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Welt

Das dunkle Erbe der Assads

Womöglich sind die Tage der Regierung Assad gezählt. Doch was danach kommt, ist unklar. Die syrische Gesellschaft trägt schwer am Erbe der Diktatur. Die Konfliktparteien könnten auch weiterhin auf Gewalt setzen.

Spätestens, wenn ein Krieg die Hauptstadt erreicht, muss das dort herrschende Regime mit dem Schlimmsten rechnen. Saddam Hussein bekam das 2003 zu spüren, als er kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad von der Macht lassen musste. Und kaum waren in Libyen die Rebellen nach Tripolis vorgedrungen, trat Muammar al Gaddafi die Flucht aus der libyschen Hauptstadt an. Dieser Tage stehen die Kämpfer der Freien Syrischen Armee in Damaskus. Führende Vertreter des Regimes wurden bei einem Bombenattentat getötet. Spätestens seitdem muss das Assad-Regime sich ernsthaft bedroht fühlen. Fortan ist sein Sturz zumindest nicht mehr auszuschließen.

Bedürfnis nach Rache

Syrische Flüchtlingsfrauen an der Grenze zum Libanon, 20.7. 2012 (Foto: AP)

Flucht vor der eigenen Regierung. Syrische Frauen suchen Schutz an der Grenze zum Libanon.

Fraglich ist allerdings, ob der Sieg der Rebellen bessere Zeiten bringt. Denn zu kämpfen haben sie auch mit dem Erbe des Regimes. Über 40 Jahre waren Vater und Sohn Assad an der Macht. Beide bezeichneten sich zwar als säkulare Politiker. Aber das hinderte sie nicht, politische, militärische und wirtschaftliche Schlüsselpositionen mit Angehörigen der Alawiten zu besetzen - also jener schiitischen Minderheit, der auch sie selbst entstammen. Zwar besetzten sie manche Positionen auch mit Angehörigen der sunnitischen und christlichen Elite. Aber im Zentrum der Macht standen die Alawiten. Die Brutalität, mit der sie ihre Position bis heute verteidigen, dürfte bei nicht wenigen Gegnern des Regimes ein Bedürfnis nach Rache und Vergeltung geweckt haben. Ist die Regierung Assad einmal gestürzt, könnten in Syrien die Nächte der langen Messer anbrechen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es nach einem Zerfall des Assad-Regimes zu Gewalt kommt, sei außerordentlich hoch, sagt Margret Johannsen, Politologin beim "Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik" an der Universität Hamburg, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Das Land sei ethnisch und religiös fragmentiert - ein Umstand, an dem auch der Fall des Assad-Regimes nichts ändere. Denn dessen Erbe, die konfessionelle und ethnische Spaltung, bleibe weiter erhalten.

Regierung der nationalen Einheit

Mitglieder der Shabiha-Milizen. Angehörige dieser Miliz werden unter anderem für das Massaker von Tremseh mit über 100 Toten verantwortlich gemacht. (Foto: AP/dapd)

Assads Männer für das Allergröbste: Mitglieder der Shabiha-Milizen.

Sollte das Assad-Regime stürzen, schlüge für die beiden großen Oppositionsgruppen, den "Syrischen Nationalrat" (SNC) und das "Nationale Koordinierungskomitee" (NCC), die Stunde der Wahrheit. Die beiden Organisationen vereinen eigenen Angaben zufolge über 90 Prozent der Assad-Gegner. Und beide haben erklärt, ausnahmslos alle syrischen Oppositionellen zu vertreten, ungeachtet ihrer ethnischen und konfessionellen Zugehörigkeit. Man wolle eine Regierung der nationalen Einheit bilden, erklärt ein Sprecher des Syrischen Nationalrats, der anonym bleiben möchte. Da man aber beim Aufbau des neuen Syriens dringend auf Verwaltungs- und Regierungserfahrung angewiesen sei, werde man auch mit Vertretern der alten Regierung zusammenarbeiten - vorausgesetzt, diese hätten sich keiner Verbrechen schuldig gemacht. "Wir werden nicht den Fehler begehen, den man im Irak gemacht hat, nämlich zuzulassen, dass die Gesellschaft sich ein weiteres Mal spaltet. Diesen Fehler werden wir vermeiden. Unter dieser Voraussetzung sind wir sicher, eine neue Regierung bilden zu können", so der Sprecher.

Assads politisches Erbe bleibt zunächst erhalten

Margret Johannsen Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg *** eingestellt im Mai 2012

"Versöhnung erfordert Disziplin": Margret Johannsen

Das Vertrauen in eine Regierung der nationalen Einheit wirklich herzustellen, käme allerdings einer Kulturrevolution gleich. Denn auch Vater und Sohn Assad beschworen zwar immer wieder die syrische Einheit, traten sie tatsächlich aber mit Füßen. So haben sich die meisten Syrer daran gewöhnt, im Zweifel nicht dem Staat, sondern der eigenen Gruppe zu vertrauen, sei sie nun ethnisch oder religiös definiert. Ganz egal, wie die kommende Regierung sich zusammensetzt: Es wird keine leichte Aufgabe sein, das politisch-kulturelle Erbe des Assad-Regimes zu überwinden.

Ob das überhaupt gelingen könnte, sei ohnehin fraglich, meint Politologin Johannsen. Langfristig müssten die neue Verfassung und die neuen Institutionen zwar im Zeichen einer übergreifenden syrischen Identität stehen. Fraglich sei aber, ob diese die ethnische und konfessionelle Spaltung des Landes tatsächlich überwinden könnte. "Es ist zu befürchten, dass man nicht daran vorbeikommen wird, die Fragmentierung des Landes auch in dessen Staatsorganen zu berücksichtigen - und damit dann letztlich zu institutionalisieren."

Versöhnung erfordert Disziplin

Sollte das Regime stürzen, hat das Land ohnehin zunächst dringlichere Aufgaben zu lösen - besonders, die Gewalt zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen zu stoppen. Andere Länder, wie zum Beispiel Südafrika, haben gezeigt, dass das möglich ist. Es braucht einen runden Tisch, an dem ausnahmslos alle Bevölkerungsgruppen vertreten sind - einschließlich der Vertreter des alten Regimes. Dies aber setze eine hohe Disziplin aller Beteiligten voraus, so Margret Johannsen von der Uni Hamburg. "Denn ein solches Machtarrangement ist anspruchsvoll. Es verlangt etwa, Rache und Vergeltung für erlittene Unbill erst einmal beiseite zu stellen." Zwar gebe es Beispiele dafür, dass dies gelingen könne. Doch in Syrien, erwartet sie, dürfte dieser Prozess erhebliche Zeit in Anspruch nehmen. "Andererseits gibt es auch keine Alternative dazu."

Derzeit läuft eine klare Front durch Syrien. Sie teilt das Land in die Gruppe der Anhänger und Gegner Assads. Würde Assad stürzen oder träte er zurück, werden seine Gegner erst noch beweisen müssen, dass sie nicht nur den Präsidenten loswerden, sondern auch und vor allem das Prinzip der Spaltung überwinden wollen, das Assad und sein Vater dem Land über 40 Jahre lang zumuteten.

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