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Geschichte

Das Drehbuch für den Holocaust

Rückblick: In einer stattlichen Villa bei Berlin wurden am 20. Januar 1942 Details zur Ausrottung der europäischen Juden besprochen. Auch 75 Jahre danach lässt einen das Protokoll der Wannsee-Konferenz erschaudern.

Manchmal hilft der Zufall. Im März 1947 müssen sich Beamte des Auswärtigen Amtes vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal verantworten, da macht Robert Kempner einen bedeutenden Fund. In der Masse der schriftlichen Hinterlassenschaft der Nazizeit erregt ein Deckblatt die Neugier des stellvertretenden Hauptanklägers. Ein Stempel in roter Farbe ist deutlich lesbar: "Geheime Reichssache". Es folgen 15 Seiten unter dem harmlos nüchternen Titel "Besprechungsprotokoll". Es ist der Beleg für die systematische Vernichtung der europäischen Juden. Die Aufzeichnung über die sogenannte "Wannseekonferenz" am 20. Januar 1942. Es ist die 16. Protokollabschrift. Und es ist die einzige erhaltene von insgesamt 30.

Jung, gebildet, ehrgeizig

Zur Mittagszeit folgen 15 Männer einer Einladung von Reinhard Heydrich, Chef des gefürchteten Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in die noble Industriellen-Villa im schicken Berliner Wannsee, einem Vorort Berlins. Draußen ist es zwölf Grad minus und was in der Villa in gut zwei Stunden besprochen wird, lässt dem Zeitgenossen noch heute das Blut gefrieren. Gekommen sind SS-Offiziere, Staatssekretäre und Führungskräfte der NS-Verwaltung. Es sind nicht die bekannten Namen, aber fast alle sind jung und gebildet. Jeder zweite ist promoviert. Vor allem aber sind sie ehrgeizig.

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Planung des Grauens: 75 Jahre Wannsee-Konferenz

Für weniger historisch Interessierte gilt die Wannsee-Konferenz als Beschluss-Gremium für den Holocaust. Was in doppelter Hinsicht falsch ist. Erstens wurde an diesem Tag gar kein Beschluss gefasst. Es wurde "informiert". Und zweitens hatte die Massentötung von Juden schon begonnen. Heydrich hatte Vertreter aller relevanten Institutionen - etwa des Auswärtigen Amtes oder vom Verkehrsministerium - am Tisch. Es ging um die Koordination der geplanten Deportationen und Massenmorde. Und es ging darum, alle beteiligten Zuständigkeitsbereiche unter Heydrichs Leitung zu stellen. Der erste Satz des Protokolls belegt das schon. "Bestellung zum Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage", ein Karrieresprung für Heydrich.        

Eine halbe Million jüdische Opfer schon vor der Wannseekonferenz

Der 20. Januar 1942 war entgegen häufiger Behauptungen nicht der Beginn der organisierten Massentötung an den Juden. Der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" waren schon Monate vorher Hunderttausende zum Opfer gefallen. Vor allem in den Gebieten der Sowjetunion, die deutsche Truppen seit Sommer 1941 besetzt hielten. 500.000 Juden, darunter auch Kinder und Frauen, waren bis zur Wannseekonferenz schon tot, zumeist durch Kugeln von Erschießungskommandos. 

Haus der Wannseekonferenz (DW/N.Wojcik)

Alles bürokratisch korrekt: Auszug aus den Gesprächsaufzeichnungen vom 20. Januar 1942.

Vorboten für die Vernichtungsabsichten an den Juden gab es lange vorher. Hitler führte schon am 30. Januar 1939 eindeutiges Vokabular im Munde, als er im Kriegsfalle dem "internationalen Judentum" die Vernichtung prophezeite. Als der Krieg gegen die Sowjetunion (Unternehmen "Barbarossa") am 22. Juni 1941 begann und weite Teile des Riesenreiches überrannt wurden, befanden sich nach nur wenigen Monaten Millionen von nicht-deutschen Juden im Machtbereich Nazi-Deutschlands.

Der Holocaust-Experte und Historiker Michael Wildt hält das für eine Zäsur in der Verfolgungspolitik gegenüber den Juden. Vertreiben und zur Emigration zwingen, war bei mehr als elf Millionen Juden die im Wannseeprotokoll erfasst wurden, nicht mehr möglich. "Um sich der Juden zu entledigen, wurden (die Pläne) entsprechend monströser, gigantischer", so Wildt.

Eichmann, der Kronzeuge

Richtig konkret, wie die Juden aus der Welt geschafft werden sollten, ist das 15-Seiten Protokoll nicht. Die "Evakuierung nach dem Osten" ist missverständlich und legt dennoch nahe, was gemeint ist: die Vernichtung. Adolf Eichmann, leitender Mitarbeiter Heydrichs und Teilnehmer der Wannseekonferenz, gestand das Jahre später unumwunden ein. Nach seiner spektakulären Entführung in Argentinien durch den israelischen Geheimdienst, sagte er im Prozess in Jerusalem 1961 auf die Frage, was man in der Villa besprochen habe: "Da sind die verschiedenen Tötungsarten besprochen worden."                  

Deutschland Österreich Geschichte Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich in Wien (AP)

Der Chef und sein Umsetzer für den Holocaust: Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich.

Auch wenn in dem einzig erhaltenen Protollexemplar Tarnformulierungen wie "entsprechend behandelt" verwandt wurden, ist das Dokument eine Ausnahme in Sachen Eindeutigkeit der Absichten, ist sich der Historiker Peter Longerich sicher. Weil, so seine Begründung, das Jahrhundertverbrechen über die Teilnahme an der Konferenz von allen mitgetragen wurde: von der SS, dem Justiz-, Innen- sowie Außenministerium, der Rüstungsindustrie und nicht zuletzt der Partei. Und dennoch hatten führende Nazis nach 1945 die Chuzpe zu behaupten, von allem nichts gewusst zu haben, wie Reichsmarschall Hermann Göring oder Alfred Rosenberg, einer der führenden NS-Ideologen und Minister für die besetzten Ostgebiete.

Reinhard Heydrich, der nur wenige Monate nach der Konferenz einem Attentat zum Opfer fiel, verfolgte neben der direkten Ausrottung der europäischen Juden noch einen weiteren Plan. Sollte die Sowjetunion besiegt werden, plante der Spitzen-Nazi den massenhaften Einsatz von Juden als Straßenarbeiter im Osten. "Wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird", ist auf Seite sieben des Protokolls zu lesen. Der verbleibende "Restbestand" müsse "entsprechend behandelt" werden.   

 

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