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Kultur

Daniel Libeskind: "Wir bauen keine Festung"

Der Stararchitekt Daniel Libeskind spricht im DW-WORLD-Interview über die Herausforderung des Wiederaufbaus von Ground Zero, die veränderte Rolle der Architektur nach dem 11. September und die Bedeutung der Erinnerung.

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Libeskind: "Erinnerung ist die tiefste Dimension der Seele"

DW-WORLD.DE: Das Bauvorhaben für Ground Zero ist das bedeutendste Architekturprojekt der Gegenwart. Die Erwartungen an den Entwurf waren sehr hoch. Standen Sie sehr unter Druck oder hat Sie das eher inspiriert?

Daniel Libeskind: Es ist beides. Ground Zero ist das wohl bekannteste Bauprojekt in der Architektur-Geschichte. Jeder weiß davon. Jeder hat eine Meinung dazu. Es gibt ganz tiefe Gefühle über die Bedeutung des Wiederaufbaus von Ground Zero und der Druck ist unglaublich groß. Gleichzeitig muss man davon inspiriert sein, dass der Wiederaufbau von Ground Zero nicht nur ein paar Gebäude und einige weite Flächen ist. Hier wird das Herz von New York wieder aufgebaut. Und es wird in Erinnerung an eine Tragödie aufgebaut, die an jenem Tag über New York und die ganze Welt hereingebrochen ist. Die Tragödie und die Spiritualität dieses Ortes damit in Einklang zu bringen, eine lebendige, schöne Stadt zu schaffen, die auf die Anschläge auf kreative, auf kulturelle Art reagiert und die die Leute wieder zurück nach Lower Manhattan bringt - all das war eine Inspiration und ganz sicher eine unglaubliche Herausforderung.

Sie sind der Architekt des Jüdischen Museums in Berlin, Sie haben außerdem ein Konzept für das Holocaust-Mahnmal eingereicht. Jetzt sind Sie der Hauptplaner für Ground Zero. Was reizt Sie so an der Erinnerung?

Liebeskind World Trade Center Panorama

Panorama New Yorks mit "Freedom Tower"

Erinnerung ist vermutlich die tiefste Dimension der menschlichen Seele. Ohne Erinnerung wüssten wir nicht, wohin wir gehen und woher wir kommen. Deshalb glaube ich, dass die Erinnerung in jedem Architektur-Projekt wichtig ist. Die Erinnerung beschwört eine Tradition und etwas aus der Vergangenheit, dass weiter getragen und in die Zukunft mitgenommen werden muss. Und natürlich spielt Erinnerung sowohl beim Jüdischen Museum als auch bei Ground Zero eine sehr große Rolle. Die Erinnerung an den 11. September hat die Welt verändert. Wir leben seit diesem Datum in einer anderen Welt. Deshalb muss Ground Zero den Menschen etwas vermitteln, woran man sich erinnern muss. So dass die Welt in der Zukunft hoffentlich einen weiteren Horizont haben kann.

Glauben Sie, dass der 11. September die Architektur grundsätzlich verändert hat?

Ja, definitiv! Es war ein Moment, in dem die Menschen beides gesehen haben - die Verletzbarkeit der Welt, aber auch die potenzielle Hoffnung, die sie bietet. Sie haben gesehen, was der Stadt durch Fundamentalismus und Terrorismus passieren kann. Sie haben aber auch gesehen, wie eine Stadt sich mit all den demokratischen Werten wieder aufrichten kann und wie sie ihre Freiheiten im Angesicht solcher Angriffe wieder behaupten kann. Es hat auf jeden Fall die Öffentlichkeit mitgerissen. Ich denke, dass die breite Öffentlichkeit noch nie vorher so großes Interesse daran hatte, was gebaut wird, wie der Bauplan aussieht, wie die Gebäude aussehen sollen. Zum ersten Mal sagen die Leute nicht, die Stadt ist nur für Planer, Politiker - also "abstrakte Menschen". Jetzt sagen sie, "die Stadt ist für uns, für Menschen, die in der Stadt leben." Ich denke, Ground Zero und der Wiederaufbau haben einen riesigen Einfluss darauf, dass die Leute ihre Umwelt jetzt anders betrachten - überall auf der Welt, nicht nur in New York.

Wie haben die Familien der Opfer auf ihren Bauplan reagiert?

Ich habe sehr eng mit den Familienmitgliedern der Toten gearbeitet. Im Zentrum meines Plans gibt es etwas sehr Ungewöhnliches: Rund ein Drittel des fünf Hektar großen Platzes sind ein Mahnmal und ich habe gleich zu Anfang beschlossen, auf diesem Boden nichts zu bauen. Denn es ist nicht "Business as usual". Man sollte dort keine Gebäude hinsetzen, so wie es viele Leute vorgeschlagen hatten. Ich wollte eine Gedenkstätte bauen, um einen ruhigen Ort zu schaffen. Im Herzen des gesamten Ortes liegt die Gedenkstätte und rundherum entstehen die Gebäude, in denen all die Aktivitäten der Zukunft und der Optimismus der Zukunft stattfinden.

Daniel Libeskind Ausstellung in Berlin

Libeskind will etwas schaffen, "an das man sich erinnern muss"

Fünf Jahre nach dem 11. September - ist es da eher Zeit in die Vergangenheit zu schauen oder in die Zukunft zu blicken?

Ich denke, man kann nicht nach vorne blicken, wenn man nicht auch zurück schaut und die Erinnerung wach hält. Das Herz von Lower Manhattan wurde zerstört und es klafft eine große Wunde mitten in New York. Mein Plan ist es, Leben zurück zu bringen: Den Sieg des Lebens an diesem Ort sicherzustellen; in Anbetracht der Tragödie, dass dort tausende Menschen gestorben sind, gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit, die Schönheit und die Lebendigkeit New Yorks wieder geltend zu machen. Und dort einen neuen Stadtteil zu bauen, der natürlich eine Gedenkstätte ist, aber auch ein neuer Nahverkehrsterminal, ein Ort für neue kulturelle Aktivitäten, wo neue Arbeitsstätten entstehen. Das soll aber nicht sein, als wäre es wie in der Vergangenheit sondern mit einer neuen Idee von Licht und Offenheit. Dabei soll es schön und einprägsam sein.

Mit der Höhe des Hauptgebäudes spielen Sie auf den Unabhängigkeitstag der USA an. Warum?

Ich wollte damit zeigen, dass es sich nicht einfach nur um ein Gebäude handelt, das da herum steht. Es geht um die symbolische Dimension. Ich dachte mir: 1776 - die Unabhängigkeitserklärung, die Höhe des Gebäudes (in Fuß, Anm. d. Red.) … Wenn die Menschen in den Himmel blicken, sollen sie nicht nur über ein hohes Gebäude nachdenken, das sie morgen vielleicht in Shanghai oder Nairobi sehen. Nein, sie sollen daran denken, dass dieses Datum in der Geschichte der Welt die Demokratie gebracht hat. Es spricht von der Gleichheit der Menschenrechte für alle. Das ist etwas, was niemals von einem anderen Gebäude übertroffen wird, weil das Emblem, die Spitze der Freiheit auf dem Gebäude - der Gouverneur nannte es den "Freedom Tower" - für immer ein Symbol in New York sein wird.

Mussten Sie Sicherheitsaspekte berücksichtigen, die vor dem 11. September keine Rolle gespielt haben?

Ja. Die Sicherheit ist eines der größten Themen beim Wiederaufbau von Ground Zero. Wir alle müssen nach diesen Angriffen auf das World Trade Center neu darüber nachdenken, wie Gebäude konstruiert sind. Und es ist ganz sicher die allerwichtigste Frage, weil wir wissen, wie wichtig das in der Zukunft sein wird. Ich denke, die neueste Technologie um Gebäude sicherer zu machen, ist nötig. Gleichzeitig müssen wir daran denken, dass wir in einer offenen, demokratischen Stadt bauen. Wir bauen keine Festung.

Siegreicher Libeskind-Entwurf

Ground-Zero-Entwurf: "Kein Business as usual"

Ihr ursprünglicher Plan für die Bebauung von Ground Zero wurde ziemlich verändert. Wie finden Sie das?

Mein Hauptplan ist - abgesehen von der Tatsache, dass ich nicht der Architekt des Gebäudes bin - relativ intakt geblieben. Der Hauptplan hat sich sicherlich weiter entwickelt, aber es ist dem, was New York ausgewählt hat, treu geblieben. Die Tatsache, dass viele verschiedene Hände an dem Ort mitarbeiten, ist auch wahr. Das sind viele verschiedene gute Architekten wie Frank Gehry, Lord Foster und Rogers. Es gibt dort zwar eine Arbeitsteilung, aber es existiert Einigkeit bei den Ideen und eine Einigkeit im Geiste, wenn es um das Design geht, das ich vorgeschlagen habe.

Wie hat der 11. September die Stimmung unter den Intellektuellen in New York verändert?

Ich denke, es hat leider die Spannungen auf der Welt in unsere Mitte gebracht. Es ist nichts Abstraktes mehr. Wir verstehen jetzt alle mehr, was Globalisierung bedeutet. Was es bedeutet, mitten in der Welt zu sein und auf diese Angriffe zu reagieren. Die Politiker oder die Armee mögen auf die eine Art reagieren, aber die Architektur kann auf kreative Art reagieren, indem sie etwas baut; etwas wieder aufbaut. Sie kann etwas Positives kreieren. Wenn man sich heute Lower Manhattan ansieht, gibt es viele Menschen, die wieder dorthin zurückziehen. Viele ehemalige Bürogebäude werden jetzt zu Wohngebäuden umgebaut. Die Menschen spüren, dass die Gegend nicht länger sein wird, was sie war. Es wird ein Stadtteil mit Kunst sein, wo man Dinge unternehmen kann. Es wird nicht mehr wie vor den Anschlägen sein.

Wie haben Sie ganz persönlich den 11. September 2001 erlebt?

Das war eine sehr merkwürdige Konstellation von Daten. Der 11. September 2001 war der erste Tag, an dem das Jüdische Museum in Berlin für die Öffentlichkeit zugänglich war. An dem Tag bin ich in mein Büro gegangen und habe mir gesagt: "Zum ersten Mal muss ich nicht über das Jüdische Museum nachdenken. Jetzt ist es eröffnet." Dann passierten die Anschläge und eine neue Dunkelheit machte sich um mich herum breit, als ich diese Bilder an jenem Nachmittag in Berlin im Fernsehen sah. Ich sah die Bilder, wandte mich zu meiner Frau und meinen Kollegen und sagte: "Ich gehe zurück nach New York. Ich gehe zurück nach Lower Manhattan." Wie merkwürdig, dass ich genau hier gelandet bin und gerade in diesem Moment auf Ground Zero blicke und die Verantwortung habe, Ground Zero wiederaufzubauen.

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