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Welt

Das Afrikanische Viertel in Berlin

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist im öffentlichen Bewusstsein kaum noch präsent. Im Berliner Stadtteil Wedding erinnern Straßennamen an diese längst vergangene Episode der Geschichte.

Afrikanische Straßennamen in Berlin (Foto: Katrin Ogunsade)

Die Afrikanische Straße ist die Hauptader des Viertels

Es ist noch früh am Morgen, nur wenige Fußgänger sind auf der Straße unterwegs. Der Himmel ist blau und im Licht der Sonne fallen die schmutzigen Straßenschilder besonders ins Auge: "Afrikanische Straße" steht in schwarzen Buchstaben auf gräulich verfärbtem Untergrund. Sie bildet die Hauptader des Viertels, in dem viele Straßen und Plätze nach afrikanischen Ländern benannt sind. Togostraße, Kamerunerstraße, Usambarastraße, Windhukerstraße – die Namen erinnern an die ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika oder an einflussreiche Kolonialherren. Bereits 1899 entstand in Berlin das Afrikanische Viertel: der Hamburger Tierparkbesitzer Carl Hagenbeck wollte das Gelände in einen exotischen Park verwandeln und dort afrikanische Tiere und Menschen vorführen. Die Pläne scheiterten, doch das Viertel war geboren: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Straßen mit afrikanischen Namen getauft.

Geschichte wieder bewusst machen

Straßen im Afrikanischen Viertel Berlin (Foto: Katrin Ogunsade)

Die Straßennamen beziehen sich auf die Kolonialpioniere Gustav Nachtigal und Carl Peters

Nachtigalplatz, Ecke Petersallee. An einem Kiosk stehen zwei Männer in Arbeitskleidung bei einem Becher Kaffee. Woran erinnern sie die Straßennamen im Viertel? "An die Amerikaner?" mutmaßt der eine. "Keene Ahnung", sagt der andere. Die Kioskbesitzerin ist ähnlich ratlos. Sie ist im Afrikanischen Viertel zuhause. Dass die Namen "irjendwat mit Afrika" zu tun haben, sei ihr natürlich bewusst. Aber wie sie zustande kamen? Da müsse auch sie passen. Christian Kopp vom Verein "Berlin Postkolonial" hat die Gespräche am Kiosk mit angehört. Er bekomme oft ähnliche Reaktionen aus der Bevölkerung. Sein Verein setze deshalb auf Aufklärung. Straßennamen dienten nicht nur der Orientierung, sondern auch der Geschichte. Und da sich einige bis heute unkritisch und positiv auf das ehemalige deutsche Kolonialreich bezögen, bestehe dringender Handlungsbedarf.

Widerstandskämpfer statt Kolonialpioniere

So wie an dieser Straßenkreuzung einige hundert Meter weiter zum Beispiel: hier treffen die Usambarastraße und die Petersallee aufeinander. Letztere erinnert an den Kolonialpropagandisten Carl Peters, der mit Gewalt und durch zweifelhaft zustande gekommene Verträge die Kolonie Deutsch-Ostafrika mitbegründete. Nach Protesten von Aktivisten in den 80er Jahren wurde die Petersallee umgewidmet. Der Name blieb, bezieht sich allerdings nun offiziell nicht mehr auf Carl Peters, sondern auf den Berliner Stadtverordneten Hans Peters. Darauf weist eine kleine Tafel über dem Straßenschild hin.

Petersalle in Berlin (Foto: Katrin Ogunsade)

Die umstrittene Petersallee wurde hier inoffiziell umbenannt

Nicht gerade ein kritischer Umgang mit der Geschichte, findet Christian Kopp. Dieser Meinung muss wohl auch derjenige gewesen sein, der den Namen auf dem Straßenschild überklebt hat: statt "Petersallee" ist jetzt in halb zerrissenen Buchstaben "Witbooi-Allee" zu lesen. Ein Verweis auf einen afrikanischen Widerstandskämpfer, der sich den Deutschen in der ehemaligen Kolonie "Südwestafrika" in den Weg gestellt hatte. Die an dieser Stelle durch Unbekannte inoffiziell vollzogene Umbenennung könnte zum Vorbild werden, so Christian Kopp: "Die Perspektive der Erinnerung sollte umgekehrt werden. Statt grausamer Kolonialpioniere sollten afrikanische Widerstandskämpfer genannt werden". "Berlin Postkolonial" fordert jedoch keineswegs die Umbenennung aller Straßennamen: in den meisten Fällen sei es ausreichend, durch Erklärschilder auf den kolonialen Kontext hinzuweisen.

Dauerkolonie Togo

Die Fläche zwischen Togostraße, Petersallee und Ottawistraße ziert eine kleine, aber schmucke Kleingartenanlage. Ein großes rechteckiges Schild am Eingang lässt keinen Zweifel daran, wo man sich befindet: "Dauerkolonie Togo" steht in großen Blockbuchstaben darauf. Ein schmaler Fußpfad lädt zum Spazieren ein.

Gartenanlage im Wedding (Foto: Katrin Ogunsade)

Eine Kleingartenanlage im Berliner Wedding

Doch an diesem Morgen ist kaum etwas los. Peter Hass gehört zu den wenigen Kleingärtnern, die geschäftig in der Anlage unterwegs sind. Der Rentner zieht eine Sackkarre hinter sich her, transportiert damit Gründüngung in seinen Garten. Für ihn und seine Frau ist die Kolonie eine Art zweite Heimat, im Sommer verbringen sie hier viele Tage und Stunden, erzählt er. Die Frage nach dem Namen der 1939 gegründeten Anlage überrascht ihn nicht. "Dauerkolonie Togo", eine Anspielung auf den verlorenen Besitz der Deutschen in Afrika? "Keineswegs", sagt Peter Hass bestimmt. "Das Wort ‚Kolonie’ bezieht sich hier in Berlin einfach auf eine Ansammlung von Gärten." Und den Namen Togo habe die Anlage von der angrenzenden Togostraße übernommen. Die Erklärung leuchtet ein. Dennoch, der Name der Anlage weckt seltsame Assoziationen an längst vergangene deutsche Kolonialträume.

Afrikaner im Wedding

Assibi Wartenberg (Foto: Katrin Ogunsade)

Assibi Wartenberg besitzt ein afrikanisches Restaurant

Um sich nach dem Spaziergang durch die Gartenanlage wieder aufzuwärmen, bietet das Restaurant "Relais de Savanne" in der Prinzenallee eine hervorragende Adresse. In ihrem "Rastplatz in der Savanne" serviert Inhaberin Assibi Wartenberg würzig gefüllte Teigtaschen mit Salat, dazu heißen Kaffee. Vor drei Jahren hat die gebürtige Togolesin das Lokal eröffnet, ist seitdem heimisch geworden im Wedding. "Menschen, Mentalitäten, Läden, hier ist alles afrikanisch", sagt sie. "Wer Afrika sucht, der sollte in den Wedding kommen." Mit ihrem Restaurant will sie einen Treffpunkt schaffen, nicht nur für Afrikaner, sondern für alle, die sich für Afrika interessieren. Die verschiedenen Gruppen, die sich bei ihr treffen, sollen sich in dem Lokal zuhause fühlen. Ein Stück Heimat finden, mitten im Afrikanischen Viertel in Berlin.

Autorin: Katrin Ogunsade

Redaktion: Klaudia Pape