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Wissen & Umwelt

Das Anthropozän - Erdgeschichte im Wandel

Unsere Erde ist im geologischen Umbruch. Sie entwickelt sich nicht mehr natürlich, sondern wird von uns Menschen beeinflusst. Forscher sprechen hier vom Anthropozän: Einer von Menschen geformten geologischen Epoche.

Geologen und Wissenschaftler anderer Disziplinen beobachten seit einiger Zeit einen dramatischen, geologischen Umbruch: Eine vermeintlich natürliche Umwelt, wie sie in romantischen Vorstellungen existiert, gibt es in Zeiten der fortschreitenden Industriegesellschaft gar nicht mehr. In früheren Epochen der Erdgeschichte breitete sich Wildnis noch von selbst aus. Landschaften waren durch Flüsse, Vulkane, Erdbewegungen und natürliche Klimaänderungen geprägt. Heute sind es maßgeblich wir Menschen, die diese Entwicklung beeinflussen.

Der Klimawandel gilt vielen Forschern als Beispiel dafür: Er werde durch den hohen Ausstoß an Treibhausgasen beschleunigt und lasse die globale Temperatur nach oben schnellen. In der Folge warnen sie vor einem Anstieg des Meeresspiegels. Dies führe im großen Maßstab zu Veränderungen von Küstenlinien. Auch warnen Klimaforscher vor menschengemachten Dürren in vielen Weltregionen und der Zerstörung fruchtbarer Böden.

Blick aus dem All auf die türkische Stadt Istanbul (Foto: NASA/ ISS-Team)

Aus dem All ist deutlich erkennbar, wie der Mensch seine Welt verändert

Abschied von der Natur

Diese Erkenntnis bewirkt auch ein radikales Umdenken in den Wissenschaften: Eine Natur, die im Gegensatz zur menschlichen Kultur steht und die sich von selbst entfaltet gebe es demnach nicht mehr. Vielmehr würden die Erde und ihre Umwelt maßgeblich von uns Menschen beeinflusst. Die Forscher sprechen daher vom Anthropozän. Und dieses Konzept erschüttert die althergebrachte Weltdeutung im Kern.

Denn bisher habe man vor allem zwischen der meist "guten Natur" und dem oft "bösen Menschen mit seiner Technik" unterschieden, sagt Geologe Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin, der intensiv zum Anthropozän forscht. Doch diese Unterscheidung ist für ihn längst überholt. "Wir sind inzwischen so weit, dass der Mensch die Natur dermaßen umgestaltet hat, dass wir sagen müssen, es gibt diese Natur im früheren Sinne nicht mehr", erläutert Leinfelder. Für ihn und viele seiner Forscherkollegen sind wir Menschen daher Teil einer neuen Natur. Und die lasse sich nicht mehr von ihrer Prägung durch Technik trennen.

Drei Viertel der festen Erdoberfläche sind umgestaltet

Mensch und Natur werden beim Anthropozän also als eins gedacht. Der Gegensatz von einer sich natürlich entwickelnden Umwelt einerseits und einer technisierten Gesellschaft andererseits wird so aufgehoben. Der Geologe hält das für konsequent, denn bereits heute haben die Menschen etwa 75 Prozent der festen Erdoberfläche umgestaltet.

Kupfermine in der Mongolei (Foto: dpa)

Die Suche nach Rohstoffen versetzt Berge

Durch die industrielle Landwirtschaft etwa werden Böden im großen Maßstab umgeschaufelt, Städte- und Bergbau tun ihr übriges. Gegenwärtig wird so dreißig Mal mehr der festen Erdoberfläche umgelagert, als es durch natürlich Prozesse der Fall wäre. Hinzu kommt, dass zahlreiche Tierarten aussterben. Und diese Rate ist Schätzungen zufolge etwa einhundert Mal höher als bei natürlichen Prozessen. Einige Forscher sprechen gar von einer bis zu tausend Mal höheren Aussterberate. Für den Geologen Reinhold Leinfelder steht daher fest: "Was wir an Ablagerungen, an geologischen Schichten, in Zukunft haben werden, das wird ganz stark unsere Handschrift tragen." 

Industrialisierung als Wendepunkt

Und tatsächlich werden die künftigen Sedimentablagerungen von unseren Umwelteingriffen zeugen: Archäologen werden Reste unserer Nutztiere in diesen Ablagerungen genauso finden wie Spuren von Zuchtpflanzen und Plastikpartikel. Solche charakteristischen Sedimentablagerungen sind genau das, was von den einzelnen geologischen Epochen zeugt. Die jüngste Epoche ist dabei das Holozän. Es begann vor rund 11.000 Jahren, also nach der letzten Eiszeit und zeichnete sich vor allem durch stabile Umweltbedingungen aus. Mittlerweile wird das Holozän vom Anthropozän abgelöst.

Wann genau das Anthropozän begann, ist unter den Forschern allerdings strittig. Denn bereits vor rund 10.000 Jahren entstand die Landwirtschaft und mit ihr gab es die ersten systematischen Eingriffe in die Natur. Nur waren sie damals noch lokal begrenzt. Die Forscher sind sich aber einig, dass spätestens durch die Industrialisierung im 18. Jahrhundert die globale Naturbeeinflussung begann.

Experiment planetaren Ausmaßes

Das Rad eines Schaufelradbaggers (Foto: dpa)

Die Epoche der Technik

"Bereits Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts haben wir ein Experiment planetaren Ausmaßes begonnen", sagt Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck–Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. "Die Folgen konnte damals natürlich niemand übersehen, bis heute stellen sie allerdings eine Herausforderung für uns dar", ergänzt der Wissenschaftshistoriker.

Zu diesen Herausforderungen gehören etwa Bleiablagerungen in Böden, die sich bis heute nachweisen lassen. Und die Naturbeeinflussung nimmt seitdem ständig zu: Monokulturen lassen Böden erodieren, der Tagebau versetzt Berge, die landwirtschaftliche Flurbereinigung verändert ganze Kulturlandschaften, ebenso wie die Begradigung von Flüssen. Hinzu kommt die Landgewinnung aus dem Meer. Auch radioaktiver Müll wird noch in hunderttausenden von Jahren nachzuweisen sein. All das prägt unsere Erde dauerhaft. Natur sowie der Mensch und seine Technik gehören daher untrennbar zusammen.

Ein Tulpenfeld in Holland (Foto: dpa)

Solche Kulturlandschaften hat der Mensch seit über eintausend Jahren dem Meer abgetrotzt

Keine Rückkehr ins Holozän

Diese Sichtweise teilt auch Technikhistoriker Professor Helmuth Trischler. Durch unsere Eingriffe in die Natur haben wir die Erde bereits irreversibel umgestaltet, sagt Trischler. Für ihn steht daher fest: "Wir können nicht in einen Urzustand zurückkehren, der da Holozän heißt." Das bringe aber auch Probleme mit sich, wie Überfischung, Austrocknung von Böden oder Abfallhalden. Diese Herausforderungen wiederum sind ohne Technik und weitere Eingriffe in die Natur auch künftig nicht zu bewältigen.

Also seien neue Techniken gefordert, die bekannte Probleme nicht verschlimmern: Ein Abschied von der Industriegesellschaft, quasi als Problembewältigung, sei keineswegs die Lösung. Im Anthropozän wird der Mensch mit seiner Technik daher als Teil der Natur gedacht. Und auch für Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn steht fest, dass es für uns Menschen eine Zeit nach dem Anthropozän nicht geben kann. Vielmehr gehe es darum, diese Epoche verantwortungsbewusst zu gestalten.

Die Diskussion über das Anthropozän will also vor allem eines: Das Bewusstsein dafür schärfen, dass wir in einer von uns Menschen geprägten geologischen Epoche leben - und dass wir diese verantwortlich und nachhaltig gestalten müssen.

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