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Politik

Dangerous Reading

Ein Religionsprofessor in North Carolina hatte die Idee, eine Einführung in den Koran zur Pflichtübung seines Seminars zu machen. Über die Widerstände gegen dieses Projekt berichtet DW-TV-Korrespondent Eckhard Tollkühn.

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Oft schon wurde den Amerikanern der Vorwurf gemacht, sich für den Nabel der Welt zu halten und die Augen vor anderen Kulturen zu verschließen. Weltfremdheit scheint der Leitfaden zu sein, der Politik und Kultur des Landes bestimmt. Diese Kritik gibt es natürlich auch bei einigen Amerikanern. Zu ihnen zählt auch Michael Sells. Er ist Religionsprofessor am Haverford College im Bundesstaat North Carolina.

Vor dem Hintergrund des Anti-Terrorkriegs und der immer tiefer werdenden Kluft zwischen der islamischen und der westlichen Welt, wählte Professor Sells "eine Einführung in den Koran" als Pflichtlektüre.

Die Universität von North Carolina, zu dem das College gehört, verpflichtet alle Studienanfänger zu einer Sommerlektüre und einem kurzen Aufsatz darüber, der zum Semesterbeginn diskutiert wird.

Michael Sells wählte die "Einführung in den Koran" als ein Beitrag zum besseren Verständnis fremder Kulturen. Ein lobenswerter Ansatz, sollte man meinen. Im konservativen North Carolina sieht man es anders. Gute Christenkinder zu zwingen, den Koran zu lesen, sei so als hätte man während des Zweiten Weltkrieges "Mein Kampf" zur Pflichtlektüre in amerikanischen Schulen gemacht, tönte TV-Talkmaster Bill O’Reilly. Doch es blieb nicht allein bei polemischen Ausbrüchen. Drei Studenten und ein konservativer Vaterlandsverein verklagten die Universität wegen Verstoßes gegen die US-Verfassung. Speziell gegen den Passus, der die Trennung von Kirche und Staat garantiert.

Eine Religion, die Frauen, Christen und Juden als minderwertig betrachte und ihre Anhänger anstachele, Flugzeuge in amerikanische Wolkenkratzer zu steuern, sei keine Religion für amerikanische Lehranstalten, argumentierten die Kläger.

Die Universität ließ sich nicht einschüchtern, machte allerdings auf ihrer Internetseite das Zugeständnis, nur einen Aufsatz darüber zu schreiben, warum man das Buch nicht lesen wolle.

Die Wahl der Lektüre begründe sich in der jahrhundertelangen Faszination des Westen gegenüber dem Islam, eine Faszination, die durch den 11. September noch verstärkt worden sei, hieß es von seiten der Universität.

Was folgte ist erfreulich für alle, denen ein offener akademischer Diskurs heilig ist: Nicht nur in der ersten Instanz wurde die Klage abgewiesen, auch in der Berufung hatten die Kläger kein Erfolg. Noch also siegt die akademische Freiheit gegen die Gummiparagraphen der amerikanischen Verfassung. Als Fundamente von Zivilisationen könnten Bibel und Koran nicht aus dem Lehrbetrieb unserer Universitäten ausgeklammert werden, nur weil es in unserem Staat eine Trennung von Kirche und Staat gebe, kommentierte die Washington Post den Streit. "Der Staat darf keine Religion zur Staatsreligion erklären, er darf das Volk aber auch nicht zu Ignoranz bei solchen Themen verdonnern."

Auch im klagefreundlichen Amerika ist der Streit kein juristisches Problem. Es ist stattdessen ein kulturelles Problem. Schlimm genug, dass Verbündete wie Deutschland bei der Generalstabsplanung gegen den Irak ausscheren. Schlimmer noch wenn die eigenen Landsleute den "Feind zu verstehen" suchen.

Aber wenn amerikanische Studenten wissen wollen, was eine Milliarde Moslems auf der Welt bewegt, ist das sicher keine Verbrüderung mit dem Feind, sondern ein Akt des gesunden Menschenverstandes.