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Deutschland

Das Asylheim am Rande der Stadt

Seit Monaten wird in Leipzig über die Unterbringung von Asylsuchenden gestritten. Die Stadt möchte ein neues Asylbewerberheim bauen, am äußersten Stadtrand. Kritiker sind entsetzt, die Verantwortlichen schweigen.

Das alte Leipziger Asylbewerberheim an der Torgauer Straße (Foto: Ronny Arnold)

Das alte Leipziger Asylbewerberheim an der Torgauer Straße

Ein Ort zum Leben ist es nicht. Weit draußen im Leipziger Osten, da wo Gewerbegebiete enden, beginnt sie, die Wodanstraße. Hier rauscht höchstens vorbei, wer die Stadt verlassen will. Nicht weit entfernt donnern Autos über die vielbefahrene A14. Bis zur nächsten größeren Wohnsiedlung in Richtung Innenstadt ist es eine halbe Stunde Fußmarsch. Ein paar alte Baracken stehen auf der grau-grünen Stoppelwiese, ansonsten ist hier weit und breit nichts. Ein ideales Ambiente für Asylsuchende, finden die Verantwortlichen im Leipziger Rathaus. "Unwürdig, viel zu weit weg von der Innenstadt und vielleicht sogar gefährlich", meint hingegen Hassan aus dem Iran. Mit skeptischem Blick schaut sich der 28-jährige Asylbewerber um und kann nicht verstehen, warum die Stadtväter gerade dieses Gelände ausgesucht haben. Denn genau hier, in dieser Einöde am Rande städtischer Zivilisation, will die Stadt Leipzig ein neues Asylbewerberheim bauen. Eine Art Containerhaus soll es werden, Systembauweise nennen das Planer.

Gegner schlagen Alarm

Hassan auf dem Gelände des geplanten Asylbewerberheimes (Foto: Ronny Arnold)

Hassan auf dem Gelände des geplanten Asylbewerberheimes

Hassan kam vor knapp zwei Jahren nach Deutschland, seitdem wohnt er im Asylbewerberheim. Falls die Stadt ihre Pläne in die Tat umsetzt, müsste er in die Wodanstraße umziehen. Doch soweit soll es nicht kommen. Noch bevor im Juni vergangenen Jahres der Stadtrat den Containerbau mit knapper Mehrheit beschloss, schlugen die Gegner Alarm. Es folgten Unterschriftenaktionen im Internet und Protestkundgebungen vor dem Rathaus. Mittendrin war auch Juliane Nagel, Stadträtin der Linken. Sie ist schockiert, "dass die Stadt, die sich rühmt so migrantenfreundlich zu sein, diese Situation nicht im Blick hat." Dieses Heim am Stadtrand mache keinen Sinn, weil die Migranten dadurch viel zu weit weg seinen, von Beratungsstellen, Ämtern, sozialer Infrastruktur. Und sie könnten sich die Fahrtkosten für Bus und Bahn kaum leisten, um zwischen Wodanstraße und Leipzigs Innenstadt zu pendeln.

Von Abschiebung der Neuankömmlinge ist die Rede, von Ausschluss statt Integration. Besonders heikel ist für viele eine Passage im Stadtratsbeschluss, die das neue Heim "nicht unmittelbar in einem Wohngebiet, insbesondere entfernt von Schulen, Kindergärten und Spielplätzen" gelegen sehen will. Organisationen wie der Flüchtlingsrat und die Gesellschaft für Völkerverständigung schreiben offene Briefe ans Sozialdezernat. Diese Ausgrenzung verstärke die bereits vorhandenen sozialen Probleme bei den Asylsuchenden, kritisiert Sonja Brogiato, die Sprecherin des Leipziger Flüchtlingsrates. Natürlich kenne sie die Probleme in den Heimen; sie könne deshalb sogar die Bedenken der Stadt verstehen. "Es gibt unter den Asylbewerbern eine handvoll schwer Heroinabhängiger und wir kennen die Konfliktfelder, die sich daraus ergeben." Warum diese Wenigen die Optionen der Stadt diktieren und man deshalb Entscheidungen zu Lasten aller anderen Asylbewerber trifft, weiß sie nicht. "Hier werden alle über einen Kamm geschoren und ausgegrenzt. Das halten wir für nicht legitim."

Schweigen im Walde

Doch alle Kritik und die vielen Bedenken gegenüber dem Wohnprojekt "Wodanstraße" scheinen an den Verantwortlichen im Leipziger Rathaus abzuprallen. Die Stadtväter hüllen sich in Schweigen bei der Frage, warum in Leipzig Asylsuchende von Wohngebieten, Schulen und Kindergärten ferngehalten werden sollen. Seit wenigen Wochen ist nun zumindest klar, warum sie den Neubau so plötzlich und übereilt durch den Stadtrat bringen wollen: Für das Gelände, auf dem das derzeitige Asylbewerberheim steht, interessiert sich ein Investor. Deshalb sollen die Bewohner so schnell wie möglich umziehen. Offiziell will sich die Stadt aber auch dazu lieber nicht äußern.

Bis zum plötzlichen Stadtratsbeschluss im letzten Sommer war es jahrelang still um Leipzigs Neuankömmlinge. Etwa 800 Asylbewerber sind derzeit in der Stadt registriert, rund zwei Drittel von ihnen leben bereits in eigenen Wohnungen oder Wohngemeinschaften. Ein positiver Wert, bestätigen sogar die Kritiker der Leipziger Asylpolitik. Die restlichen knapp 300, um die es nun in diesem Streit geht, wohnen auf zwei Heime verteilt. Die Familien und Kinder leben in der Liliensteinstraße in Leipzigs größtem Plattenbaugebiet Grünau, die alleinstehenden Männer in der Torgauer Strasse, nur ein paar Gehminuten von der Wodanstraße entfernt. Dieses Haus, in dem im Moment auch Hassan aus dem Iran lebt, ist marode. Es müsste saniert werden, um es auch in Zukunft nutzen zu können. Doch nun gibt es eben diesen Investor, über den sich die Stadt lieber ausschweigt.

Zukunft bleibt offen

Einzig und allein wirtschaftliche Gründe seien dafür maßgebend, dass das neue Asylbewerberheim am Stadtrand gebaut werden müsse, meinen die Verantwortlichen im Rathaus. Der Erhalt zweier Heime, die nur zu etwa 60 Prozent ausgelastet seien, wäre auf Dauer einfach zu teuer. Den Kritikern reicht das nicht, sie wollen eine menschenwürdige Unterbringung. Doch als der Initiativkreis zur Unterbringung von Asylbewerberinnen im November letzten Jahres eine Podiumsdiskussion veranstaltet, um Alternativen zu diskutieren und Modellprojekte anderer Städte vorzustellen, sagen der verantwortliche Sozialbürgermeister sowie Vertreter des Landesministeriums kurzerhand ab. Die Stadt will ihre Pläne durchbringen und ignoriert die Stimmen der Gegner.

Doch die Rechnung geht nicht auf. Der Grund dafür ist simpel: Auf die Bauausschreibung gibt es nur eine Bewerbung, und die ist viel zu teuer. Die Kritiker sind nun erleichtert: Die Unterkunft am Stadtrand wird vorerst nicht gebaut. Aus dieser Schlappe ergibt sich nun eine realistische Chance, dass im Stadtrat noch einmal neu über die Möglichkeiten von Integration und sozialem Miteinander gesprochen wird. Das wünscht sich zumindest Katharina Krefft von den Grünen. Für die Stadträtin war "das Ganze nicht von den Menschen her gedacht, sondern nur von den wirtschaftlichen Gründen". Auch Hassan, der 28-jährige Iraner, ist erst einmal erleichtert und hofft nun auf eine bessere, auf eine angemessene Unterbringung. Zum Beispiel in einer der zahlreichen Wohngemeinschaften, die es auch jetzt schon für Asylbewerber in Leipzig gibt: "Irgendwann endlich raus aus diesem Heim, das ist sehr wichtig für uns." Wo es für ihn und die 300 anderen Asylbewerber genau hingehen wird, weiß derzeit noch niemand. Doch zumindest in die Wodanstraße müssen sie nun wohl nicht, das ist ziemlich sicher.

Autor: Ronny Arnold

Redaktion: Dеnnis Stutе

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