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Politik

Das überraschende November-Hoch

Psychologie ist auch in der Politik das A und O. Mit einem Schlag kann sie alles verändern - so auch in Brüssel.

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Gerade noch (sagen wir ruhig: letzte Woche) versank die Hauptstadt Europas in wehleidigem Selbstmitleid. Europa, die EU - in der Krise: Keine Verfassung. Kein Etat. Die Institutionen schwach wie selten. Die Regierungen mehr oder weniger angeschlagen. Da war mit Europa wenig Staat zu machen - eigentlich gar keiner. Und dann?

Zuerst holte die neue Bundeskanzlerin einen Deutschen aus Brüssel nach Berlin - als ihren quasi nationalen Sicherheitsberater. Ein Deutscher, der aus Brüssel zurückkehrt, um zuhause Karriere zu machen. Das ist so selten wie ein Orginal-Fabergé-Ei. In anderen Ländern mag es so sein, in Deutschland, das sich polyglotten, kosmopolitischen deutschen Europäern gerne verweigert - normalerweise nicht. Und jetzt auch noch auf einen Schlüsselposten. Da rieb man sich in Brüssel (wahrscheinlich genauso wie in Berlin und anderswo) verwundert die Augen und staunte.

Und dann wurde plötzlich eine Französin als Chefsprecherin der Kommission nach gerade einem Jahr abgelöst. Eine Französin - und ersetzt durch eine Deutschen, der nicht einmal Journalist ist, aber immerhin was von Wirtschaft versteht - und im Kabinett des Kommissionspräsidenten Barroso arbeitet.

Und plötzlich öffneten sich die bisher so oft verschlossenen Türen und Büros der obersten Etage für deutsche Journalisten. Man bekam Statements, man wurde durchgestellt statt hingehalten, zum Essen eingeladen (auch das). Es war als wären die Informationsarterien der EU entkalkt - soviel und so schnell wurde man nun mit wirklichen Nachrichten bedient statt zugeschüttet.

Und in diesen Zeiten des "wind of change" kam auch noch Angela Merkel. Besuchte Brüssel. Machte ihre Aufwartungen bei der NATO, beim Parlament, bei der Kommission, blieb sogar zum Essen (was sonst eher Franzosen und Italiener tun). Europa als erste Adresse der neuen Kanzlerin. Mit einem Schlag war die November-Depression vorbei und es herrschte ein November-Hoch.

Europa ist wieder wichtig - so lautet die Botschaft. Die Probleme sind lösbar (obwohl noch gar nichts versucht worden war) - auch und gerade mit Angela Merkel. Soviel zur Psychologie und der Kraft des Glaubens, der nun auch Brüssel erreicht hat. Vielleicht sollte die Kommission deswegen doch - trotz ihrer antibürokratischen Grundhaltung - eine neue Richtlinie entwerfen: Tenor: der Glaube versetzt Berge. Das wäre im atheistischen oder auch nur säkularem Europa ein Wunder - in deutsch übrigens.

  • Datum 23.11.2005
  • Autorin/Autor Alexander Kudascheff
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7VbZ
  • Datum 23.11.2005
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