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Gastkolumne "Mein Europa"

"Dann ist das nicht mehr mein Europa"

Europa wäre nicht das, was es ist, hätte es in der Vergangenheit nicht Millionen von Flüchtlingen aufgenommen, meint Krsto Lazarevic. Man darf es jetzt nicht in eine Festung verwandeln.

 Krsto Lazarevic (Privat)

Krsto Lazarevic

Idomeni, Gevgelija, Preševo, Rözske, Tovarnik, Brežice, Spielfeld - allesamt kleine Städte, von deren Existenz ich bis zum Sommer 2015 wenig mehr wusste, als dass sie direkt an den Grenzen der Länder Südosteuropas liegen. Dann kamen Hunderttausende Menschen aus den Kriegsgebieten Syriens, Iraks und Afghanistans in diese beschaulichen Orte. Als Reporter bekam ich dort immer dieselben Szenen zu sehen: Tausende Menschen, die erschöpft, ausgehungert, krank und doch voller Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden auf dem nackten Boden geschlafen haben und sich in überfüllte Züge und Busse quetschten. Die meisten haben diese Strapazen auf sich genommen, weil sie ihre kriegszerstörte Heimat verlassen mussten und weil die riesigen Flüchtlingslager im Libanon, Jordanien und der Türkei unterfinanziert und überbelegt sind. Und weil mit jedem Jahr die Hoffnung sinkt, dass bald der Frieden kommt und man zurückkehren kann.

Über Jahre schaute man zu, wie wenige hundert Kilometer von den europäischen Außengrenzen entfernt in Syrien eine der größten Flüchtlingskatastrophen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand, und tat so, als beträfe sie nur die angrenzenden Nachbarländer. Als sich dann für kurze Zeit ein Riss in der Festung Europa auftat, wurden 26 Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer schnell wieder Zäune hochgezogen. Mitten in Europa und auch zwischen Mitgliedsstaaten der EU. Das war der erste Schritt, um Europa abzuschaffen. Hätte Angela Merkel auf ihre Kritiker gehört und die deutschen Grenzen geschlossen, wäre das eine ernsthafte Gefahr für den Fortbestand der EU in ihrer jetzigen Form geworden. Zum Glück hat sie es nicht getan.

Verlorene europäische Werte

Heute steht die Festung Europa wieder. Die Kleinstädte auf der westlichen Balkanroute sind in Vergessenheit geraten. Die tausenden Menschen, die derzeit in Südosteuropa ohne Obdach und Heizung festsitzen und bei Temperaturen von minus 15 Grad frieren, sind der Öffentlichkeit in Berlin, Wien und Stockholm selten mehr Aufmerksamkeit wert als eine kleine Meldung.

Flüchtlingsboot im Mittelmeer (picture-alliance/dpa/Ong Sos Mediterranee)

"Krieg gegen die Menschen, die versuchen nach Europa zu gelangen"

Die EU hat zwei wichtige Verbündete, um sich vor der Verantwortung zu drücken, Flüchtlinge aufzunehmen: den türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdoğan und das Mittelmeer. Mindestens 5022 Menschen sind im Jahr 2016 im Mittelmeer ertrunken. Die EU nennt es Grenzsicherung, doch in Wirklichkeit ist es ein Krieg, denn wir gegen Menschen führen, die versuchen nach Europa zu gelangen. 

Die EU behauptet, Schlepperkriminalität bekämpfen zu wollen, doch die verlangen höhere Preise als jemals zuvor. Die EU selbst schafft die Nachfrage nach Schleppern, weil es kaum eine Möglichkeit gibt, legal in die EU einzureisen oder einen Asylantrag von außerhalb zu stellen. Es entsteht der Eindruck, dass man sich auf die Schlepperkriminalität konzentriert, um einen Bösen zu haben und nicht in den Spiegel schauen zu müssen, wenn die Frage aufkommt, wer für die Toten verantwortlich ist.

Mit den viel zitierten europäischen Werten hat all das wenig zu tun. Europa ist nicht in der Krise, weil Syrien brennt. Europa ist in der Krise, weil Rechtspopulisten versuchen die Geister der 1930er-Jahre wiederzubeleben.

Europa und die Flüchtlinge

Hannah Arendt stellte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fest, dass die von den Vereinten Nationen verabschiedeten Menschenrechte keine reale Gültigkeit haben, wenn Nationalstaaten mit Millionen von Flüchtlingen konfrontiert werden, weil diese keine Möglichkeit haben, ihre Rechte real einzufordern. Es lohnt sich heute wieder Arendt zu lesen, denn für die Tausenden, die im Mittelmeer ertrinken, sind abstrakte Menschenrechte tatsächlich nichts wert.

Deutschland Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze (picture alliance/dpa/P. Kneffel)

"...Tausende Menschen, erschöpft, ausgehungert, krank und doch voller Hoffnung auf eine Zukunft..."

Dabei wäre Europa nicht, was es heute noch ist, hätten die Mitgliedsstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht Millionen Vertriebene aufgenommen. Es wäre nicht, was es heute ist, hätte der freie Teil Europas seine Grenzen nicht für die Menschen aus den Regimen des real existierenden Sozialismus und die Flüchtlinge des ethnonationalistischen Irrsinns der Jugoslawienkriege geöffnet.

Zwischen Bosnien-Herzegowina und Deutschland liegt kein Mittelmeer, in dem man ertrinken kann. Als meine Familie vor dem Bosnienkrieg floh, mussten wir dafür nicht unser Leben riskieren. Anfang der 1990er-Jahre hat alleine Deutschland Hunderttausende Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, den Warschauer Pakt Staaten und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion aufgenommen. Das hat Deutschland nicht zu einem schlechteren, sondern zu einem besseren Land gemacht.

Und jetzt droht Europa zu zerbrechen, weil die Mitgliedsstaaten mit 510 Millionen Einwohnern sich nicht darauf einigen können, wie mit zwei Millionen Flüchtlingen umzugehen ist, wo es auf der Welt doch mehr als 65 Millionen Flüchtlinge gibt? Wenn wir das zulassen, ist vieles verloren, was nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Fall der Berliner Mauer erreicht wurde. Dann ist das nicht mehr mein Europa.

Krsto Lazarevic (27) ist in Bosnien-Herzegowina geboren und floh als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien.