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Deutschland

Dank "für eine fantastische Zeit"

Altkanzler Helmut Kohl ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin mit einem Festakt gewürdigt worden. Anlass war seine erste Wahl zum Bundeskanzler vor 30 Jahren.

Am Ende bekommt Helmut Kohl ein paar Briefmarken geschenkt. Nicht irgendwelche, sondern die erste Serie einer 55-Cent-Marke mit seinem eigenen Porträt. Ab dem 11. Oktober wird die Sonderbriefmarke in einer Auflage von über fünf Millionen Stück ausgegeben. Überreicht wird die rote Mappe mit den Briefmarken von der amtierenden Bundeskanzlerin. Es sei "Ausdruck einer außerordentlichen Wertschätzung", so sagt Angela Merkel, zu Lebzeiten mit einer Briefmarke geehrt zu werden, "eine Geste, die nur sehr wenige Personen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erfahren" hätten.

Ob Helmut Kohl in diesem Moment gerührt ist, ist von außen schwer zu beurteilen. Seit einem Sturz vor ein paar Jahren, bei dem der heute 82-jährige vermutlich ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt, kann Kohl seinen Körper nur noch sehr eingeschränkt bewegen und seine Mimik wirkt wie versteinert. Nur die Augen, die jede Bewegung aufmerksam verfolgen, verraten, dass der Geist nach wie vor wach ist.

Menschlich sehr bewegend

Dann ist es Helmut Kohl selbst, der in seiner fünfminütigen Rede, mit der er sich zum Ende des Festaktes an die rund 700 Gäste wendet, Einblick in seine Gedankenwelt gibt. Er bedanke sich sehr herzlich bei allen für ihr Kommen und "für die hochintelligenten und menschlich sehr bewegenden Äußerungen" der Laudatoren. Er bedanke sich aber auch "bei denen, die mich provoziert haben, die mich herausgefordert haben und die mir auch eine gute Zeit bereitet haben. Es war eine fantastische Zeit von der Vergangenheit bis in die heutige Zeit."

Ganz besonders hebt Kohl die Rede von Karl Kardinal Lehmann hervor. Der Bischof von Mainz konnte wegen einer unaufschiebbaren Operation zwar nicht selbst nach Berlin kommen, seine Rede wurde jedoch von Prälat Karl Jüsten, dem Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe in Berlin, verlesen. In der Rede verteidigt Lehmann das von Kohl geprägte Schlagwort der "geistig-moralischen Wende" und fordert eine neue Debatte über die Grundwerte der Gesellschaft.

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Festakt für Alt-Kanzler Kohl

Träume in Realität umgesetzt

In der Rede Helmut Kohls wird deutlich, wie viele Gedanken sich der Altkanzler nach wie vor über die europäische Einigung macht. "Lassen sie uns die Zeit nutzen", sagt er, "wir wollen weitermachen, um mit dem großen Ziel voranzukommen." Der alte Satz "Europa darf nie wieder im Krieg versinken", sei "in diesem Saal hier heute wieder mit Geist versehen" worden.

Tatsächlich ist in dem insgesamt rund zweistündigen Festakt im Lichthof des Deutschen Historischen Museums sehr viel von Europa die Rede. Jenem Europa, das Helmut Kohl in seiner 16-jährigen Amtszeit maßgeblich vorangetrieben hat. "Helmut Kohl hat Träume in Realität umgesetzt: Die deutsche Vereinigung und die Unumkehrbarkeit des europäischen Projekts", sagt der frühere EU-Kommissionspräsident und italienische Ministerpräsident Romano Prodi. Jetzt müsse es neue Visionen für ein geeintes Europa geben, denn in Zeiten der Globalisierung müsse Europa den aufstrebenden asiatischen Ländern etwas entgegenstellen. Deutschland müsse dabei "der Motor der europäischen Bemühungen" sein, so Prodi.

Lob aus der ganzen Welt

Bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel die eigentliche Festrede auf Helmut Kohl hält, kommen zunächst der amerikanische und der russische Botschafter zu Wort. Philip Murphy spricht vom "größten Stolz", den Altkanzler im Namen aller Amerikanerinnen und Amerikaner ehren zu dürfen. Präsident Ronald Reagan, Präsident George Bush und Präsident Bill Clinton hätten "zutiefst auf seine Meinung vertraut" und den "größten Respekt vor den Prinzipien, für die er stand" gehabt.

Auch der russische Botschafter Wladimir M. Grinin findet lobende Worte. Die Leistung Helmut Kohls für das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen sei gewaltig gewesen. "Wir, das Volk waren damals dafür", so Grinin über die Stimmung in der damaligen sowjetischen Bevölkerung vor der deutschen Vereinigung.

Verdun, FRANCE: (FILES) - Photo dated 22 September 1984 o a battlefield near Verdun, shows French President Francois Mitterrand (l) holding hands with German Chancellor Helmut Kohl, commemorating the deaths of French and German trops during two world wars. AFP PHOTO MARCEL MOCHET (Photo credit should read -/AFP/Getty Images)

Enge politische Weggefährten: Helmut Kohl und der damalige französische Präsident Francois Mitterand

In Videobotschaften kommen politische Weggefährten und ehemaligen Regierungschefs aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Polen, Kroatien und Israel zu Wort. Jean-Claude Juncker, der Premierminister von Luxemburg, erklärt von der Leinwand herab, ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht und ohne den Euro würden sich die 17 Eurostaaten heute noch in einem unerbittlichen Währungskrieg befinden. "So leben wir in relativer Eintracht zusammen", sagt Juncker und fügt noch hinzu, dass Helmut Kohl ihm "ein weiser Ratgeber und ein kluger Begleiter" gewesen sei. "Er hat mir Europa beigebracht und dafür bin ich ihm lebenslänglich dankbar."

Kanzler des Vertrauens

Dankbarkeit äußert auch die Bundeskanzlerin. Als DDR-Bürgerin habe es ihr viel Kraft gegeben, dass Helmut Kohl sich stets vehement für die deutsche Einheit stark gemacht habe. Die Feier zum 30. Jahrestag von Kohls erster Kanzler-Wahl am 1. Oktober 1982 sei eine Verbeugung vor seinem Lebenswerk. Er habe ein Stück deutscher und europäischer Geschichte geschrieben. Kohl sei es auch gelungen, in die osteuropäischen Nachbarstaaten und in die damalige Sowjetunion Brücken des Vertrauens zu bauen. "Welch unschätzbares Glück, dass Deutschland auf einen Kanzler des Vertrauens bauen konnte, als sich 1989 die historische Gelegenheit bot, das Tor zur deutschen Einheit aufzustoßen", so die CDU-Vorsitzende.

In ihrer teils eindringlichen, teils auch unterhaltsamen Laudatio lässt Angela Merkel nicht nur Kohls politisches Leben Revue passieren. In kleinen Anekdoten gibt sie auch Einblick in ihre gemeinsame politische Zeit. Die endete abrupt, als die damalige CDU-Generalsekretärin Helmut Kohl nach dessen Wahlniederlage 1998 und den Enthüllungen über die Parteispendenaffäre dazu aufforderte, den Ehrenvorsitz der CDU niederzulegen. Heute versucht die Bundeskanzlerin, Kohl wieder ein Stück in die Partei zurückzuholen.

Ob das gelingt und möglicherweise auch die über der Parteispendenaffäre zerbrochene Beziehung von Helmut Kohl zum heutigen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wieder gekittet werden kann, bleibt dahingestellt. Immerhin saß Schäuble beim Festakt in der ersten Reihe.

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