 1945 genau weiterging, soll eine zweite Ausstellung im kommenden Jahr zeigen.

Autorin: Janine Albrecht
Redaktion: Marlis Schaum