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Kultur

"Das Christentum geht vielen auf die Nerven"

Für Hans Küng ist Religion heute wieder ein Machtfaktor. Besonders viel Zulauf hat der Islam und der Buddhismus, nicht aber das Christentum. Im DW-WORLD-Interview spricht der streitbare Theologe über die Gründe.

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Der Theologe Hans Küng im Haus der Stiftung Weltethos in Tübingen

DW-WORLD.DE: Herr Professor Küng, religiöse Themen stoßen heute wieder auf enormes Interesse bei den Menschen, nicht nur in Deutschland. Kann man von einer Rückkehr der Religionen sprechen?

Teheran im Februar 1979: Einen Tag nach seiner Rückkehr aus dem Exil wird der schiitische Geistliche Ayatollah Chomeini von seinen Anhängern bejubelt

Teheran im Februar 1979: Ayatollah Chomeini ist zurück aus dem Exil

Hans Küng: Rückkehr der Religionen - das ist ein ambivalenter Begriff. Religion war ja nie verschwunden. Wie auch die Musik, ist Religion etwas, das bleibt, auch wenn es eine Zeit lang verdrängt wird. Richtig ist, dass seit dem Neuerwachen des Islam, seit der Begründung der islamischen Republik Iran im Jahr 1979, den Europäern bewusst geworden ist, dass sie die Welt nicht allein bestimmen. Im säkularisierten Europa hatte man lange nicht wahrgenommen, dass man ein Sonderfall ist und dass Religion anderswo eine Macht ist.

"Kein Friede unter den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen! Kein Friede zwischen den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen!" Zwei Kernsätze des von Ihnen formulierten Prinzips des Weltethos. Im Zeitalter der Globalisierung gibt es durch das Internet ungeahnte Kommunikationsmöglichkeiten. Der Zugang zu Wissen ist leichter als je zuvor. Kann diese Entwicklung den Dialog der Religionen verbessern?

Im Prinzip würde ich ja sagen, auch wenn es sicher eine Menge Probleme bringt. Es ist positiv, dass wir heute gut Bescheid wissen können über die anderen Religionen. Eine andere Frage ist natürlich, ob man denn Bescheid wissen will. Es gibt Leute, die wollen das nicht, die wissen schon alles vorher, ohne dass sie den Islam studiert haben.

Wer will das nicht wissen?

Das sind zum einen fundamentalistische Christen, die die Bibel wortwörtlich nehmen und die sagen, sie bräuchten die anderen Religionen nicht. Es können aber auch sehr säkularistische Leute sein, Dogmatiker des Laizismus. Die werden schon rot, wenn überhaupt das Wort Religion auftaucht und meinen, darüber bräuchte man in der Schule nicht zu reden. Die haben Schwierigkeiten damit, dass Religion wieder einen Machtfaktor in der Weltgeschichte darstellt.

Laut einer repräsentativen Umfrage ist das Christentum nicht mehr die Religion, die den Deutschen am sympathischsten ist, sondern der Buddhismus. Wie erklären Sie sich das?

Der Buddhismus wird im Westen als frei von Dogmen wahrgenommen, als Religion ohne viele Vorschriften. Es ist eine Religion, die nach innen gekehrt ist, die auf Meditation Gewicht legt, die kein allzu anthropomorphes, zu konkretes Bild hat von der letzten Wirklichkeit.

Der Dalai Lama bei seiner Deutschlandreise in Freiburg

Der Dalai Lama ist im Westen für viele Menschen ein Vorbild

Das andere ist, dass das Christentum mit seiner Machtkonzentration vielen auf die Nerven geht. Wenn wir einen Papst haben, der ständig groß in Erscheinung tritt, der als geistlicher Herr der Welt den Anspruch erhebt, nur wer mit ihm ist, ist ein wahrer Christ, nur seine römisch-katholische Kirche ist die wahre Kirche, dann geht das vielen auf die Nerven. Und auch wenn sie nicht öffentlich protestieren, so werden sie sich abwenden und sagen, damit möchte ich nichts zu tun haben.

Kommen wir zurück zum Islam. Auf die Frage nach der "friedlichsten Religion" führt der Buddhismus mit 43 Prozent zu 41 Prozent vor dem Christentum; der Islam bringt es in dieser Aufstellung nur auf ein Prozent. Ist der Islam ein Feindbild im Westen?

Ja, der Islam ist zweifellos ein Feindbild im Westen, da man sich im Westen nur auf bestimmte Punkte des Islam konzentriert. Das gilt schon für die Geschichte. Europäer sehen die unter dem Gesichtspunkt des Vorrückens des Islam von Nordafrika bis Spanien zwischen dem 8. und 15 Jahrhundert und der Herrschaft der Osmanen auf Balkan. Man sieht dabei aber nicht, dass die Christen nicht nur die Kreuzzüge durchgeführt haben, sondern im 19. Jahrhundert sogar den gesamten islamischen Raum von Marokko bis zu den indonesischen Inseln kolonialisiert haben. Da entstehen Spannungen.

Sechstagekrieg

Der Sechs-Tage-Krieg wirkt bis heute nach

Der Westen hat bis heute viele davon nicht gelöst. Das gilt vor allem für das Verhältnis zwischen den Palästinensern und Israel. Hätte man zum Beispiel Frieden geschlossen nach dem Sechs-Tage Krieg 1967, hätte es nie einen Bin Laden und auch keine Angriffe auf das World-Trade-Center 2001 gegeben. Stattdessen hat sich das Gefühl verbreitet, die Westler setzen sich sogar im heiligen Arabien fest, sie machen sich in Afghanistan breit, überall drängen sie sich vor, so dass sich Abwehrkräfte gebildet haben. Verzweifelte junge Leute haben dann zu den Mitteln des Terrors gegriffen. Selbstverständlich müssen wir Selbstmordattentäter und Anschläge verurteilen. Aber man muss sich überlegen, warum so viele junge Menschen so verzweifelt sind, dass sie für solche Attentate zur Verfügung stehen.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, warum es dem Papst so schwer fällt, Fehler einzugestehen und warum Hans Küng Verhandlungen mit der Hamas und den Taliban nicht grundsätzlich ablehnt.

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