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Amerika

Danjas Suche nach ihrem kubanischen Vater

30.000 Kubaner arbeiteten in der DDR. Mit dem Mauerfall war die sozialistische Bruderschaftshilfe zu Ende - zurück bleiben Geschichten wie Danjas. Seit dem Mauerfall ist sie auf der Suche nach ihrem Vater.

Kubanisches Straßenschild (Foto: Anne Herrberg)

Quemado de Güines im Herzen Kubas - ob Danjas Vater wohl noch hier wohnt?

"Was soll ich tun, komm zu mir zurück" schnulzt die Latino-Boygroup Daddy Yankee aus Danjas Fernseher. Sie wippt, fast unmerklich, mit den Schultern: "Mein größter Traum war schon immer hier abzuhauen und nach Kuba zu gehen." Denn in Deutschland fühle sie sich nicht besonders wohl. Es gebe immer so viel Stress: mit dem Arbeitsamt, mit dem Kindergartenplatz für ihre Tochter Emilia. Dazu die Sprüche, die sie regelmäßig zu hören bekäme: "Ach guck mal, der Ausländer, geh doch zurück, wo du herkommst. Oder neulich hat so ein Opa zu mir gesagt, das Kind haste doch geklaut, wieso ist sie denn weiß und du schwarz!"

(Foto: Anne Herrberg)

Danja (rechts) und ihre Mutter vor den Wohnblocks von damals - heute werden keine wilden Partys mehr gefeiert

Danjas Mutter Jaqueline ist Deutsche, ihr Vater Oreste kommt aus Kuba. Von 1981 bis 1985 hat er im Eisenacher Automobilwerk gearbeitet. Denn in der DDR herrschte ein chronischer Arbeitskräftemangel. Kuba schickte über 30.000 Vertragsarbeiter in den sozialistischen Bruderstaat.

Karibisches Temperament und deutsche Ordnungsliebe

"Ich war eigentlich unsterblich verliebt, mit 16, ist ja wohl klar, gell", lacht Jaqueline. Sie war fasziniert vom karibischen Temperament der Kubaner, die zu Salsa statt zu Schlager tanzten, Havanna Club statt Bier tranken, Tropenfrüchte mitbrachten – das war ein wenig Farbe im grauen DDR-Alltag. Doch die meisten Eisenacher teilten die Begeisterung nicht. Zu laut, zu frech, zu "unzivilisiert" schienen ihnen die Neuankömmlinge. In Gaststätten gab es oft Zank, die "Neger haben keinen Zugang mehr zur normalen Disko", hieß es bald.

Die Suche beginnt

Vergilbte Fotos (Foto: Anne Herrberg)

Eine Vaterschaftsurkunde und vergilbte Fotos von früher - das ist alles, was Danja von ihrem Vater hat

Akzeptiert wurde Oreste erst, als Danja geboren wurde, erzählt Jaqueline. Dann lief aber auch bald sein Vertrag aus - Oreste musste zurück nach Kuba. Bis zum Mauerfall wurden über die kubanischen Behörden noch monatliche Unterhaltszahlungen gesandt, dann brach der Kontakt ab. "Ich habe da aber auch nicht so lange getrauert", sagt die Mutter, "er war weg, dann war irgendwie auch gut und die Sache erledigt". Für Danja ist es das nicht. Sie schreibt an die Botschaft, ans Rote Kreuz, an die kubanische Zeitung Granma, nie bekommt sie Antwort. Sie setzt eine Annonce ins Internet, postet die wenigen Daten, die sie auf der vergilbten Vaterschaftsurkunde findet. Für eine Kubareise aber fehlt Danja das Geld. Deswegen malt sie sich Bilder aus, stellt sich vor, dass Oreste auf einer kleinen Finca lebt, einen Garten bewirtschaftet. "Kuba ist ja ein Teil meiner Identität", sagt sie dann traurig. Nur ihren kubanischen Vater, den kennt sie nicht.

Aufregung auf der Altenstation

Oreste, Kubaner der in der DDR gelebt hat (Foto: Anne Herrberg)

"Ich habe dich immer gesucht" - Oreste schreibt einen Brief an seine Tochter Danja

Kuba, im August 2009: Im Taxi schnulzt schon wieder der "Daddy Yankee"-Song. Eduardo, der Fahrer wippt mit und sagt zu mir: "Und jetzt hast du dir gedacht, du könntest auf deinem Kuba-Urlaub gucken, ob Danjas Vater noch immer an seiner alten Adresse wohnt?", er lacht und passiert das Ortschild: Quemado de Güines, eineinhalb Stunden von Santa Clara entfernt, Provinz Villa Clara. Ein verlassener Busbahnhof, neben dem Pferdekarren parkt ein Sandwichverkäufer. Als wir nach Oreste fragen, sagt er: "Oreste? Der, der in Deutschland war, der mit dem MZ 250 Motorrad?". Dann zeigt er Richtung Poliklinik, dort drüben in der Altenstation würde ein Oreste arbeiten.

Ein kleiner, etwas unsicher guckender Mann wird von seinen Arbeitskollegen nach vorne gedrängt. Seine Augen lachen und weinen, als er auf die mitgebrachten Fotos blickt: "Danja! Sie sieht wirklich so aus, wie meine Schwester, nach der wir sie benannt haben", flüstert er. Seine Kollegen klopfen ihm auf die Schultern: "Geh erst mal feiern", sagen sie.

"Ich brauch erst mal ein Taschentuch!"

Angekommen in Orestes Wohnung – ein Plattenbau wie Danjas, keine Finca, aber dafür mit Garten. Ein Ananaswein wird geköpft, alte Erinnerungen aufgewärmt, die ganze Familie ist da und Danjas Bruder Ransel am Telefon. Auch sie hätten nach Danja gesucht, doch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sei es schwierig gewesen: "Wir kämpften damals alle ums Überleben, denn wir standen ohne Wirtschaftspartner da". Trotzdem sei es immer ihr Traum gewesen, Danja zu finden.

Die ist in Eisenach ganz durcheinander von den freudigen Nachrichten. Mit Google-Übersetzer und den spanischen Sprachfetzen ihrer Mutter verständigt man sich zum ersten Mal am Telefon: "Das ist noch alles sehr gewöhnungsbedürftig", sagt Danja eine Woche später in Deutschland, doch dann grinst sie verschwörerisch: Sie habe bereits nach Flügen geschaut, auch wenn sie dafür wohl noch ein paar Monate sparen muss.

Autor: Anne Herrberg

Redaktion: Miriam Klaussner