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Wirtschaft

Das Aus für die Steinkohle rückt näher

Nach mehr als 100 Jahren schließt die "Auguste Victoria" in Marl - eine der letzten deutschen Zechen. Doch ohne Kohle kommt Deutschland bei der Stromerzeugung auch künftig nicht aus.

Der deutsche Steinkohlenbergbau steuert mit Riesenschritten auf sein endgültiges Aus zu. Nach 116 Jahren ist nun Schicht im Schacht auf "Auguste Victoria" in Marl. Hier förderten bisher über 3.000 Kumpel pro Jahr mehr als drei Millionen Tonnen Kohle zu Tage.

Übrig bleiben dann nur noch die Zeche "Prosper Haniel" in Bottrop und das Bergwerk in Ibbenbüren. Beide werden 2018 geschlossen. Dann endet ein traditionsreiches Kapitel deutscher Industriegeschichte. Gegenüber der preiswerteren Importkohle hatte deutsche Steinkohle schon lange keine Chance mehr; die Bundesrepublik importiert inzwischen pro Jahr über 50 Millionen Tonnen davon aus dem Ausland.

Die Zeiten, als Steinkohle noch wie Gold glänzte, liegen lange zurück. Ende der 1950er-Jahre gab es in Deutschland noch 153 Steinkohlebergwerke. Mit einer Jahresförderung von 125 Millionen Tonnen leisteten mehr als 600.000 Bergleute einen wichtigen Beitrag zum Aufschwung der Wirtschaft.

In den 1960er-Jahren wehten dann die ersten schwarzen Fahnen auf den Fördertürmen, wurden Zechen dichtgemacht. Es gehört zu den großen sozialpolitischen Leistungen der vergangenen Jahre, dass im Zuge des Zechensterbens bislang kein Kumpel in die Arbeitslosigkeit entlassen wurde. Auch nicht auf "Auguste Victoria". Viele wechseln zu "Prosper Haniel" oder in den Vorruhestand.

Nur ein paar hundert sind im kommenden Jahr noch mit der "Abrüstung" ihrer Zeche in Marl beschäftigt. Sie bereiten die Entwässerung der Schächte vor und holen wertvolle Maschinen an die Oberfläche, die dann von der RAG Mining Solutions, einer Tochterfirma des RAG-Konzerns, zum Verkauf angeboten werden.

Steinkohlenbergwerk Augste Victoria in Marl

Förderturm im Steinkohlenbergwerk Augste Victoria in Marl

International gefragtes Know-how

An Interessenten aus dem Ausland, so Geschäftsführer Martin Junker, mangelt es nicht. Schon in den vergangenen Jahren verkaufte die RAG Mining Solutions gebrauchte Maschinen aus dem Bestand bereits stillgelegter Bergwerke. Zum Beispiel große Grubenlüfteranlagen und Schachtfördermaschinen in die Türkei. "Aber wir verkaufen auch nach Polen, nach Tschechien, nach Russland und in die Ukraine", so Junker.

Zum Verkauf gelangt die komplette Untertage-Einrichtung eines Bergwerks. Von Vortriebsmaschinen über konventionelle Sprengvortriebe bis hin zu den unmittelbaren Gewinnungsgeräten wie etwa großen Walzenladern. Neben dem Verkauf gebrauchter Maschinen bietet das Unternehmen auch Beratung an. "Wir beraten über den kompletten Lebenszyklus des Bergbaus. Also von der Auffindung der Kohle über die Bewertung der Lagerstätte bis hin zur Planung eines Bergwerks", sagt Junker.

Deutsches Bergbau Know-how bleibt auch nach dem Aus für die heimische Steinkohle weltweit gefragt. Ebenso wie die Produkte deutscher Hersteller von Bergbaumaschinen. Schon heute erzielen die Zulieferfirmen im Bergbau über 90 Prozent ihres Umsatzes von vier Milliarden Euro im Ausland, sagt Paul Rheinländer, der Vorsitzende des Fachverbandes.

Zu den Hauptabnehmern gehören Australien, China, Russland und die USA. Die Anforderungen der Kunden unterscheiden sich stark. "In Australien steht die Automatisierung im Vordergrund, um eine möglichst hohe Produktivität zu erreichen", sagt Rheinländer. In Russland braucht man nach seinen Worten besonders standfeste Maschinen, die möglichst wartungsfrei arbeiten können. Chinesen dagegen seien an möglichst hoher Produktivität interessiert: "Hier geht es fast ausschließlich um den Output."

In Zukunft Importkohle

Unabhängig vom Export glaubt Rheinländer auch an eine Zukunft auf dem deutschen Markt - abseits der Steinkohle. "Zum Bergbau gehören auch Stein- und Erdkiesgruben. Und da ist immer Bedarf." Zum Beispiel für den Abbau von sieben Tonnen Kali- und Magnesiumprodukten im Jahr sowie für die Förderung von 60 Millionen Tonnen an keramischen Rohstoffen und Industriemineralien, bestätigt Martin Weddig vom Verband Rohstoffe und Bergbau.

Mit der Stilllegung der Zeche "Auguste Victoria" geht der 2011 politisch beschlossene Ausstieg aus der deutschen Steinkohle in die finale Phase. Wurden 1980 noch fast 87 Millionen Tonnen gefördert, waren es 2014 nur noch rund 7,5 Millionen Tonnen. Drei Millionen davon wurden auf der "Auguste Victoria" gefördert - und entfallen jetzt.

Waren 2005 noch mehr als 38.000 Menschen im Steinkohlenbergbau an der Ruhr und der Saar beschäftigt, schrumpft deren Zahl nunmehr auf nur noch rund 8000. Aber auch nach dem Aus für die verbliebenen zwei Bergwerke im Jahr 2018 kommt zur Stromerzeugung in Deutschland reichlich Steinkohle zum Einsatz, und zwar zu 100 Prozent Importkohle. Der Anteil von Steinkohle am Energiemix liegt bei 18 Prozent. Daran dürfte sich so bald nichts ändern, da 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen und der Ausbau der erneuerbaren Energie noch Zeit braucht.

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