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GMF15

Das Dilemma globaler Gerechtigkeitsdefizite

Der deutsche „Gerechtigkeitsphilosoph” Prof. Thomas Pogge nimmt am diesjährigen DW Global Media Forum teil. Er spricht über das Verhältnis zwischen Armut und Bildung und die Verantwortung der Industriestaaten.

Thomas Pogge, Professor of Philosophy and International Affairs, Yale University *** Themenwoche in Berlin vom 7. bis 10. November 2011 Wer hat das Bild gemacht/Fotograf?:Silvera Padori-Klenke Wann wurde das Bild gemacht?: 7.11.2011 Wo wurde das Bild aufgenommen?: FES

Thomas Winfried Menko Pogge (*1953) ist Professor für politische Philosophie und Ethik. Seit 2008 ist er Leitner Professor für Philosophie und internationale Angelegenheiten an der Yale University (zum Leitner Programm www.yale.edu).Er hat zahlreiche Arbeiten zu Kant, Rawls und Fragen der globalen Gerechtigkeit veröffentlicht. Sein Buch "World Poverty and Human Rights" gehört zu den einflussreichsten und meistdiskutierten Büchern zur globalen Gerechtigkeit.

In der Presse werden Sie als „einer der radikalsten Gerechtigkeitsdenker der Gegenwart“ bezeichnet. Wo setzt ihre Kritik an?

Unsere gegenwärtige supranationale Ordnung führt dazu, dass auch heute noch rund ein Drittel aller Menschen, 18 Millionen pro Jahr, an armutsbedingten Ursachen sterben. Sie tut das dadurch, indem sie extreme Ungleichheit zementiert und sogar noch verstärkt: Während das globale Durchschnittseinkommen heute bei knapp $10.000 pro Kopf liegt, beträgt es in der unteren Hälfte nur ca. $550 und im unteren Viertel sogar bloß $300. Obwohl schwere Armut heute völlig vermeidbar ist, hat die Anzahl chronisch unterernährter Menschen kürzlich die Milliardengrenze überschritten — zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte.

Sie prangern die globalen Ungerechtigkeiten an und sprechen in diesem Zusammenhang von den negativen Pflichten, die die Industriestaaten zu erfüllen haben, um diesen Missstand zu beseitigen. Was ist darunter zu verstehen?

Wenn wir an arme Menschen in den Entwicklungsländern denken, sehen wir uns oft als potentielle Helfer und Wohltäter. Diese Sichtweise übersieht, dass wir ins Elend der Armen zutiefts verstrickt sind: durch unser Teilnahme an globalen Märkten, durch unsere Beiträge zu Klimawandel und Rohstofferschöpfung und auch durch den Beitrag unseres Landes zu Formulierung und Durchsetzung ungerechter supranationaler Spielregeln und Praktiken. Unsere moralische Verantwortung ergibt sich also nicht nur daraus, dass wir zu wenig helfen, sondern viel stärker daraus, dass wir — zusammen mit vielen anderen wohlhabenden Menschen weltweit — die Armen viel zuviel schädigen.

Veränderung sei nur durch den Druck von unten möglich – so eine Ihrer Thesen. Dazu sind Aufklärung und Information nötig, zum Beispiel, um Ihre Idee des Health Impact Fund publik zu machen. Welche Rolle müssen dabei die Medien spielen?

Die Medien müssen sich auf ihre Verantwortung besinnen, das Gewissen der Bürger zu sein oder wenigstens zu informieren und anzuregen. Als 2001 die Millennium Erklärung der Vollversammlung der Vereinten Nationen abgefälscht wurde — wodurch die im Jahr 2015 noch zulässige Anzahl extrem armer Menschen um 335 Millionen und die noch zulässige Zahl chronisch Unterernährter um 127 Millionen erhöht wurden — habe ich alles versucht, diesen Betrug auf Kosten der Ärmsten in die Medien zu bringen. Nur eine mittelgroße —deutsche — Zeitung gab mit 800 Wörter dafür. Mithilfe der Medien hätte dieses Verbrechen verhindert werden können. Aber die Medien deckten den Betrug, und so feiern die Bürger reicher Länder halt mit, wenn ihnen gesagt wird, dass die Millennium Entwicklungsziele so einigermaßen erreicht werden.

So richtig es ist, Armutsbekämpfung mit dem Bemühen um verbesserte Bildung und Gesundheit zu koppeln, so wenig gelingt dies, wenn sich die praktische Umsetzung auf punktuelle Eingriffe beschränkt. Welche ist Ihre Strategie?

Die Weltwirtschaft wird von den Reichen für die Reichen strukturiert, und Entwicklungshilfe lindert dann die schlimmste dadurch entstehende Not. Viel besser wäre es, die Interessen der großen Mehrheit schon bei den Strukturentscheidungen zu berücksichtigen. Im gegenwärtigen System z.B. werden neue Medikamente durch patent-geschützte Aufpreise belohnt, mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass nur wenige arme Menschen durch Subventionen Zugang erhalten. Viel besser wäre es, wenn Staaten gemeinsam ein alternatives Belohnungsregime finanzieren würden, den Health Impact Fund (HIF), an dem ich seit einigen Jahren arbeite mit einem fantastischen interdisziplinären Team aus aller Welt. Der HIF würde es Erfinderfirmen ermöglichen, ihre besten neuen Produkte zehn Jahre lang gemäß ihren wirklichen Gesundheitsauswirkungen prämieren zu lassen. Im Gegenzug müsste die Erfinderfirma sich verpflichten, jedes gemeldete Medikament überall zum Kostenpreis zu verkaufen.Der HIF Vorschlag macht sich zunutze, dass unsere gegenwärtigen Regeln und Praktiken nicht nur sehr ungerecht sind sondern auch ineffizient und selbstzersetzend. Das hat insofern seine gute Seite als es Reformoptionen gibt, die ganz erhebliche Gerechtigkeitsgewinne erzielen könnten, ohne den reichen Eliten große finanzielle Opfer abzuverlangen. Der HIF würde die Kosteneffizienz der weltweiten Medikamentenversorgung wesentlich verbessern.