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Kultur

Das Biotop dOCUMENTA (13)

Skulpturen für Hunde, Wahlrecht für Erdbeeren - mit provokanten Ideen sorgte die Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, für Aufsehen. Nach 50 Tagen ist nun Halbzeit in Kassel. Eine Zwischenbilanz.

Es ist viel Gras gewachsen in den vergangenen Wochen. Nicht nur über die Spekulationen im Vorfeld der dOCUMENTA (13), die wochenlang das Feuilleton beherrschten. Gras gewachsen ist auch auf dem Hügel des chinesischen Künstlers Song Dong. Ein grüner Haufen, aufgeschüttet aus Gartenabfällen. Magisch zieht er die Menschen in die Mitte der leeren Rasenfläche. Es herrscht Wildwuchs: Neben einem Kohlrabi schiebt sich eine weiße Palmlilie gen Himmel, eine knallblaue Winde klettert am gelben Raps hoch. Hier hat der Zufall den Pinsel geschwungen.

Werk des chinesischen Künstlers Song Dong auf der documenta 13: ein grüner Haufen, aufgeschüttet aus Gartenabfällen. (Foto: DW)

In Kassel wird aus Gartenabfällen Kunst

Eine Frau, die zu den mittlerweile fast 378.000 Besuchern gehört, weist ihre Begleitung angewidert auf das viele Unkraut hin, als handele es sich um ein Mahnmal für Kleingartenbesitzer. Die beiden Schriftzeichen "Doing" und "Nothing", die unter all dem Grün fast verschwunden sind, scheinen ihr Recht zu geben. Dem Künstler aber ging es um etwas anderes: den umsichtigen Umgang mit Ressourcen, auch wenn sie wertlos scheinen. Wie die Gartenabfälle, die, sich selbst überlassen, zur poetischen Metapher heranwachsen und gleichzeitig eines der zentralen Themen der dOCUMENTA (13) ansprechen: Wie gehen wir mit dieser Erde um?

Liebe, Freiheit und Schmetterlinge

Eine Gruppe von Erstklässlern drängt sich vor einem Blumenbeet, das aussieht wie das Wirklichkeit gewordene Rasenstück des Renaissance-Malers Albrecht Dürer. "The Lover" hat die junge deutsche Künstlerin Kristina Buch ihr Werk genannt.

Die junge deutsche Künstlerin Kristina Buch ist mit ihrem Werk The Lover auf der documenta 13 vertreten. Sie setzt auf einem Beet selbstgezüchtete Schmetterlinge aus. (Foto: DW)

Der Künstlerin Kristina Buch sind die Schmetterlinge zu verdanken

Seit März ist sie in Kassel und setzt auf diesem Beet selbstgezüchtete Schmetterlinge aus. Buch, die neben Kunst auch Biologie und Theologie studiert hat, versteht die Arbeit als einen Akt der Hingabe an ein Werk, das, wie das kurze Leben der Schmetterlinge, höchst vergänglich ist. Dennoch - oder deshalb - tauge es als "Symbol der Freiheit". Nicht ebenerdig, sondern auf einem Podest wuchert der Schmetterlingsgarten. Mensch, Tier und Pflanze sollen sich auf Augenhöhe begegnen, weg vom anthropozentrischen Weltbild. Radikale Perspektivwechsel sind eine der Forderungen der dOCUMENTA (13), die die Grenzen der Kunst in alle Richtungen verschieben will.

Über 160 Künstler wurden nach Kassel eingeladen und noch nie war der Anteil von Kunst im Freien so groß. Das Meiste davon ist verstreut in der 125 Hektar großen Karlsaue. (Foto: DW)

Mit Schirm zur Kunst: im Park Karlsaue

Über 160 Künstler wurden nach Kassel eingeladen, und noch nie war der Anteil von Kunst im Freien so groß. Das Meiste davon ist verstreut in der 125 Hektar großen Karlsaue. Der prachtvolle Park ist so etwas wie der Hauptaustragungsort. In diesem Lustgarten fällt es nicht schwer, Berührungsängste mit zeitgenössischen Werken zu verlieren. Auf Alleen und Pfaden mäandert man durch das Labyrinth der Kunst wie durch einen Grimmschen Märchenwald.

Der Besucher als Zuschauer des Spektakels von Leben und Tod

Zwischen Komposthaufen liegt eine weibliche Figur, umgeben von fleischfressenden Pflanzen. Ihr Kopf: ein surrender Bienenstock. Und als ob all das nicht merkwürdig genug wäre, wird die Bienenfrau bewacht von einem weißen Hund mit rosa Bein. "Untilled" - "Unkultiviert" heißt das Werk, das gewissermaßen auf dem Mist des französischen Künstlers Pierre Huyghe gewachsen ist.

Untilled - Unkultiviert heißt das Werk des französischen Künstlers Pierre Huyghe auf der documenta 13. (Foto: DW)

Keine Flausen im Kopf, sondern Bienen

So betrachtet man das Spektakel von Wachstum und Verrottung, Leben und Tod. Wofür der freundliche Hund, der immer wieder aus dem Unterholz schießt, und sein pinkfarbenes Bein stehen, bleibt unklar. Nicht ablehnend, nur ein wenig ratlos verlassen die Besucher die Lichtung mit lehmigem Schuhwerk. Diese documenta hinterlässt Spuren, nicht nur in der Weltanschauung!

Andere Werke erschließen sich schneller. Sam Durant hat ein Klettergerüst errichtet, das sich bei näherem Hinsehen als gigantisches Schafott entpuppt. Die einzelnen Teile bestehen aus maßstabsgetreuen Modellen historisch bedeutender Hinrichtungsstätten der USA. Vom Galgenmodell der Hinrichtung der Dakota-Indianer 1862 bis zur Exekution Saddam Husseins im Irak 2006. Die von weitem sichtbare Konstruktion steht am Scheitelpunkt der zentralen Allee der Karlsaue.

Der Künstler Sam Durant hat für die documenta ein Klettergerüst errichtet, das sich bei näherem Hinsehen als gigantisches Schafott entpuppt. (Foto: DW)

Nein, kein Klettergerüst. Ein Schafott.

Ein Hinweis auf die absolutistische Geschichte des Parks - und die Zeit der Guillotinen in Europa. Beklemmung angesichts dieser monumentalen Kritik an der Todesstrafe legt sich über die Plattform, von der aus der Blick in den Teil des Parks schweifen kann, der als englischer Landschaftsgarten angelegt ist - Symbol einer neuen Sicht auf Mensch und Natur. Durhams Schafott ist eine der vielen politischen Arbeiten in Kassel, die gleichzeitig Bezüge zum Ort und seiner Historie herstellt und nachvollziehbar macht.

Die dOCUMENTA (13) glaubt an die heilende Kraft der Kunst

Auch der feste Glaube, dass Kunst heilen kann, schwebt über dieser dOCUMENTA (13), die unter dem großen Motto "Collapse and Recovery" steht: Zusammenbruch und Wiederaufbau. Man kann das politisch-historisch deuten, oder im Sinne von Krankheit und Genesung verstehen. Vor dem "Sanatorium" des Mexikaners Pedro Reyes hat sich eine kleine Schlange gebildet. Hier kann man sich selbst "einweisen" und aus 15 verschiedenen Therapien vom Urschrei bis zum Fluxus-Happening wählen. Jux oder Esoterik?

Ein Projekt des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes: Sanatorium. (Foto: DW)

In dieses Sanatorium kann sich jeder selbst einweisen

Reyes möchte urbane Krankheiten behandeln wie Stress, Einsamkeit, Angstgefühle. Die Besucher reagieren ganz unterschiedlich: Während die einen darüber Witze machen, breiten die anderen ihr Seelenleben vor den jungen Kunststudenten aus, die die Therapiesitzungen leiten.

Das schönste Biotop in Kassel ist eine Wohngemeinschaft

Das schönste Biotop liegt aber doch außerhalb der Karlsaue: das Hugenottenhaus. Einst bürgerliches Wohnhaus, dann Hotel, wurde es im Krieg stark beschädigt. Nun hat es der Bildhauer, Aktivist und Stadtplaner Theaster Gates aus Chicago entkernt, restauriert und mit neuem Leben gefüllt, gemeinsam mit Teilnehmern von Arbeitsförderungsmaßnahmen aus Kassel und Chicago.

Das Hugenottenhaus auf der documenta 13. Der Bildhauer, Aktivist und Stadtplaner Theaster Gates aus Chicago hat es entkernt, restauriert und mit neuem Leben gefüllt, gemeinsam mit Teilnehmern von Arbeitsförderungsmaßnahmen aus Kassel und Chicago. (Foto: DW)

Das Hugenottenhaus überzeugt als Gesamtkunstwerk

"Es kann das Gebäude mit dem größten Sex-Appeal von ganz Kassel werden", hatte er prophezeit. Und er hat Recht behalten. Aus Abbruchmaterialien, die aus abgerissenen Häusern in Chicago stammen, entstanden coole Designmöbel und Kunstwerke. Hier mischt sich die Geschichte des Hauses mit der Black Power History. Flatscreens zaubern Musikperformances auf verblichene Blümchentapeten. Regelmäßig gibt es hier Konzerte - ein Haus voller Musik. Andächtig schaukeln zwei betagte Damen in der avantgardistischen Hollywoodschaukel, eine Gruppe Japaner wirft schüchtern einen Blick in die Schlafzimmer der Bewohner, die gerade in der Küche Eistee schlürfen. Am liebsten würde man hier einziehen, so inspirierend wirkt diese Wohngemeinschaft, in der zusammen gelebt, gearbeitet und gefeiert wird, in der Gemeinschaft neu gedacht wird.

Das Hugenottenhaus auf der documenta 13. Der Bildhauer, Aktivist und Stadtplaner Theaster Gates aus Chicago hat es entkernt, restauriert und mit neuem Leben gefüllt, gemeinsam mit Teilnehmern von Arbeitsförderungsmaßnahmen aus Kassel und Chicago. (Foto: DW)

Auch das Bad der Kommune ist Konzeptkunst

Ein kurzer Blick in das noch unrestaurierte Bad und vorbei der Traum von der Kommune - zumindest für die vielen älteren Besucher, die den Weg auf die dOCUMENTA (13) finden. Ein treues und unglaublich interessiertes Publikum, das sich noch gut an Joseph Beuys' spektakuläre Pflanzaktion von 7000 Eichen im Jahr 1982 erinnert. Und so schließt sich der Kreis: Auch bei Beuys ging es um die "soziale Plastik". Die Wohngemeinschaft von Theaster Gates jedenfalls ist eine der überzeugendsten Interpretation des Mottos "Zusammenbruch und Wiederaufbau".

Man braucht Tage, um alle Spielorte der Mega-Schau zu erkunden. Und selbst dann wird man kein klares Konzept erkennen. Die dOCUMENTA (13) wuchert wild im Kosmos der Kunst und weit darüber hinaus. Manchmal esoterisch, oft politisch, aber immer verbunden mit der Aufforderung zum Denken, der das Publikum bereit ist zu folgen. Das ist viel mehr, als vor der Schau geunkt wurde, und nicht das schlechteste Fazit, was man zur Halbzeit von einer Weltausstellung der Künste ziehen kann.

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