1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Filme

Das deutsche Kino lebt!

Alfred Holighaus ist bei der Berlinale für den deutschen Film verantwortlich. In der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" stellt er das innovative Kino von Morgen vor - und hat damit Erfolg.

Ken Duken küsst Franziska Weisz in Distanz

"Distanz" mit Ken Duken und Franziska Weisz von Regisseur Thomas Sieben eröffnet die Reihe "Perspektive Deutsches Kino"

DW.WORLD.DE: Herr Holighaus, welche Qualitäten muss ein deutscher Film haben, um bei Ihnen in die Reihe zu kommen?

Alfred Holighaus, Leiter der Reihe Perspektive Deutsche Kino

Immer in Sachen deutscher Film unterwegs: Alfred Holighaus.

Alfred Holighaus: Das sind verschiedene Qualitäten, die er haben muss. Es gibt formale Voraussetzungen. Der Film muss mindestens 20 Minuten lang sein. Er kann 2 Stunden dauern, das ist egal, aber 20 Minuten ist die Mindestlänge. Er sollte von Filmemachern sein, die - wie wir es immer etwas vorsichtig ausdrücken –, am Anfang ihrer Karriere stehen. Das ist ein anderer Begriff für Nachwuchs, wenn man so will. Wir haben damit auch bewusst keine Altersgrenze gesetzt, es kann also auch jemand mit 60 seinen ersten Film machen und dann wäre das auch interessant.

Das weitere ist natürlich dann das Inhaltliche. Was natürlich viel spannender noch ist, wenn wir sagen 'Perspektive Deutsches Kino', dann wollen wir tatsächlich damit Perspektiven eröffnen, das heißt: wir wollen Filme zeigen von Talenten, von denen wir denken, die werden in Zukunft mitsprechen, die probieren Formen aus, erzählen Geschichten, die interessant sind, haben ihre Themen vielleicht schon gefunden, ohne ganz perfekt zu sein, befinden sich, wenn man so will, auf dem richtigen Weg.

Sie zeigen auch dokumentarische Formen. Was muss ein Dokumentarfilm haben, um auf der Berlinale gezeigt zu werden?

Alfred Holighaus: Es ist eine sehr wichtige Frage, finde ich, weil Dokumentarfilme nicht immer kinotauglich sind. Das sind Spielfilme zwar auch nicht, aber die viel eher fürs Kino gemacht. Es ist schon so, dass ein Publikum für einen Dokumentarfilm im Grunde genommen ein ähnliches Angebot bekommen muss wie beim Spielfilm. Das heißt: es geht um Unterhaltung, es geht um Emotionen, es geht deswegen um Dramaturgie. Das heißt auch, eine Dokumentation, eine klassische, wie man sie aus dem Fernsehen kennt oder eine längere Reportage, das wäre nicht das, was ich mir unter einem Dokumentarfilm für das Kino vorstelle.

Da geht es wirklich darum, dass man sozusagen den auch erlebt in einer Gruppe. Als Zuschauer interaktiv, das heißt man soll lachen, weinen, darauf reagieren. Es gibt mittlerweile eine Generation von Dokumentarfilmen, die das extrem gut leisten und bedient.

Ich frage Sie, der Sie ja auch früher als Filmjournalist gearbeitet haben, wie sehen Sie den deutschen Film derzeit? Nach der Generation Fassbinder kam ein Loch. Jetzt gab es die Generation Tykwer. Wo sind wir im Moment, wie ist der Stand der Dinge?

Alfred Holighaus: Es gibt zwei gute Nachrichten. Die eine gute Nachricht ist, dass es seit 10 Jahren nicht abbricht. Dass wir kein Loch haben. Es gab das künstlerische Loch nach Fassbinder. Das wird auch niemals zu stopfen sein. Das ist eben ein Jahrhundertgenie gewesen, das bekommt man nicht ständig geboten. Das war eben nicht nur ein künstlerisches Loch, das war auch ein wirtschaftliches Loch und da war eine Weile nichts wirklich los. Das hat sich geändert, da gab es eine Weile auch eine Zeit, wo es sehr, sehr eindimensional war. Da lief zwar etwas, aber es war sehr eindimensional.

Mittlerweile haben wir sowohl die Generation Schlöndorff, Wenders, die immer noch ihre Filme machen. Wir haben die Generation dazwischen wie Rainer Kaufmann oder auch Wolfgang Becker und Tom Tykwer. Und danach gibt es auch schon wieder eine Generation, die auch weiter macht, die im Moment im ganz normalen Kinogeschehen, abgesehen von Festivals und Reisen, ganz normal mitredet. Das ist einfach die Kontinuität, die wir seit 10 Jahren haben und die es lange, lange nicht in deutschen Filmen gegeben hat. Insofern ist es mir ganz wohl, wenn ich an den deutschen Film denke.

Sie haben eben gesagt, es gibt zwei positive Antworten. Habe ich eine überhört?

Alfred Holighaus: Neben der Kontinuität war es vor allen Dingen die Vielfalt. Das hat sich in den letzten Jahren einfach gezeigt. Es gab in den 90er Jahren den Beziehungsfilm, das wurde rauf und runter bedient. Heute kann man überhaupt nicht mehr sagen, das es ein deutsches Genre gibt, sondern es wird mit allen Genres gearbeitet und es ist natürlich ein bisschen auch so, und das ist ein Problem des deutschen Films und ein Vorteil, das er sehr Genre-unabhängig funktioniert. Man kann die deutschen Filme oft gar nicht einordnen in ein Genre, aber inhaltlich und auch stilistisch ist es eine Vielfalt, wie sie lange nicht mehr da war. Und sie wird auch wahr genommen vom Publikum.

Es gibt ein paar Probleme beim deutschen Film. Eines wird immer genannt von Regisseuren, auch von anderen Fachleuten. Ein Problem ist das Fernsehen, das zwar viel Geld zuschießt. Aber Kinofilme werden dann oft im Fernsehformat gedreht, heißt es da. Wie stehen Sie dazu?

Alfred Holighaus: Es ist immer schwierig. Es ist natürlich so, dass Fernsehen ermöglicht das Kino in Deutschland! Das ist überhaupt keine Frage. Dadurch sind die Einflussmöglichkeiten auch einfach. Es gibt auf der einen Seite Regisseure, die diesen Einfluss stärker zulassen als andere. Und es gibt auf der anderen Seite Redakteure, die diesen Einfluss versuchen stärker zu nehmen als andere. Und dadurch entstehen Kinofilme, denen man das Fernsehen stärker anmerkt. Aber es gibt auch Fernsehfilme, die eine solche Kinowucht entwickeln, weil das Talent sich da durchsetzt, auf eine bestimmte Art und Weise. Aber ganz klar ist: der Einfluss des Fernsehens ist eben auch immer ein ästhetischer Einfluss. Und der lässt sich auch nicht immer leugnen.


Das Interview führte Jochen Kürten. D as vollständige Gespräch mit Alfred Holighaus, in dem er sich auch über das deutsche Fördersystem, das Fernsehen und den Stand der Dinge beim deutschen Film äußert, können Sie hören, einfach unten anklicken…

Audio und Video zum Thema

Symbolbild Film Festival roter Teppich

Dossier KINO Favoriten: Die Besten des deutschen Films

Was sind die besten Dramen, die lustigsten Komödien, die Top-Schauspielerinnen und die größten Leinwandhelden? In der Serie "KINO Favoriten" präsentiert das DW-Filmmagazin seine ganz persönliche Auswahl.