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Wissen & Umwelt

Darf's ein bisschen weniger sein?

In vielen Ländern sind immer mehr Erwachsene und Kinder viel zu dick. Sie essen zu viel, zu süß und zu fett. Im gesellschaftlichen Kampf gegen das Übergewicht gerät auch die Nahrungsmittelindustrie ins Visier.

Für dieses Thema hat sich selbst die First Lady der USA zu einem Besuch in der Sesamstraße überreden lassen: Nur mit gesunder Ernährung und Bewegung bleibt man schlank und fit. Das weiß Michelle Obama ebenso wie die Stars der Kindersendung, Krümelmonster und Elmo. Sesamstraßenmonster und Prominente werben daher seit einigen Jahren gemeinsam für gesündere Lebensgewohnheiten. Denn: Rund jeder dritte Erwachsene in den USA, mehr als jeder zehnte in Deutschland und fast jeder fünfte im Durchschnitt aller OECD-Länder ist extrem übergewichtig. Bei Kindern und Jugendlichen sind die Zahlen ähnlich, in Deutschland sind sogar rund 20 Prozent der unter 17-Jährigen adipös, also fettleibig.

Zwar hat sich die sogenannte "Adipositas-Epidemie" in vielen OECD-Ländern zuletzt nicht mehr so stark ausgebreitet, in England, Frankreich, Korea und den USA etwa ist die Zahl übergewichtiger Kinder in den vergangen drei Jahren konstant geblieben. Bis 2020 könnten Schätzungen zufolge dennoch mehr als zwei Drittel der Menschen der OECD-Länder stark übergewichtig sein. Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Krebs und Demenz bürden Wirtschaft, Gesellschaft und Gesundheitssystemen dabei enorme Lasten auf. Bis zu drei Prozent aller Ausgaben für Gesundheit gehen im OECD-Durchschnitt schon jetzt auf das Konto von Übergewicht und Adipositas.

Michelle Obama in der Sesamstraße (Bild: dpa)

Michelle Obama zu Gast in der Sesamstraße 2009

Ernährungsgewohnheiten werden vorgelebt

Übergewichtige Eltern haben oft übergewichtige Kinder. Das kann auch genetische Ursachen haben, meistens aber übernehmen Kinder einfach die schlechten Ernährungsgewohnheiten, die ihnen zuhause und im Freundeskreis vorgelebt werden. Für die Entwicklung einer gesunden Lebensweise jedoch sind positive Vorbilder unerlässlich. "In den USA haben wir in einer Studie untersucht, welche Lebensmittel Kinder auswählen, wenn wir sie zusammen mit unseren Sesamstraßen-Charakteren präsentieren", berichtet Charlotte Cole, Vizechefin für Bildung und Forschung beim Sesame Workshop, den Produzenten der Sesamstraße. "Als wir Brokkoli und Schokolade zur Wahl stellten, wählten mehr Kinder die Schokolade. Aber als Elmo zusammen mit Brokkoli präsentiert wurde – stieg die Zahl der Kinder, die Brokkoli wählten, an. Als Elmo zusammen mit der Schokolade präsentiert wurde, wählten wieder mehr die Schokolade." Erwachsene, so Cole, stünden in der Verantwortung, Kindern gesunde Gewohnheiten vorzuleben.

"Menschen essen mehr, wenn sie mehr zu essen bekommen"

Übergewichtigen aber lediglich Unwissen vorzuwerfen, Bequemlichkeit oder mangelnden Willen, greife zu kurz, warnt Professor Shiriki Kumanyika, Ernährungsexpertin an der Universität Pennsylvania. Übergewicht und Fettleibigkeit seien oft vielmehr das Spiegelbild einer im Wortsinne "aus den Fugen" geratenen Umwelt – vor allem in den USA, zunehmend aber auch in anderen Ländern: "Menschen essen mehr, wenn sie mehr zu essen bekommen. Und wir haben heute einen Lebensmittelmarkt, in dem die Portionen, zum Beispiel von Getränken, bis zu sechsmal größer sind als früher. Bei Burgern oder Pommes Frittes sind sie zwei bis dreimal größer! Und die Leute haben in den letzten Jahren zusammen mit der Menge und Größe der Nahrungsmittel auf dem Markt zugenommen."

Überdimensionierte Portionen und ständig verfügbare, bequem zu konsumierende Snacks hätten zudem dazu geführt, dass viele Menschen unbeabsichtigt mehr Kalorien zu sich nähmen, als noch vor einigen Jahren, so Kumanyika. Ein Caramel-Cappuccino zum Mitnehmen zum Beispiel habe mehr als 300 Kilokalorien – selbst, wenn man ihn im Laufen tränke, hätte man sie noch nicht verbrannt. Die Professorin hat dennoch Verständnis für die Verhaltensweisen vieler Konsumenten: Wer zu großen Portionen billiger Lebensmittel greife, der handele durchaus rational nach dem Grundsatz: "Zahle wenig und versuche, dafür viel zu bekommen".

Currywurst und Pommes Frites (Bild: dw)

Fettreiche Ernährung ist neben Bewegungsmangel Hauptursache für Übergewicht und Fettleibigkeit

"Wir generieren Wirtschaftswachstum nach der Formel: mehr produzieren – mehr konsumieren. Das gilt für viele Bereiche, nicht nur für die Lebensmittelindustrie. Aber bei Nahrungsmitteln geht diese Gleichung nun nicht mehr auf: Weil die Menschen mehr konsumieren, werden sie fettleibig. Deshalb brauchen wir hier ein neues Geschäftsmodell, mit dem Unternehmen weiter wachsen können, mit dem die Leute aber nicht länger vollgestopft werden."

Neue Geschäftsmodelle und Steuern für die Lebensmittelbranche

Um neue Wertschöpfungsketten für die Nahrungsmittelproduktion zu schaffen, versuchen ThinkTanks wie AGree (foodandagpolicy.org) in den USA derzeit, Forscher und Umweltschützer, Nahrungsmittelproduzenten und Landwirtschaftsbetriebe zu vernetzen und gemeinsam nachhaltige Strategien zu entwickeln. Auch Großbritannien und die Schweiz setzen auf Partnerschaften mit der Lebensmittelindustrie – vor allem, um das Angebot fett- und salzreduzierter Lebensmittel in den Ländern zu erhöhen.

Der Widerstand seitens der Industrie allerdings ist beträchtlich, kritisiert Professor Hans Hauner vom Freseniuszentrum für Ernährungsmedizin der TU München: "Ein Staat könnte Gesetze erlassen, die die Lebensmittelwerbung einschränken oder den Verkauf zuckergesüßter Getränke an Schulen verbieten. Aber das ist kaum durchsetzbar, weil es sehr starke ökonomische Einflüsse gibt. Die Industrie wird sagen: 'Ihr zerstört unser Geschäftsmodell, ihr gefährdet Arbeitsplätze'. Hier tut sich die Politik ausgesprochen schwer, klare Entscheidungen zu treffen.“

Dennoch: In Dänemark zahlen Verbraucher seit 2010 höhere Steuern auf Schokolade, Eis und Süßwaren und seit 2011 eine Steuer auf Produkte mit höhrem Fettanteil. Finnland erließ ebenfalls 2011 eine Steuer auf ausgewählte Süßigkeiten, Ungarn auf stark zucker-, salz- und koffeinhaltige Lebensmittel. Frankreich besteuert seit Beginn dieses Jahres gesüßte Getränke – und auch in Belgien, Irland, Großbritannien und Rumänien werden Abgaben auf ungesunde Lebensmittel diskutiert.

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