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Kultur

Darf man Insekten mit Büchern erschlagen?

Was tun, wenn ein summender Quälgeist von einer Fliege die wohlverdiente Ruhe stört? Zum Buch greifen? Und wenn ja - wie? Und mit welchem Buch?

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Diese Idylle kann nur durch eins gestört werden: Insekten!

Wie oft haben ruhesuchende Leser im Sommer leiden müssen? Zuerst wird die Lektüre durch ein nervtötendes Summen gestört, dann erdreistet sich das dumme Summinsekt auch noch, vor der Nase des Lesenden herumzufliegen. Da ist sofort die Mordlust geweckt - das Buch in der Hand stachelt zur Affekttat an. Aber halt: Darf man das? Insekten mit Büchern erschlagen? Im Nu vermischen sich moralische, praktische und ästhetische Argumente, fallen einem Geschichten, Kontexte, philosophische Beispiele ein.

Nicht jedes Buch eignet sich zur Mordwaffe

Malaria-Mücke

Nicht jedes Buch eignet sich für jedes Insekt

Es kommt sicher auf die Gefährlichkeit des Insekts an. Ein Buch von Ulrich Wickert, Nachrichtensprecher und Moralist der Nation, gegen eine Schwarze Witwe einzusetzen - sicher kein Problem. Aber natürlich spielen auch Schönheit und Alter des Buches eine Rolle. Dürfte man eine Gutenbergbibel Typ 42b, eines der kostbarsten Bücher der Welt, gegen eine schwarzgraue Standard-Stubenfliege oder sogar gegen die Schwarze Witwe in Stellung bringen? Wohl nicht.

Andererseits steht ja gerade in der Bibel, dass der Mensch sich die Tiere untertan machen soll. Sollte also eine profane Fliege beim Lesen der Bibel stören, wäre das schon besonders dreist und würde den Schlag geradezu provozieren. Allerdings: Von "Du sollst nicht töten, es sei denn, es handelt sich um eine Stubenfliege" steht auch in der Bibel nichts.

Zeitungskrise: Wolfgang Storz , Stellenabbau bei der Frankfurter Rundschau, FR

Wer zur Zeitung greift, muss sich nur einen Tag über Flecken ärgern

Natürlich eignen sich Druckerzeugnisse aus den späteren Jahrhunderten weitaus besser zur Insektenjagd. Zeitungen sind aufgrund ihres größeren Formats treffsicherer als Bücher. Über den unschönen Insekten-Fleck im Feuilleton tröstet die Gewissheit hinweg, dass es schon morgen wieder ein neues gibt. Was aber tun, wenn mal kein kurzlebiges Blatt griffbereit ist? Fliegenklatschen scheiden aus, weil in einem humanistischen Haushalt keine Mordinstrumente herumliegen. Auch die nackte Hand kommt nicht in Frage, weil ungewiss ist, was der zermalmte Insektenleib an Viren und Bakterien ausscheidet. Bleibt also nur noch das Buch.

Auf die Taktik kommt es an

Bücher

Wenn schon mit einem Buch, dann richtig

Abzuraten ist vom direkten Schlag mit der Buchoberfläche, da die Gefahr besteht, dass Schwung wie Durchschlagkraft des Hiebes falsch berechnet werden und mit dem Insekt gleich dessen letzter Aufenthaltsort (die Fensterscheibe, das Nasenbein, die Tapete) zu Schaden kommen können. Vielmehr ist eine Technik angeraten, die angeblich schon im Mittelalter von Klosterschreibern verwandt wurde: Man wartet, bis sich das Insekt in das geöffnete Buch setzt und schlägt es dann blitzschnell zu.

Es gibt Theorien, wonach die Insekten durch die Buchstaben, die sie für Schatten anderer Insekten halten, so abgelenkt sind, dass sie die Falle zu spät bemerken. Eine daran anschließende, zynische Lesart besagt, dass der zermalmte Insektenkörper selbst ein Zeichen in den Zeilen wird, ein Symbol für die Lebensverleugnung der Literatur, die Vergänglichkeit alles Irdischen, die Dialektik der Aufklärung, etc.

In jedem Fall herrscht nach dieser Hinrichtung wieder Ruhe, man kann etwas hoffentlich Gutes glücklich weiterlesen und muss nur für eine Sekunde den Gedanken unterdrücken, dass es irgendwo ein Buch geben könnte, in das solche Morde eingetragen werden.