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Politik

Das deutsche Mutterdilemma: Rabenmutter oder Hausmütterchen?

Entweder Karriere oder Familie - viele Frauen in Deutschland stehen noch immer vor der Wahl. In anderen Gesellschaften kann man beides. Professorin Leonie Herwartz-Emden erklärt die deutschen Mutterbilder.

Eine Frau hält ein Beby im Arm. Sie drückt ihre Nase an seine Schläfe. Quelle: AP

"Mütter werden ikonisiert und unterbewertet zugleich"

DW-WORLD.DE: Warum tun sich die westdeutschen Deutschen so schwer mit Kinderkrippen?

Frau Herwartz-Emden: Die Frage der Mutterschaft ist in Deutschland ein belastetes Thema. Es gibt sehr stark gegenläufige Bewertungen im Konzept Mutterschaft. Mütter sind einerseits hoch verehrt, sie werden ikonisiert. Andererseits ist die Mutterschaft vollkommen unterbewertet. Mütter leisten im Alltag sehr viel. Sie sorgen dafür, dass einerseits Erwerbstätigkeit möglich wird - die ihres Partners sowie möglicherweise ihre eigene - und stellen andererseits sicher, dass Kinder ernährt, gepflegt, erzogen werden und im Bildungssystem einen Platz finden. Sie stellen letztlich damit sicher, dass der Arbeitsmarkt bedient wird, indem sie den gesamten Bodenservice in den Familien liefern. Untersuchungen zeigen, dass die gleichberechtigte Arbeitsteilung von Mann und Frau dann umkippt, wenn Kinder geboren werden. Dann geht vieles von der Arbeitsleistung auf die Frau über. An Erziehungs- und Pflegearbeit sind Männer noch immer nur geringfügig beteiligt. Das wird als selbstverständlich genommen und nicht unbedingt bewertet. Frauen, die zu Hause bleiben, werden nicht mehr als vollwertig in der Öffentlichkeit gehandelt. Frauen beziehungsweise Mütter sagen oft über sich selbst beschämt: "Ich bin nur Hausfrau."

Sie sagen aber auch, die Mutter werde ikonisiert - gibt es einen deutschen Mütter-Mythos?

Alles, was wir heute 2007 über Mutterschaft denken oder empfinden, kann nicht unabhängig von den Belastungen des Dritten Reichs gesehen werden. Der Mütter-Mythos ist durch diese Zeit mit seiner fast heldenhaften Mutterverehrung negativ besetzt. Die Frau wurde vereinnahmt für die Ideologie des Nationalsozialismus. Sie musste zu Hause den Kampf an der häuslichen Front leisten. Es gibt einen Erziehungsratgeber aus dieser Zeit, finanziert von Göbbels, der eine sehr hohe Auflage hatte. Der wurde mit nur leicht verändertem Cover und Text bis in die 1970er-Jahre hinein aufgelegt. Darin wird dieses heroisierende Mutterbild weitertransportiert. Wir tragen heute noch das nationalsozialistische Erbe ab.

Haben andere Länder mit faschistischer Vergangenheit alle ein ähnliches Mutterbild?

Ich denke nicht, denn die Mutterschaft ist nicht durchgängig so ideologisiert worden wie in Deutschland, zudem haben Mutterbilder verschiedene historische Hintergründe und sind in den verschiedensten gesellschaftlichen Kontexten verortet.

Inwiefern unterscheidet sich das deutsche Mutterbild von anderen Ländern?

Das deutsche Mutterschaftskonzept ist stark polarisiert. Die Frauen erleben in sich selbst immer eine Spaltung. Sie sind verpflichtet sich vollkommen um die Kinder zu kümmern und vergessen sich als Individuum. Wenn sie sich aber um sich selbst kümmern, haben sie ein schlechtes Gewissen, denn sie könnten die Kinder vernachlässigen. Frauen aus der Türkei und aus der ehemaligen Sowjetunion empfinden eine solche innere Polarisierung in ihrem Selbstkonzept nicht. Die Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion sind nun schon Jahrzehnte auf dem Arbeitsmarkt beteiligt. Die Frauen aus der Türkei haben andere Geschlechterverhältnisse erlebt. Dort ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen einen eigenen weiblichen Raum haben, in ihrer Biographie, aber auch in der Gesellschaft. Ganz abgetrennt von den Männern und doch gesellschaftlich hoch bewertet. Damit sind ihre Weiblichkeit und ihre Mütterlichkeit unangetastet und gesellschaftlich verankert.

Sie haben selbst zwei Kinder - wie haben Sie das Dilemma Familie oder Karriere gelöst?

Mit hohem persönlichen Aufwand. Als ich meinen ersten Sohn bekam, hatte ich einen Mann, der eine Weile Hausmann war. Ich habe das Geld verdient. Wir haben sozusagen die Rollen vertauscht. Wir haben in Berlin gelebt in einer Umgebung, die auch ideologisch sehr unterstützend war. Damals haben wir einen autonomen Kinderladen mit aufgebaut. Das ganze Umfeld war sehr experimentell. Beim zweiten Kind verlief es ganz klassisch mit einer Kinderfrau, die zu mir nach Hause kam und später mit dem Kindergarten. Es war anstrengend, überhaupt einen Kindergartenplatz zu bekommen, damals kamen Kinder erst mit vier Jahren in den Kindergarten. Ich hatte dann einen Platz in einem typischen Halbtagskindergarten, der ging bis zwölf Uhr. Die jetzige Diskussion um die Kinderkrippenplätze erinnert mich immer an diese Zeit.

Was muss sich für die Mütter ändern?

Das deutsche Bildungssystem und auch das Kindergartensystem gehen noch immer sehr stark von der Mitarbeit der Mütter aus. Die Mütter sind die Hilfserzieherinnen. Man wurde immer ganz schlecht angesehen, wenn man zum selbst organisierten Sommerfest mit einem gekauften Kuchen erschienen ist. Später machen Mütter unbezahlte Mehrarbeit, indem sie fest eingeplant sind, die Hausaufgaben mit ihren Kindern zusammen zu erledigen. Die Mütter werden flächendeckend vereinnahmt, aber ihre Arbeit wird gleichzeitig entwertet, denn diese Arbeit ist nicht sichtbar. Das muss sich ändern. Bis jetzt ist alles was Mütter leisten privatisiert, und es kann sich nur dadurch was ändern, dass es öffentlich wird. Die Diskussion, die Frau von der Leyen anstößt, bringt das als Problem ins öffentliche Bewusstsein.

Leonie Herwartz-Emden ist Professorin für Pädagogik an der Universität Augsburg. Dort leitet sie das Zentralinstitut für didaktische Forschung und Lehre, das momentan aufgebaut wird. Sie hat ihre Habilitation über Mutterschaft und weibliche Selbstkonzepte im interkulturellen Vergleich geschrieben.

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