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Wissen & Umwelt

Das Böse in uns

Ist der Mensch von Natur aus Böse? Gehört die Ausübung von Gewalt zu unserem natürlichen Verhaltensrepertoire? Eine neurobiologische Spurensuche nach den Ursachen von Gewalt.

Bei Terroranschlägen an sechs verschiedenen Orten in Paris wurden 129 Menschen getötet. In Beirut starben nach einem Doppelanschlag 44 Menschen. Beide Male wurden die Opfer zufällig ausgewählt.

Fast täglich erreichen uns neue Nachrichten über solche Schreckenstaten: Autobomben, Anschläge, Selbstmordattentate, Enthauptungen. Die Täter werden als "krank" bezeichnet. Mit "normalen Menschen" hätten sie nichts gemeinsam.

Fest steht aber: Die Morde, Vergewaltigungen und Verstümmelungen, die an den Konfliktherden dieser Erde täglich begangen werden, können nicht nur verrückten Einzeltätern zugeordnet werden. Ganze Schulklassen morden als Kindersoldaten. Männer vergewaltigen in Gruppen oder richten "Andersgläubige" unter dem Beifall anderer Krieger hin. Liegt die Saat der Gewalt letztlich in uns allen?

Der Mythos vom "Aggressionstrieb"

Siegmund Freud hat daran geglaubt - an die Gewalt im Menschen. An einen angeborenen "Aggressionstrieb". Generationen von Wissenschaftlern haben sich daran abgearbeitet. Auch der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer, der sich schon vor fünf Jahren in seinem Buch "Schmerzgrenze" mit dem Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt beschäftigt hat: "Die Frage, ob es zur Ur-Natur des Menschen gehört, Gewalt auszusenden, ist natürlich auch für Neurobiologen hochinteressant", erklärt Bauer in einem Interview mit der Deutschen Welle.

Deutschland Prof. Joachim Bauer

Prof. Joachim Bauer: "Menschen sind bereit, für Wertschätzung Böses zu tun."

Und so haben Hirnforscher Experimente durchgeführt, die zeigen sollten, ob das Glückssystem im Gehirn anspringt, wenn Menschen - ohne vorangegangene Provokation - Aggression ausüben. Das Ergebnis: Für einen durchschnittlich gesunden Menschen ist es nicht lohnend, grundlos Aggressionen auszusenden. "Die entsprechenden Systeme im Gehirn springen darauf nicht an", erklärt Bauer. "Was die Systeme anspringen lässt, ist, wenn wir es schaffen, Zuwendung, Anerkennung und Wertschätzung zu bekommen."

Anerkennung als Triebfeder des Bösen

Die These klingt paradox und scheint doch wissenschaftlich belegbar zu sein: Unser Wunsch nach Anerkennung, nach den positiven Botenstoffen des Gehirns, sorgt nicht zwingend für gute zwischenmenschliche Beziehungen. Im Gegenteil: "Menschen sind bereit, für Wertschätzung und Zugehörigkeit Böses zu tun", sagt der Neurowissenschaftler.

Und so kann die Gehirnforschung hier vielleicht erklären, was in Soziologie und Sozialpsychologie schon so oft beschrieben wurde: Wie Jugendliche sich gewalttätigen Gruppen anschließen, weil sie sich hier endlich aufgehoben fühlen - und das Belohnungssystem ihres Gehirns begeistert ausschlägt. Ein Mechanismus, den Joachim Bauer auch bei den jungen Männern zu beobachten glaubt, die von Europa aus freiwillig in den Heiligen Krieg ziehen: "Man könnte verächtlich sagen, dass sind Loser. Aber man sollte in einer Gesellschaft keine Loser produzieren, weil genau diese Leute dann Gefahr laufen, sich radikalen Gruppen anzuschließen, in denen sie Selbstwert erfahren."

Ausgrenzung wirkt wie Schmerz

Salafisten in Frankfurt Hessen

Glücksrausch im Gehirn durch den Anschluss an radikale Gruppen - hier Salafisten in Frankfurt

Dass spätere Gewalttäter oftmals zu den Verlierern des Lebens gehören, ist keine neue Entdeckung. Von den Eltern vernachlässigt, in der Schule versagt, von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert. Immer wieder tauchen bei Täterbeschreibungen ähnliche Muster auf, werden von den Medien als Erklärungsversuche mantramäßig wiederholt.

Worüber selten gesprochen wird, ist, was die Erfahrung von Ausgrenzung und Diskriminierung im Gehirn tatsächlich bewirkt. Dabei haben Hirnforscher hierzu längst konkrete Ergebnisse vorliegen: "Bei Ausgrenzung und Demütigung springen im Gehirn die gleichen Areale an, die auch bei Schmerzen aktiv werden, die sogenannte Schmerzmatrix", führt Bauer aus. "Das heißt, aus Sicht des Gehirns ist Schmerz nicht nur eine körperliche Attacke, sondern auch soziale Ausgrenzung und Demütigung."

Und die Hirnforschung weiß heute, dass Schmerz der größte Antrieb ist, um Gewalt zu begehen. Vermutlich, weil das evolutionsbiologisch so festgelegt ist. Weil wir die Fähigkeit aggressiv zu sein bis heute brauchen, um uns bei Gefahren zu verteidigen. Und auch die Tatsache, dass unser Gehirn Ausgrenzung mit Schmerz gleichsetzt, ist durchaus evolutionär begründbar: Schließlich lebten schon unsere Vorfahren in sozialen Gruppen. Und ein Verstoß aus der Gruppe kam in der Regel einem Todesurteil gleich. "Da Schmerz der stärkste Stimulus für Aggression ist, kann man verstehen, warum Menschen oder Bevölkerungsgruppen, die von Ausgrenzung betroffen sind, eine erhöhte Bereitschaft zur Aggressivität zeigen", meint Bauer.

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