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Alltagsdeutsch – Podcast

Das blaue Wunder

Geht man blauäugig an etwas heran, kann man sein blaues Wunder erleben oder sich schwarz ärgern. Ob man schwarz, rot, gelb oder grün wählt, bleibt jedem selbst überlassen. Farbenreich ist sie, die deutsche Sprache.

Sprecherin:

Manch einer hat schon sein blaues Wunder erlebt, weil er vorher zu blauäugig war. Und hinterher hat er sich dann grün und schwarz geärgert. Sie wissen nicht, worum es geht? Dann sind Sie in Bezug auf die Verwendung von Farben im Deutschen wohl noch ziemlich grün hinter den Ohren. Wer einmal darauf achtet, merkt schnell, wie häufig mit Farben in der Sprache gespielt wird. Doch was hat es nun auf sich mit dem blauen Wunder und der Blauäugigkeit. Im Straßengespräch habe ich mich aufklären lassen.

O-Töne:
"Das ist eine ganz große Überraschung, was, womit man gar nicht rechnet. Aber auch was Negatives. Ein blaues Wunder ist irgendwie negativ gefärbt, also irgendwie was Chaotisches. / Stimmt, da droht man Kindern mit, ist irgendwie was Bedrohendes. / Naiv an eine Situation herangehen, ist blauäugig sein. Also, ich sag oft, da bin ich ziemlich blauäugig an diese Situation herangegangen."

Sprecher:

So ein blauäugiges Verhalten kann zum Beispiel sein, wenn man allzu viel Vertrauen in die Ehrlichkeit eines Verkäufers hat und betrogen wird. Erkennt man dann hinterher den eigenen Schaden oder Nachteil, ärgert man sich grün und schwarz – man ärgert sich sehr heftig. Wer so ungeschickt handelt, der ist oft noch grün hinter den Ohren – ein Ausdruck, der allgemeine Unerfahrenheit und Unreife ausdrückt, unreif wie eine noch nicht genießbare Frucht.

Sprecherin:
Farben können durchaus gegensätzliche Bedeutungen annehmen. So gibt es das Grüne auch als Ausdruck des Reifen und Guten. Dr. Fritz Serzisko, Sprachwissenschaftler aus Köln:

Dr. Fritz Serzisko:

"Nämlich wenn jemand an meine grüne Seite kommen soll, an die Seite, wo mein Herz ist, an die bessere Seite. So dass wir die beiden Aspekte finden, die ja auch im Grünen drinstecken. Denn einerseits ist das Grün unreif und andererseits, wenn alles schön grün ist, dann ist alles reif, und genau diese beiden Bilder finden wir dann eben auch. Ich bin ihm nicht grün, kann ja wohl nicht bedeuten, dass er mir unreif ist, sondern es kann nur bedeuten, dass er mir nicht gut gesonnen ist. Während bei dem grünen Jungen und bei dem, der noch grün hinter den Ohren ist, eher das Unreife steckt."

Sprecherin:

Eine besondere Vorliebe scheinen die Deutschen für die Farbe Blau zu besitzen. Sie verwenden sie sogar für die Beschreibung von Dingen, die gar nicht blau sind oder blau sein können: zum Beispiel für den blauen Brief und die Fahrt ins Blaue.

O-Töne:
"Ich setz mich jetzt aufs Fahrrad und fahr einfach mal los, ziellos losfahren, das ist ins Blaue fahren. / Ein blauer Brief ist eine Mitteilung, dass du ziemlich schlechte Noten hast. Dass du gefährdet bist, sitzen zu bleiben also ein Schuljahr zu wiederholen. Und wenn, ja, man den bekam, war meistens halt Stunk zu Hause. Und war halt immer die große Bedrohung, wenn du einen blauen Brief bekommst, dann ist aber was los."

Sprecher:

Der Himmel ist oft blau und unbestimmbar weit. Auf dieses Unbestimmte spielt die Fahrt ins Blaue an, auch wenn das Ziel nichts mit der Farbe blau oder mit der Natur zu tun hat. So kann man auch ins Blaue hinein reden oder schreiben, sich also von einer spontanen Regung treiben lassen, ohne viel dabei zu überlegen. Der blaue Brief, der den Eltern die schlechten Schulnoten ihres Kindes ankündigt, ist meist grau oder grün, selten jedoch blau. Dennoch ist der blaue Brief ein Begriff für jeden. Das ist historisch damit zu erklären, dass amtliche Briefe im alten Preußen immer blau waren, vor allem die Benachrichtigungen für Offiziere, die zum Rücktritt aufgefordert wurden.

Sprecherin:
Wer von der Farbe Blau spricht, kommt an einer Bedeutung natürlich nicht vorbei:

O-Ton:
"Also wenn jemand blau ist, dann ist er blau, das heißt, dann ist er ziemlich stark betrunken. Wenn ich sag, der ist betrunken, dann kriegt er noch was mit. Dann ist er entweder lustig, oder er ist melancholisch. Aber wenn er blau ist, da kriegt man nichts mehr mit. Also besoffen ist ja wirklich abwertend, da ist jemand besoffen, das ist widerlich. Und wenn man sagt, der ist blau, dann nennt man es eigentlich nicht so richtig beim Namen, also ich finde irgendwie noch sehr verniedlichend, aber es ist schon, es ist schon schlimmer als betrunken."

Sprecher:

Das Bedeutungsspektrum der Farbe Blau ist breit. Nicht nur von der unbestimmbaren Weite bis zur Trunkenheit reicht es. Auch edle Herkunft wird so verdeutlicht, und einem Lebensgefühl verleiht es Farbe, denn die Adeligen sind die Blaublütigen, und wer romantisch schwärmt, dem wird die Suche nach der blauen Blume nachgesagt. Dr. Fritz Serzisko zum blauen Blut und zur blauen Blume.

Dr. Fritz Serzisko:

"Die blaue Blume, zuerst von Novalis verwendet, ich glaub im Heinrich von Ofterdingen, ein Symbol der Romantik, das eventuell – zumindest nach einem Herkunftswörterbuch – wiederum zurückzuführen ist auf eine Blume, die wir bereits in den alten deutschen Sagen finden und die dort die Wunderschlösser öffnete und die nichts anderes als das allseits bekannte Vergissmeinnicht war. Eine ziemlich klar aufweisbare Geschichte hat der Ausdruck blaues Blut, der aus dem Spanischen stammte und ursprünglich verwendet wurde zur Bezeichnung der Adligen gotischer Herkunft, deren dunkle Venen durch die hellhäutige Haut sichtbar war und so zur Bezeichnung des Adels führten als blaublütig und das blaue Blut des Adels."

Sprecherin:
Wer von Politikern spricht, denkt nicht gerade an eine farbenfreudige Versammlung. Denn Politiker tragen meist Grau, und auch die meisten Politikerinnen bevorzugen dezente Farben. Um Politik jedoch einzuordnen nach Überzeugungen und Zielen, benutzen wir ständig Farben.

O-Ton:
"Ja links Rot, die Braunen sind halt die Rechten, ja schwarz ist mehr so konservativ. Grün, die Grünen. Wobei ich nicht weiß, allerdings, wo das herkommt. Was ich immer schon komisch fand, ist Braun und Schwarz, dass Braun noch hinter dem Schwarz steht. Das hab ich nie begriffen. Für mich ist das eigentlich andersherum."

Sprecher:

Grob sind diese Kategorien, doch wir benutzen sie alle. Die Linken, egal ob Kommunisten oder Sozialdemokraten, sind rot, die Christdemokraten schwarz wie Priestergewänder, die ökologische Partei grün wie die Natur. Das sonst eher zurückhaltende Braun wird in der Politik zur Schreckensfarbe. Abgeleitet von der Farbe der nationalsozialistischen Uniformen steht es für Faschismus. Auch die Liberalen sind an einer Farbe, dem Gelb zu erkennen, nur dass man sie nicht die Gelben nennt.

Sprecherin:

Die politischen Farben haben meist eine sehr lange Tradition und werden von allen verstanden. Daneben gibt es aber auch noch Farben, die nicht immer eindeutig zuzuordnen sind, weil verschiedene Gruppen sie benutzen.

O-Ton:

"Lila verbinde ich mit Kirche. Also, das ist … / Stimmt oder mit Frauen. / Ja, Frauenbewegung, genau. Lila, wenn man sein Zimmer schon lila einrichtet, ist man direkt als Emanze verschrien. Ansonsten halt mit Kirche."

Sprecher:

Lila ist nicht nur das Gewand der Kardinäle, lila war auch die Kleidung vieler junger Menschen in den siebziger Jahren. Die sanfte Farbe sollte eine moderne alternative Überzeugung signalisieren: gegen Krieg, gegen überholte Moralvorstellungen, gegen Angepasstheit. Lila wurde zur gleichen Zeit die Farbe der Frauenbewegung, deren Anhängerinnen man in negativer Überspitzung Emanzen nannte. Durch das Symbolhafte der Farben kommt es zu schnellen Einordnungen. Die junge Frau drückte das mit der Formel aus, dass man mit einer lila Zimmereinrichtung gleich als Emanze verschrien ist, obwohl einem vielleicht nur die Farbe gefiel.

Sprecherin:

Farben haben für uns eine wichtige ästhetische Bedeutung. Sie sprechen in direkter Weise unsere Gefühle an. Dabei ist nicht alles Farbige, was der Ausstattung unserer Lebenswelt dient, bloßer Schmuck. Die enge Verbindung von Farbe und Gefühl haben vor allem die Psychologen erkannt. Mit Tests machen sie Charakterstudien und haben auch eine Typenlehre entwickelt, die Farben einen bestimmten Charakter zuordnet. Diplom-Psychologe Michael von Orloff:

Michael von Orloff:

"Wir kennen in der Psychologie vier Farbtypen, Grundtypen könnte man sagen, die sich gewissermaßen entwickelt haben aus dem, was Goethe in seiner Farbenlehre beschrieben hat. Der Blautypus ist orientiert am Element Wasser, und er strahlt eher so die Ruhe, die Zufriedenheit, die Entspannung aus, und in seinem Verhalten wirkt er auch eher ruhig und zurückhaltend. Der Rottypus ist sozusagen das Gegenteil. Der ist lebendiger, der ist aktiver, sein Element ist das Feuer, und das Feuer ist eben auch etwas, was bewegend ist, was lebhaft ist, was Aktivität zum Ausdruck bringt. Der Typus Grün hat als Element die Erde, ist eher ernster, ist eher selbstbezogener, beharrlicher, fest im Vergleich zu den andern beiden Typen. Und der vierte Typus, ein helles Gelb, entspricht der Luft, ist eher heiter, beschwingt vom Temperament her, also orientiert an der Welt und aufgeschlossen für das, was es in der Welt gibt."

Sprecherin:

Diese Typenbezeichnung stimmt recht deutlich mit dem überein, was ich auf der Straße erfahre, als ich nach der Empfindung von Farben frage.

O-Töne:

"Blau ist ja an sich eher ruhiger, zurückhaltend, jedenfalls dunkelblau, ein bisschen kühl, ein bisschen distanziert. Das fällt mir am ehesten zu blau ein. Rot ist für mich eher wärmer bis sogar heiß. Wenn ich ne Person, die Rot mag, die sind für mich auch so 'nen bisschen lebendiger, vielleicht ein bisschen heißblütiger. Verbinde ich halt mit Feuer und dadurch auch mit feurig, so 'nen bisschen. Grün – je nachdem, wenn es jetzt nicht so ein ganz grelles Grün ist – verbinde ich schon mit Natur auch, 'nein bisschen mehr noch Frische, und das, wenn ich das jetzt auf 'nen Menschen das beziehe, ja, ist halt auch, sind für mich so vom Typ her, wer Grün mag, ist dann schon jemand, der, der irgendwie 'nen bisschen Naturverbundenheit hat, aber der irgendwie auch sehr dabei lebendig ist. / Aggressivität ist für mich Orange. Blau ist so kalt, so richtig so ohne Gefühl, Abwesenheit von Gefühl. Blau. Grün ist Geborgenheit, so ne ganz, ganz weiches Gefühl, ja aber Orange ist das stärkste, ist für mich so richtig aggressiv. / Grün verbinde ich immer, ist irgendwie so was Warmes, Hoffnungsvolles. Blau ist auch mehr so kalt. So emotionslos. Das kommt aber allerdings auf die Schattierung des blau an. Rot ist auch für mich so Liebe, Herzlichkeit, Wärme."

Sprecherin:

Die Schönheit von Farben wäre allein schon eine Erklärung für die vielen Redewendungen, in denen sie sich wiederfinden. Doch ist es neben der Schönheit vor allem die begrenzte Auswahl an Farben, die sie als Zeichen so praktisch macht. Gelb ist der Neid, sagt man, und grün die Hoffnung. Solche sprachlichen Farbstempel sind zwar willkürlich, aber einfach und leicht zu merken.

Dr. Fritz Serzisko:

"Farben haben heute in der Sprache deshalb eine große Verbreitung gefunden, weil sie relativ einfache Möglichkeiten darstellen, sich eine Ordnung zu verschaffen, sich ein Bild zu verschaffen und auch Gemeinsamkeiten zwischen Menschen herzustellen. So wie wir wissen, dass im Mittelalter Bilder 'ne große Rolle spielten, um Botschaften zu vermitteln, weil viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, so sind Farben heute Verbindlichkeiten, die alle Menschen teilen können, während differenzierte sprachliche Darstellungen nur für einen Teil der Bevölkerung verständlich wird und damit zugänglich ist."

Sprecher.
So grau ist die Theorie dann doch nicht geblieben. Vielleicht verbringen Sie ja noch einen bunten Nachmittag, suchen unter blauem Himmel mit einer netten Person an Ihrer grünen Seite ein wenig nach der blauen Blume oder unternehmen ganz spontan eine Fahrt ins Blaue oder Grüne. Ein schwarzer Tag wird es dann bestimmt nicht werden.



Fragen zum Text

Ist jemand sehr gutgläubig und wird betrogen, dann …

1. war er blauäugig.

2. erhält er einen blauen Brief.

3. ist er blau.

Die Parteifarbe der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist …

1. schwarz.

2. rot.

3. weiß-blau.

Soll sich jemand direkt neben einen setzen, dann sagt man: …

1. Nimm auf der blauen Bank Platz.

2. Komm an meine grüne Seite.

3. Setz dich ins Grüne.

Arbeitsauftrag

Stellen Sie ein Ratespiel aus Karten zusammen. Schreiben Sie alle bekannten Redewendungen, in denen Farben vorkommen, auf je eine Karte. Sammeln Sie alle Karten in einer kleinen Kiste. Reihum zieht jeder aus Ihrer Gruppe eine Karte aus der Kiste und erklärt die Redewendung.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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