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Europa

Das Bild des anderen in der Krise

Was hat die Wirtschaftskrise in der EU mit den Europäern gemacht? Wie nehmen junge Deutsche, Franzosen und Griechen den jeweils anderen wahr? Studenten aus den drei Ländern sprachen in Berlin darüber.

Deutsch-Französisches Jugendwerk, Berlin (Foto: Panagiotis Kouparanis)

Seminar Deutsch-Französisches Jugendwerk in Berlin

Das Deutsch-Französische Jugendwerk machte es einmal anders. Anstatt Studenten und Doktoranden aus Deutschland und Frankreich zu einem Seminar einzuladen, damit sie über die Wirtschaftskrise in Europa zu diskutieren, hat man diesmal auch junge Menschen aus Griechenland dazugebeten. Denn wie soll man über die aktuelle Krise sprechen, ohne über den vermeintlichen Verursacher zu reden, nämlich Griechenland?

Klischees und Eigenwahrnehmung

Martin Gontermann, Geschichtsstudent an der Humboldt-Universität, Berlin (Foto: Panagiotis Kouparanis)

Martin Gontermann hat Verständnis für die Griechen

Die jeweils acht jungen Studenten oder Doktoranden der Politologie, Geschichte, Rechtswissenschaften oder Publizistik versuchten sich gemeinsam ein Bild zu verschaffen, in welchem Europa sie gerade leben und vor allem - welches Bild vom jeweils anderen sich in der aktuellen Krise herausgebildet hat. Über die Analyse von Zeitungskarikaturen, mit Vorträgen von Experten und Diskussionen näherten sie sich dem Thema. Im Zentrum des Interesses stand, welches Bild Griechenland im Ausland von sich vermittelt.

Dabei gab es bei Deutschen und Franzosen durchaus Sympathie für die Griechen. Martin Gontermann ist Student an der Berliner Humboldt-Universität: "Man unternimmt etwas, man strengt sich an und dann kommt am Ende wieder einmal die Troika und sagt einem: Ihr tut nicht genug. Es verwundert da nicht, dass man dann leicht in Depressionen verfällt und sich fragt – was soll das Ganze eigentlich?" In seinem Freundeskreis, so Gontermann, müsse er sich oft die Frage anhören: "Du studierst Geschichte? Was willst Du damit anfangen, wenn Du fertig bist?" Dabei seien seine Jobaussichten gar nicht so schlecht wie für einen jungen Griechen, der in seiner Heimat Ingenieurwissenschaften studiert, stellt Gontermann fest: "Der hat fast überhaupt keine Aussichten auf einen Job. Da denke ich mir schon, das ist eine Schande für Europa.“

"Ein negatives Bild"

Fotini Kalantzi, Politologie-Doktorandin an der Universität Mazedonien in Thessaloniki und Michalis Kavouklis, Politologie-Doktorand an der Ägäis-Universität in Rhodos (Foto: Panagiotis Kouparanis)

Die griechischen Studenten Fotini Kalantzi (l) und Michalis Kavouklis bemängeln den fehlenden Blick auf die Menschen

Verständnis für die Situation der Griechen nahmen die griechischen Studenten interessanterweise nicht unbedingt wahr. Michalis Kavouklis, Doktorand der Politikwissenschaften an der Ägäis-Universität in Rhodos empfand das Griechenlandbild seiner Kommilitonen aus Deutschland und Frankreich so: "Leider ist es ein negatives Bild eines Landes, dass sich in einer außerordentlichen gesellschaftlichen und politischen Krise befindet. Und andererseits ist die Krise nicht so gravierend, wie es einige der Vortragenden oder der uns begleitenden Professoren darstellen.“

Mihalis Kavouklis hat außerdem den Eindruck, dass das Interesse der Teilnehmer aus Frankreich und Deutschland vor allem wissenschaftliche Motive hat: An Griechenland könne man beispielhaft untersuchen, wie es zu dieser Schuldenkrise kommen konnte und welche Konzepte sich anbieten könnten, um wieder heraus zu gelangen. Es fehle der Blick auf die Menschen. Diesen Eindruck über die nicht-griechischen Kommilitonen hatte auch Politikwissenschaftlerin Fotini Kalantzi, die gerade an der Universität Mazedonien in Thessaloniki promoviert: "Sie müssen es selbst erlebt haben, damit sie begreifen, was das griechische Volk gerade durchmacht. Wir können das nicht einfach während eines Diskussionsforums vermitteln. Das Fehlen von eigenen Erfahrungen macht sich in jedem Satz der Teilnehmer aus den anderen Ländern bemerkbar.“

Alternative Außenwahrnehmung

Antonin Fournier, Politologie Student an der Universität Grenoble (Foto: Panagiotis Kouparanis)

Antonin Fournier warnt: unterschiedliche Länder brauchen unterschiedliche Lösungen

Diese Wahrnehmung teilt Antoni Fournier, Politikstudent aus Grenoble, nicht. Seine Perspektive und die seiner französischen Kollegen trugen dazu bei, dass aus dem Seminar keine deutsch-griechische Veranstaltung mit der Gefahr des Austauschs von gegenseitigen Beschuldigungen wurde. Die französische Wahrnehmung der Krise ermöglichte eine rationalere Herangehensweise. "Man verabreicht Medikamente, die nicht für die Situation in jedem einzelnen Land anwendbar sind. Jedes Land hat eine eigene Kultur und eine eigene Geschichte. Ein strenges Kriterium für alle anzuwenden, führt zu Missverständnissen", warnt Fournier. Das hätte man am Anfang des Seminars ganz deutlich gespürt, meint er, aber "im Verlauf der Diskussionen haben wir festgestellt, dass wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben."

Das Deutsch-Französische Jugendwerk will es nicht bei diesem einmaligen Seminar belassen. Im März wird sich die Gruppe in Grenoble und Straßburg treffen und im April in Thessaloniki. Da wird man dann auch Bilanz ziehen können, was aus diesem einzigartigen Pilotprojekt geworden ist.

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