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Welt

Das Afghanistan-Trauma der NATO

Angesichts des Mordens in Syrien werden die Forderungen nach einer Militärintervention lauter. Doch die Bereitschaft der NATO-Staaten ist gering - die Kriege im Irak und in Afghanistan sind ihnen eine Warnung.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (Archivbild vom 22.10.2011: dpa)

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (Archivbild vom 22.10.2011: dpa)

Das war kein Krieg, wie John Nagl ihn kannte. Bei seinem ersten Einsatz war die Situation noch einigermaßen übersichtlich gewesen: 1991 führte Nagl einen Panzerverband der US-Armee gegen die irakischen Truppen an, die Kuwait besetzt hatten. "Ich kämpfte gegen einen konventionellen Feind in Uniform", sagt er. Zwölf Jahre später wurde er erneut in den Irak geschickt. "Der Charakter des Kampfes hatte sich fast komplett verändert", sagt Nagl. "In der Provinz Al-Anbar kämpfte ich gegen einen Feind, der einen Krieg im Schatten führte, der fast unsichtbar war." Unter anderem war der Oberstleutnant in Falludscha eingesetzt. Bei den Kämpfen starben 2004 hunderte Zivilisten, große Teile der Stadt wurden zerstört.

Im Dezember 2004 kehren geflohene Einwohner nach Falludscha zurück (Foto: dpa)

Im Dezember 2004 kehren geflohene Einwohner nach Falludscha zurück

"Wir mussten im Verlauf des Kampfs im Irak viel lernen", sagt Nagl. Heute ist er einer der einflussreichsten Theoretiker der asymmetrischen Kriegführung - unter anderem als Mitautor des Handbuchs zur Aufstandsbekämpfung der US-Armee, das innerhalb der NATO richtungweisend ist. "Konventionelle Armeen sind dafür gemacht, konventionelle Armeen zu besiegen, so wie ein Hammer dazu da ist, Nägel einzuhämmern", sagt Nagl. "Wenn man versucht, damit Schrauben festzuziehen, hat man Probleme."

Kaum zu gewinnen

Wie groß die Probleme geworden sind, zeigt die umfassendste Studie zum Thema, für die 286 Aufstände zwischen 1800 und 2005 untersucht wurden: Waren die Großmächte bis zum Ersten Weltkrieg noch in rund vier Fünftel der Fälle erfolgreich, sank das Verhältnis danach kontinuierlich. Zwischen 1976 und 2005 wurde gar nur noch ein Viertel der Aufstandsbewegungen besiegt. Jason Lyall, einer der Autoren, erklärt dies mit der Mechanisierung: "Wenn man Männer durch Maschinen ersetzt und immer weniger Soldaten auf Patrouille hinausgehen und in den Dörfern Informationen über den Gegner sammeln, ist man immer weiter weg von den Erfordernissen der Aufstandsbekämpfung."

Gräber von Opfern der Kämpfe im syrischen Homs (Foto: Reuters)

Gräber von Opfern der Kämpfe im syrischen Homs

Denn das Hauptproblem bei asymmetrischen Konflikten wie in Afghanistan, wo hochgerüstete Armeen gegen schlecht bewaffnete Gruppen kämpfen, besteht darin, Aufständische von Zivilisten zu unterscheiden. Dadurch wird nicht nur die Verfolgung der Kämpfer schwierig, sondern die Armeen laufen immer Gefahr Unbeteiligte zu töten – und so den Aufstand indirekt zu stärken. Diese Erfahrung macht dieser Tage auch Syriens Diktator Baschar al-Assad: Trotz der Brutalität seiner Armee wird der Aufstand immer stärker.

Größere Risiken

"Man kämpft nicht um Geländegewinne, sondern um die Unterstützung der Bevölkerung", sagt John Nagl. Eine zentrale Regel der Aufstandsbekämpfung, etwa in Afghanistan, sei daher der Schutz von Zivilisten, auch wenn das bedeute, größere Risiken einzugehen. "Risiken zu akzeptieren, ist etwas, das auch Deutschland mit der Zeit lernt", glaubt Nagl. Seit Ende 2009 gilt auch für die Bundeswehr in Afghanistan die neue Aufstandsbekämpfungs-Strategie, die den Schutz der Bevölkerung in den Mittelpunkt stellt. Das ist durchaus Mittel zum Zweck: Denn es geht auch darum, die Taliban von der Bevölkerung zu trennen, um militärisch gegen sie vorgehen zu können. Die andere Seite der Strategie sind deshalb vermehrte Kampfeinsätze der Bundeswehr gegen Taliban.

Bundeswehrsoldaten nahe Kundus in Nordafghanistan (Archivbild von 2011: dpa)

Bundeswehrsoldaten nahe Kundus in Nordafghanistan

Für Deutschland bedeutet die asymmetrische Kriegführung eine völlig neue Herausforderung. "Wir sind gerade dabei, die Bundeswehr auf die Erfordernisse der geänderten sicherheitspolitischen Lage auszurichten", sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Doch sollen Ausrüstung und Ausbildung stärker auf die Aufstandsbekämpfung ausgerichtet werden? Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben in den beteiligten Staaten zur Ernüchterung geführt; Militärexperten gehen davon aus, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr zu vergleichbaren Einsätzen kommen wird.

Libysche Rebellen nach der Eroberung eines Panzers im März 2011 (Foto: ap)

Libysche Rebellen nach der Eroberung eines Panzers im März 2011

"Die Bundeswehr hat die Aufstandsbekämpfung als konzeptionelles Thema erst spät entdeckt", sagt beispielsweise Hilmar Linnenkamp, Rüstungsexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Ich frage mich, ob die nicht das Thema verfehlen, denn was wir als nächstes vor uns haben, ist eher die Aufstandsbeförderung." In Libyen unterstützten NATO-Staaten 2011 mit Luftangriffen, Beratern und Waffenlieferungen die Rebellen; eine Strategie, die schon 2001 zu Beginn des Afghanistan-Krieges angewandt worden war. Auch Jason Lyall von der Yale-Universität glaubt, dass das nächste Jahrzehnt von solchen Einsätzen bestimmt wird. "Das Modell reduziert das politische Engagement und nutzt genau die Stärke, über die die USA und ihre Verbündeten verfügen: Die unbestrittene Luftüberlegenheit."

Angst vor dem Bodenkrieg

Syrische Rebellen im nordsyrischen Saraqeb (Foto: AP)

Syrische Rebellen im nordsyrischen Saraqeb

Noch lassen die NATO-Staaten keine Bereitschaft erkennen, nach diesem Muster in Syrien einzugreifen, doch mit dem Erstarken der Rebellen dürfte die Diskussion zunehmen. Jason Lyall sieht hier zwei grundsätzliche Probleme. Zum einen bestehe die Gefahr, dass man damit potenzielle Kriegsverbrecher unterstütze. Zum anderen könne das Vorgehen Oppositionelle in anderen Ländern ermutigen, ebenfalls zu den Waffen zu greifen. "Meine Befürchtung ist, dass es zu einer Kurzschluss-Reaktion kommt, bei der Luftangriffe geflogen werden, ohne die Folgen zu bedenken", sagt Lyall. So könne es nach dem Fall der Assad-Regierung zu einem Bürgerkrieg zwischen den Religionsgemeinschaften kommen – der dann den Einsatz von Bodentruppen erfordert.

Dass es für solche Einsätze kein Patentrezept gibt, war auch den Verfassern des Leitfadens der US-Armee bewusst. "Aufstandsbekämpfung, so wie sie in diesem Handbuch beschrieben wird, ist eine Mischung offensiver, defensiver und stabilisierender Operationen", heißt es darin. Die Balance zwischen militärischen und nichtmilitärischen Aufgaben hänge von der örtlichen Situation ab. "Diese Balance zu finden, ist nicht einfach."

Dennis Stute