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Asien

"Das Ausmaß ist noch nicht absehbar"

Zu den Organisationen, die den Menschen in den pakistanischen Hochwassergebieten helfen, gehört auch Malteser International. Über diesen Nothilfe-Einsatz hat DW-WORLD.DE mit Pakistan-Referent Jürgen Clemens gesprochen.

Jürgen Clemens, Pakistan-Referent bei Malteser International (Foto: Malteser International)

Jürgen Clemens, Pakistan-Referent bei Malteser International

DW-WORLD.DE: Wie ist die derzeitige Situation in Pakistan? Was wissen Sie von Ihren Mitarbeitern vor Ort?

Jürgen Clemens: Die Situation ist momentan schwer einzuschätzen, weil wir nur sporadisch Kontakt zu unseren im Swat-Tal arbeitenden Mitarbeitern haben. Wir haben dort seit September letzten Jahres - unter anderem mit Geldern des Auswärtigen Amtes - medizinische Nothilfe für die Flüchtlinge geleistet, die nach der Vertreibung durch die Kämpfe zwischen Armee und Taliban im Jahr 2009 wieder in ihre Städte und Dörfer zurückkehren konnten. Die Verträge mit diesen Nothilfe-Teams haben wir in Anbetracht der Hochwasser-Katastrophe verlängert. Jetzt werden wir unsere Hilfe für mindestens zwei, vielleicht auch drei Monate fortsetzen. Wir wissen, dass viele Brücken, Häuser und Straßen durch die Fluten überschwemmt und zerstört wurden. Und im Einzugsbereich der Flüsse, wo Erdrutsche oder Schlammlawinen die Berge herunter gekommen sind, sind auch viele Felder überflutet und Teile der Ernte zerstört worden.

Es soll auch in den kommenden Tagen weiter regnen. Auf was stellen Sie sich ein?

Bei den vor-Ort-Teams von Malteser International handelt es sich um rein medizinische Teams. Bislang haben wir nicht die Kapazitäten, in großem Umfang Rettungsarbeiten zu leisten. Außerdem haben wir dafür auch gar nicht die nötige Ausrüstung, wir haben keine Boote oder ähnliches. Dafür sind in Pakistan traditionell das Militär oder die Polizei zuständig, denn sie haben das nötige Equipment. Darauf müssen sich unsere Teams auch verlassen können. Unsere Aufgabe ist es zum Einen, medizinische Hilfe für Verletzte zu leisten. Und über kurz oder lang werden auch die Folgen der schlechten Nahrungsmittel- und vor allem Trinkwasserversorgung sichtbar werden. So werden beispielsweise viele Menschen unter Durchfallerkrankungen leiden, und auch ihre Behandlung fällt - wie schon bei den Swat-Rückkehrern - in unseren Aufgabenbereich. Um ihnen zu helfen, richten wir Cholera-Behandlungszentren ein.

Durch die Flut sollen ganze Dörfer verschwunden sein. Gibt es überhaupt die Möglichkeit, dort zu arbeiten, oder sind bestimmte Regionen gar nicht erreichbar?

Nach den mir vorliegenden Informationen sind einige Teile des Swat-Tals tatsächlich nicht zu erreichen. Unsere Teams konnten wegen zerstörter Brücken und unterspülten Straßen auch nicht in die Gesundheitsstationen gelangen, die sie bisher unterstützt haben. Da wir unser Büro im Hauptort des Swat-Tals haben, ist es aber glücklicherweise für uns relativ einfach, die Arbeit zu koordinieren. Wir koordinieren uns mit der Gesundheitsbehörde: Sie meldet bei uns Bedarf an für bestimmte Regionen, und wir schicken Teams dorthin.

Wieviele Mitarbeiter sind für die Malteser im Swat-Tal im Einsatz?

Im Swat-Tal sind es insgesamt 14. Wir haben drei medizinische Teams mit jeweils vier Personen: ein Arzt, ein Arzthelfer, eine ausgebildete Hebamme und ein Hygieneberater. Dazu kommt noch ein Projektleiter - der ebenfalls Arzt ist und die Teams anleitet und koordiniert - sowie eine Logistik- und Administrationskraft.

Was bedeutet die Flutkatastrophe für Ihr ursprüngliches Engagement vor Ort, die Organisation der Flüchtlingsrückführung ins Swat-Tal?

Für uns war die Unterstützung für die Flüchtlingsrückkehr im Prinzip nahezu abgeschlossen. Wir hatten uns eigentlich darauf vorbereitet, mit neuer finanzieller Unterstützung von Seiten der Bundesregierung in die Wiederaufbauphase einzusteigen. Das werden wir sicherlich auch zu gegebenem Zeitpunkt tun, aber jetzt müssen wir den Projektbeginn erst einmal verschieben. Aber wir arbeiten praktisch mit denselben Menschen zusammen: Menschen, die jetzt einfach in eine neue Notsituation geraten sind. Vorher stand die Reintegration im Vordergrund: Viele Flüchtlinge konnten glücklicherweise in mehr oder weniger intakte Häuser zurückkehren, die Zerstörungen waren nicht so schlimm wie befürchtet. Jetzt dagegen haben die Flutopfer im Prinzip alles verloren: ihre Häuser, ihr Vieh und auch ihre Felder. Für diese Menschen muss man eine komplett neue Hilfe konzipieren, eine Hilfe, die wir über die medizinische Nothilfe hinaus fortsetzen möchten.


Das Gespräch führte Thomas Kohlmann
Redaktion: Esther Broders

Jürgen Clemens ist Pakistan-Referent bei Malteser International.