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Kultur

Das Amt als Beute?

Am 30. Juni wird in Deutschland ein neuer Bundespräsident gewählt. Über die Kandidaten wird heftig diskutiert – auch Künstler haben sich jetzt zu Wort gemeldet und werben öffentlich für den Kandidaten Joachim Gauck.

(Foto: picture alliance/ Bildagentur Huber/ DW-Montage)

Die Liste ist eindrucksvoll. Sie liest sich wie das "Who is who" der deutschen Literatur- und Intellektuellenszene. 146 Schriftsteller und Verleger, Historiker, Publizisten und Wissenschaftler haben den Appell, Gauck zum Bundespräsidenten zu wählen, unterzeichnet, der am Wochenende in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erschienen ist. Er lautet: "Die Unterzeichnenden sind der Überzeugung, dass Joachim Gauck der zukünftige Bundespräsident werden sollte. Joachim Gauck bringt alle Voraussetzungen für dieses Amt mit. Die Wahl von Joachim Gauck wäre eine historisch richtige Entscheidung von großem gesellschaftlichem Wert."

Joachim Gauck ist Kandidat der Oppositionsparteien SPD und Grüne. Er ist Theologe, DDR-Bürgerrechtler und war lange Zeit Chef der Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen. Die anderen Kandidaten sind Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff von der CDU und Luc Jochimsen von den Linken. Auch die rechte NPD tritt mit einem eigenen Kandidaten an.

Joachim Gauck (Foto: apn Photo/Berthold Stadler)

Joachim Gauck

Mann mit Erfolg

Zu den Unterzeichnern gehört auch der Schriftsteller Burkhard Spinnen. Für ihn ist Gauck der bessere Kandidat, weil sich in seiner Person "die Erfahrung der Teilung, das Leben im komplizierteren Teil Deutschlands - 40 Jahre lang - widerspiegelt und sich seine Erfahrungen mit den Schwierigkeiten des Zusammenfindens der Deutschen doch regelrecht ballen und drängen", so Spinnen im Interview mit der Deutschen Welle.

Auch in den Tagen zuvor hatten sich vor allem Schriftsteller in diversen Zeitungsartikeln für Joachim Gauck ausgesprochen. Die Autorin Katja Lange-Müller schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 8. Juni: "Mit Gauck bekämen die wirklich Mächtigen nicht einen ihrer pflegeleichten Projektionspappkameraden und dekorativen Grüßonkel, denen sie das Amt des Bundespräsidenten so gern überlassen, um sie dann, im Unterschied zu den Medien, nur klammheimlich zu verhöhnen."

Kein Berufspolitiker

Bereits ganz zu Beginn der Debatte, kurz nach dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler, hatte sich der Philosoph und Buchautor Rüdiger Safranski für Gauck ausgesprochen. Safranski plädierte unter anderem deshalb für Gauck, weil dieser kein Berufspolitiker sei. Er wünsche sich einen solchen Quereinsteiger, so Safranski.

Geradezu empört zeigte sich die Schriftstellerin Monika Maron in einem Beitrag der Wochenzeitschrift "Der Spiegel" vom 14. Juni. Das Präsidentenamt werde als "Beute der Parteien angesehen", kritisiert Maron, das Volk werde "vorgeführt". "Die ungeheure Zustimmung für Joachim Gauck" entspringe "dem Bedürfnis nach einer klaren, nicht von taktischem Kalkül verstellten Stimme, nach einer Autorität, die nicht vom Amt, sondern von den Menschen ausgeht, beglaubigt durch dessen Lebensweg und Taten".

(Foto: Screenshot der Website www.wir-fuer-gauck.de)

Playdoyer auch im Internet: die Website "www.wir-fuer-gauck.de"

Avantgarde war immer links

Sind Deutschlands Intellektuelle also zu zahm und zahnlos? Burkhard Spinnen sieht das anders. Für ihn zeigt das aktuelle Engagement vielmehr einen Paradigmenwechsel an. Künstler und Intellektuelle seien jahrzehntelang fixiert gewesen, sich in ähnlichen politischen Feldern zu äußern, wie das auch die Parteien täten. "Es gab da immer einen gewissen Anschluss, Avantgarde war immer links gewissermaßen. Ich glaube, Künstler und Intellektuelle haben ganz besonders gespürt, dass das parteipolitische Engagement, dass also die Unterstützung bestimmter politischer Gruppen, nicht mehr das ist, was in die Zukunft weist in Bezug auf die politische Partizipation."

Für Spinnen steht der Aufruf für Joachim Gauck stellvertretend für das gesellschaftliche Engagement einer neuen Generation, die weniger eingebunden ist in das tägliche Einerlei der Partei-Politik und sich dann vielleicht wieder besser einschalten kann.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Conny Paul

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