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Kunst

Daniel Libeskind: "Berlin braucht mehr Ehrgeiz"

Der Architekt hat eine enge Beziehung zu seiner Wahlheimat Berlin, für die er auch das Jüdische Museum designte. Dort wurde gerade der 10 Millionste Besucher begrüßt. Im Interview spricht Liebeskind über neue Projekte.

Das Jüdische Museum Berlin wurde 1999 nach den Vorstellungen Libeskinds erbaut und eröffnete im Jahr 2001 seine Türen. Der Stararchitekt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, das Museum war sein erster internationaler Erfolg. Gerade wurde der 10 Millioneste Besucher im spektakulären Bauwerk des gebürtigen Polen in der Kreuzberger Nachbarschaft begrüßt.

DW: Beginnen wir mit den Juwelen: Die meisten Ihrer Bauwerke verwenden diese Art von Kristallstruktur. Was steckt hinter Ihrer Liebe zu Kristallen?

Daniel Libeskind: Ich weiß nicht, woher der Kristall stammt. Aber ich weiß, dass Frank Lloyd Wright (US-amerikanischer Architekt und Schriftsteller, Anm.d.Red.), ein Meister, sagte: Ein Gebäude ohne Kristall ist kein Gebäude. Ein Kristall ist geschliffen, stark, robust, belastbar, nicht verformbar. Eine genaue Form, die in der Sonne und im Licht des Himmels glänzt. Ein Kristall ist ein Symbol, nicht nur eine Form. Kristalle verkörpern Schönheit, Wärme und Intimität. Und ich denke, das gilt auch für Gebäude. Gebäude haben eine harte Außenseite - aber sie müssen sich in die häusliche Umgebung einfügen.

Wie wichtig ist Licht bei Ihrer Arbeit?

Licht ist der Schlüssel. Egal was für eine Art von Bauwerk, Licht ist nicht nur physisch. Es gibt Orientierung, es inspiriert und macht kreativ. Ich denke, das ist der Kern eines jeden Gebäudes und auch jeder Stadt.

Sapphire – der Name Ihres neuen Wohnhauses in Berlin – vermittelt den Gedanken luxuriösen Wohnens. Was ist die Idee hinter Sapphire?

Sapphire ist kein wirtschaftlicher Begriff, auf gar keinen Fall. Sapphire ist ein wunderschöner Stein, ein starkes und glänzendes Material. Es ist kein Zufall, dass schon immer Kristalle benutzt werden, um zu vermitteln, dass es mehr als nur Beton gibt. Sapphire ist etwas, was glänzt, was nach Aufmerksamkeit ruft und der Stadt Licht verleiht.

Deutschland Daniel Libeskind Haus Saphire. DW/ T. Tabellion

Libeskind mit einem Modell des Wohnhauses "Sapphire".

War es eine Herausforderung, ein Wohnhaus gegenüber dem Gebäude des BND (Bundesnachrichtendienst) zu bauen? Wie haben Sie diese Aufgabe bewältigt?

Zum BND-Gebäude kann ich nichts sagen, es ist nicht mein Gebäude. Es ist nur sehr groß! Doch sogar ein kleines Gebäude – wie hier an der Straßenecke der Chausseestraße – erfüllt seinen Zweck, nämlich die Unterbringung von Wohnungen. Es ist intim und handgefertigt, nicht nur massiv und statisch. Es ist für den Menschen gemacht. Ich finde, das ist ein großer Kontrast: eine große Institution für Tausende von Menschen und ein Wohnhaus.

Sie haben eine besondere Beziehung zu dieser Stadt. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch in Berlin?

Natürlich! Ich kam das erste Mal hierher, lange bevor die Mauer fiel, als Berlin noch eine geteilte Stadt war. Doch schon damals war Berlin ein Highlight des 20. Jahrhunderts, trotz der Katastrophen und der Leere, die der Terror der Zeit hinterließ. Berlin ist eine erfinderische Stadt, eine schöne Stadt, eine Stadt der Kultur, der Kunst und der Ideen. Ich verliebte mich sehr früh in Berlin.

Wie kann es sein, dass eine Person jüdischen Glaubens wie Sie diese Stadt trotz der schwierigen Geschichte bewundert?

Als ich das erste Mal nach Berlin kam und wir entschieden, hier mit meinen drei Kindern zu leben, war es nicht einfach, diese Entscheidung zu treffen. Viele Mitglieder unserer Generation und Familie dachten: Das ist schrecklich. die müssen verrückt sein, in Deutschland leben zu wollen – gerade in Berlin. Aber ich bin froh, dass wir es getan haben. Über die vielen Jahre veränderten sich die Berliner und auch Deutschland. Und ich finde, diese Transformation ist wirklich beeindruckend. Man darf nicht nur nach hinten schauen, sondern viel mehr nach vorne. Man sieht, wie toll die neue Generation ist und was für ein progressives Land Deutschland heute ist.

Ihr erstes Gebäude in Berlin war das Jüdische Museum, das 2002 eingeweiht wurde. Das Gesicht der Stadt hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Wie gefällt Ihnen die Berliner Architektur heute?

Berlin ist eine wundervolle Stadt mit vielen Umbauten. Was Architektur und Trends betrifft, bin ich nicht der größte Fan davon, über die Höhe eines Gebäudes oder den Stil eines rechteckigen Fensters zu entscheiden. Es muss mehr Ehrgeiz in Berlin geben. Das "Sapphire" zeigt, dass man - mit den gewohnten Auflagen und den gleichen Bedingungen wie jedes andere Gebäude auch - etwas Modernes aus dem 21. Jahrhundert schaffen kann. Es ist ein kunstvolles Gebäude, das nicht nach einer gewohnten Formel erschaffen wurde.

Was ist Ihre Meinung zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses?

Das Schloss ist ein Werk der Fantasie. Nicht meine! Aber manche Menschen glauben, dass man Geschichte wiederherstellen kann, indem man nur mit dem Finger schnippt. Man kann nicht einfach Wände hochziehen und dann erwarten, dass das ein Kulturerbe zurückbringt. Das geht nicht. Ich sage, dass es sehr beeindruckend sein wird - jedoch als Staffage. Ein Zierbau im Zentrum. Und als genau das könnte es erfolgreich werden.

Das Jüdische Museum Berlin

Das Jüdische Museum in Berlin

Ihr neustes Projekt findet in der Alten Opfer in Frankfurt am Main statt. Sie sagten mal, Architektur leite sich von der Musik ab. Ist es in diesem Fall andersherum?

Mein Projekt in Frankfurt heißt "One Day in a Life" – Ein Tag im Leben. Doch ein Tag kann jeder Tag sein! Was an einem Tag im Leben passiert, passiert an allen Tagen. Orte, die wir besuchen, Menschen, die wir treffen, Dinge, die wir tun: Wir müssen zur Arbeit gehen, wir müssen an Meetings teilnehmen, wir träumen an diesen Tagen. Musik ist ein Symbol des Lebens und der Architektur, denn sie ist strukturiert. Natürlich ist Musik nicht sichtbar, doch sie ähnelt sehr der strukturellen Architektur. Sie gibt uns Zugang zu Welten, die wir manchmal gar nicht kennen. Die Aufgabe meines Projekts wird sein, Musik dorthin zu bringen, wo noch nie Musik gespielt wurde: in ein Krankenhaus, in ein Stadion, in die Straßenbahn. Oder in der U-Bahn, in geheimen Orten unterhalb der Stadt, wo sich versteckte Bunker befinden, von denen die Leute noch nicht wussten. Es kombiniert klassische und zeitgemäße Musik, um zu zeigen, dass die Leute hören müssen, wie die Musik zu ihnen spricht. Erst so eröffnet sich ihnen die Stadt.

Deutschland Architekt Daniel Libeskind in Berlin. Rechte: DW/ T. Tabellion

Daniel Libeskind beim Dreh mit der Deutschen Welle in Berlin

Daniel Libeskind ist ein US-amerikanischer Architekt mit polnischen Wurzeln. Der Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille gilt als schillernde Figur der internationalen Architektenszene. Zickzackförmige Grundrisse, labyrinthische Räume, schiefe Ebenen - nichts ist an seinen Bauten gewöhnlich. Auch die ersten Pläne für das 2014 eröffnete neue "One World Trade Center" in New York stammten von Libeskind.

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