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Das Defizit

Es kann klaffen, sich vergrößern, zu einem Berg anwachsen, aber auch abgebaut werden. Staaten und Banken kennen es, aber auch Privatleute. Sein charakteristischer Wesenszug ist: das Fehlen von etwas, ein Mangel.

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Das Defizit – die Folge als MP3

Es bestimmt immer mal wieder die Schlagzeilen in den Medien, Finanzministern ist es ein Dorn im Auge: das Defizit. Verbunden ist es mit Wörtern wie „Schuld“, „Schuldner“ oder „Sündern“. Und jene, die gern mit Fingern zeigen, wissen, wer der größte Schuldner, der größte Defizitsünder ist: nämlich der Staat, der über seine Verhältnisse gelebt und mehr ausgeben hat, als er sollte. Nicht unerwähnt bleiben sollte allerdings, dass es kaum ein Land auf der Welt gibt, das kein Staatsdefizit hat.

Die Defizitsünder

Nun, bekannt ist, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, weil er sich „versündigt“ hatte. Und so irrt er nun durch das „Jammertal“, das im Psalm 84 als „trostlos“ bezeichnet wird, aber keineswegs als Sinnbild für die gesamte Erde zu verstehen ist. Was da so biblisch daherkommt, ist eine – zugegebenermaßen so gewollte – Zusammenfassung von Begriffen, die aus Zeitungsartikeln stammen.

Ein Sparschwein steht auf Flaggen europäischer Schuldenstaaten wie Portugal und Spanien

Mancher EU-Staat gilt als „Defizitsünder“ und muss sparen

Mit den „Sündern“ sind die europäischen Staaten gemeint, die den Euro als offizielle Währung haben und gegen den sogenannten EU-Stabilitäts- und Wachstumspakt verstoßen haben. Vereinfacht gesagt haben sie sich nicht an die Abmachung gehalten, ihren Staatshaushalt möglichst in ausgeglichenem Zustand zu halten und ihre eventuelle Neuverschuldung nicht über drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinauszutreiben.

Die Defizitdefinition

Aber jene, die am lautesten heulen und wehklagen, wissen oft keinen Weg, das Volk aus diesem trostlosen Jammertal herauszuführen – auf grüne Auen, wo Milch und Honig fließen. Denn alle Ausgänge scheinen versperrt von einem mächtigen Ungeheuer, das da heißt: „Defizit“! Und das alle in Angst und Schrecken hält.

Wir wollen es ein wenig näher betrachten, das Defizit. Laut Definition liegt es vor, wenn im Haushaltsplan, den beispielsweise eine Regierung aufstellt, die Ausgaben die Einnahmen aus Abgaben und Erwerbseinkünften übersteigen. Oder einfacher formuliert: Defizit bedeutet eine fehlende Geldsumme beziehungsweise einen Fehlbetrag in den öffentlichen Kassen.

Die „Defizitetymologie“

Und das ist auch die ursprüngliche Wortbedeutung: Defizit bedeutet „das Fehlende“. Im frühen 18. Jahrhundert – in der Zeit, in der eine Fülle von Entlehnungen und Fremdwörtern ins Deutsche gelangten – kam auch das Wort „Defizit“ zu uns. Es war ein Ableger des französischen déficit.

Ein Mann im Anzug hält leere Hosentaschen fest

Hier fehlt was ...

Das wiederum stammt vom lateinischen deficere, was so viel bedeutet wie abnehmen, fehlen. Sprachwissenschaftlich betrachtet ist hier aus einem deklinierten Verb, nämlich „deficit“, „es fehlt“, ein Substantiv entstanden. Das Wort hat sich gewissermaßen verselbstständigt.

Was das Defizit so alles kann

Dass bei einem Defizit etwas fehlt, war so – und ist auch heute noch so. Zunächst werden die Einnahmen weniger, dann hören sie auf und machen dann einen Fehlbetrag in der Kasse aus, denn die Ausgaben gehen ja weiter. Das ist das Problem! Wie jeder abstrakte Begriff wird auch „Defizit“ gerne versinnbildlicht. Es wächst, als wäre es ein Lebewesen. Es klafft wie ein gefährlicher Spalt, es vergrößert sich zu einem abgrundtiefen Loch, oder es baut sich zu einem Schuldenberg auf.

Ein Finanz-, Staats- oder Haushaltsdefizit kann, das soll nicht unterschlagen werden, auch gedeckt, reduziert, ja sogar ausgeglichen und behoben werden. Und dann hat man – endlich! – die schwarze Null erreicht. Nur scheint dies ungleich schwerer zu sein, als es das Defizit von vornherein zu vermeiden.

Die nicht-pekuniären Defizite

Defizit – haben wir gesagt – bedeutet das Fehlende. Und fehlen kann einem weiß Gott auch anderes als Geld oder finanzielle Mittel. Liebe beispielsweise. Das Defizit an Liebe wird immer dann diagnostiziert, wenn jemand nicht genug Zuneigung erhält, wenn das Liebesdefizit nicht mehr ausgeglichen werden kann. In gewisser Weise harmloser ist das Defizit an Nährstoffen in dem, was gemeinhin „Fast Food“ heißt.

Ein Hot Dog mit Ketchup

Lecker, aber mit einem Nährstoffdefizit

Weniger harmlos dagegen ist das Bildungsdefizit, das manchen Schülern in Deutschland bescheinigt wird und das Bildungspolitiker zu „konkretem und schnellem Handeln“ veranlasst. Manchmal übrigens soll sich zu diesem Bildungsdefizit angeblich noch ein Informationsdefizit gesellen – wo wir doch alles aus dem Internet kriegen können?

Die Defizithypothese

Nicht unterschlagen werden soll in diesem Zusammenhang die von dem britischen Linguisten Basil Bernstein entwickelte Defizithypothese. Sie besagt, dass Angehörige der sogenannten Unterschicht gegenüber der Mittel- und Oberschicht über geringere Ausdrucksmöglichkeiten im Sprechen und Schreiben verfügen.

Sie weisen also ein sprachliches Defizit auf. Als Maßnahme, um gegen dieses angebliche Defizit vorzugehen, schlug er vor, dass die Angehörigen der sogenannten Unterschicht nicht die Sprache der Mittel- und Oberschicht nachahmen. Stattdessen sollten Angehörige dieser Schichten den anderen mehr Verständnis entgegenbringen. Denn die Sprache der sogenannten Unterschicht sei nicht defizitär, also mit einem Defizit belastet, sondern nur anders.

Die Defizitsünder und ihre Strafe

Aber diese Art eines Defizits ist ja nichts im Vergleich zu dem finanziellen „Sündenfall“ manch eines EU-Staates, der sich am Dreiprozent-Kriterium vergangen hat. Und was geschieht dann? Er wird bestraft – im schlimmsten Fall müssen Strafgelder bezahlen werden. Aber wie und wovon? Wo es doch vorne und hinten an Geld fehlt!






Arbeitsauftrag
Ihr findet hier eine Zusammenfassung, was der EU-Stabilitäts- und Wachstumspakt im Wesentlichen besagt: http://bit.ly/1lntH5y. Teilt eure Lerngruppe in drei Gruppen auf. Jede Gruppe bearbeitet einen Teil des Textes und fasst ihn zusammen. Wörter, die ihr nicht kennt, könnt ihr im Wörterbuch nachschlagen oder sie im Internet recherchieren.

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