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Deutschland

Das Auswärtige Amt und die Judenvernichtung

Das Auswärtige Amt war tiefer in den Holocaust verstrickt als bisher bekannt. Im Abschlussbericht einer Historikerkommission heißt es, Diplomaten des Ministeriums hätten maßgeblich an der Ermordung von Juden mitgewirkt.

'Liquidation von Juden':Vermerk des Diplomaten Franz Rademacher in seiner Reisekostenabrechnung im April 1943 (Foto: dpa)

"Liquidation von Juden": Vermerk des Diplomaten Franz Rademacher in seiner Reisekostenabrechnung (1943)

Der Marburger Historiker Eckart Conze ist eindeutig in seinem Urteil über die Vergangenheit des Auswärtigen Amtes. Das Außenministerium in der Berliner Wilhelmstraße war während der Nazi-Zeit nicht, wie es sich selbst gerne darstellte, ein Hort des Widerstands. Im Gegenteil. Die meisten Diplomaten hätten schon die Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1933 als Erlösung empfunden, so Conze.

Das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße in Berlin 1927 (Foto: Deutsches Bundesarchiv)

Das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße in Berlin 1927

Später habe das Amt als Institution an den nationalsozialistischen Verbrechen mitgewirkt. Diplomaten seien Täter und Mitläufer gewesen. Nur wenige hätten sich dem Druck entzogen oder widersetzt. "Das Auswärtige Amt war von 1933 an an der Gewaltpolitik des Nationalsozialismus beteiligt. An der Verfolgung und dann auch der Ermordung der europäischen Juden hat es aktiv mitgewirkt und es war, man kann es gar nicht anders sagen, in diesem Sinne auch eine verbrecherische Organisation", benutzt Conze deutliche Worte.

Ernst von Weizsäcker und Thomas Manns Ausbürgerung

Mitgewirkt hatte zum Beispiel der Spitzendiplomat und spätere Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, Vater von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Als Gesandter in der Schweiz sorgte er dafür, dass der deutsche Schriftsteller Thomas Mann wegen seiner scharfen Kritik an den Nazis ausgebürgert wurde. Von Weizsäcker wurde als einer von wenigen deutschen Spitzendiplomaten wegen seiner Verstrickung in die Nazi-Politik nach dem Krieg zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt.

"Verdrängung von Geschichte" und "Geschichtsfälschung"

Dem Auswärtigen Amt gelang es dagegen in der Nachkriegszeit, seine Beteiligung an den Verbrechen zu vertuschen. Und mehr als das: Es half mit, gesuchte Nazi-Kriegsverbrecher im Ausland zu warnen und vor Verfolgung zu schützen. Historiker Conze. "Es geht um Verdrängung von Geschichte und es geht in diesem Sinne durchaus auch um Geschichtsfälschung. Es geht um das Vorenthalten von Informationen, es geht vor allem um systematische Arbeit im Sinne der Herausbildung der Geschichtslegende."

Vier Jahre lang haben Conze und sein Kollege Norbert Frei zusammen mit dem amerikanischen Historiker Peter Hayes und dem Israeli Moshe Zimmermann die Vergangenheit des Auswärtigen Amtes untersucht. Ihre Ergebnisse haben die Forscher in einem fast 900 Seiten starken Buch zusammengetragen. Am Donnerstag (29.10.2010) soll die Studie im Auswärtigen Amt in Berlin übergeben werden.

"Die deutsche Gesellschaft war verbrecherisch"

Moshe Zimmermann im April 2006 (Foto: AP)

Moshe Zimmermann (2006)

Für den in Jerusalem lehrenden Israeli Zimmermann steht fest: Die Verstrickung des Auswärtigen Amtes in den Nationalsozialismus war symptomatisch für die gesamte Gesellschaft: "Die deutsche Gesellschaft zwischen 1933 und 1945 war eine verbrecherische Organisation oder eine verbrecherische Gesellschaft und eine Organisation unter den anderen verbrecherischern Organisationen war auch das Auswärtige Amt. Aber das gleiche gilt auch für das Finanzamt oder für das Luftfahrtministerium. Das Problem ist, und das zeigt hier auch diese Studie, dass das Fundament korrupt war. Das Fundament war nationalsozialistisch, das Fundament war rassistisch."

In Verbrechen verstrickte Spitzendiplomaten

Bundesaußenminister Guido Westerwelle begrüßte den Bericht der Historikerkommission. Er sei ein wichtiges Dokument, das in Zukunft auch Bestandteil der Diplomatenausbildung werden sollte. "Es sind einige schockierende Erkenntnisse dabei, wie tief zum Teil Spitzendiplomaten in das Unrechtsregime, in die Diktatur, in das Verbrechen des Dritten Reiches involviert gewesen sind. Andererseits gab es auch ein paar Namen, die man nicht kannte, die sich mit unglaublichem Mut für den Schutz beispielsweise von Menschen, von jüdischen Mitbürgern eingesetzt haben", so Westerwelle.

Bundesaußenminister Westerwelle hat den Bericht nur übernommen. Es war Außenminister Joschka Fischer von der Partei "Die Grünen", der die Historikerkommission im Jahr 2005 nach einem internen Streit über das Gedenken an verstorbene Diplomaten mit der Arbeit beauftragt hatte.

Autor: Bettina Marx
Redaktion: Klaudia Prevezanos

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