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Alltagsdeutsch – Podcast

Dampfmaschinen

In vielen Ländern sind sie längst ausgestorben – Schiffe oder Lokomotiven, die mit Dampf betrieben werden. Etwas Nostalgie ist jedoch immer noch dabei, mit einer Dampflok oder einem Dampfer zu fahren.

Sprecherin:

Eine imposante Front hat er, gekrönt durch die schwarze Rauchfahne der Kohlefeuerung – der Dampfeisbrecher "Stettin". Erbaut im Jahre 1933, wird er immer noch von der alten Dreifach-Expansions-Dampfmaschine angetrieben. Allein dieser Name "Dreifach-Expansions-Dampfmaschine" verursacht bei den Fans Gänsehaut. Die Hauptmaschine ist so groß wie ein Haus, die Pleuelstangen sind dick wie Baumstämme. Die Heizkessel fassen jeweils 25.000 Liter Wasser. Im Zeitalter von Mikroprozessoren und Atomen strahlt so ein Schiff eine wuchtige Sinnlichkeit aus: prall, dick, groß und stark. Für Undine Schulz-Köster aus Hamburg war es Liebe auf den ersten Blick.

Undine Schulz-Köster:

"Irgendwie rutscht man da rein. Irgendwann wird man von irgendjemandem auf die 'Stettin' mitgenommen und dann infiziert einen dieser Dampfschiffvirus. Das ist eigentlich dieses alte Schiff, das ja – es hat irgendwie 'ne Seele, so komisch, wie sich das anhören mag. Und wenn man unten in die Maschine geht, und die läuft, das ist 'was ganz anderes als diese modernen Dieselmaschinen."

Sprecher:

Die emotionale Bindung an eine Dampfmaschine kommt über den Menschen wie eine Krankheit, gegen die er sich nicht wehren kann – wie ein Dauerschnupfen sozusagen. Undine Schulz-Köster bekennt, dass sie mit dem Dampfschiffvirus infiziert sei. Viren sind bekanntlich winzig kleine Krankheitserreger, die sehr schnell sehr krank machen können. Nun gibt es gegen den Dampfschiffvirus wohl keine Heilung. Die Mensch-Maschine-Beziehung hat einen irrationalen Moment, der sich einer logischen Erklärung entzieht. Irgendwie rutscht man da rein, wie auf einer Spielplatzrutsche. Kommt man auf dieser einmal in Bewegung, schlittert man unweigerlich ins Unbekannte, ohne anzuhalten. Für den Dampfmaschinenliebhaber ist so ein Schiff auch kein unbelebter Stahlbau, sondern etwas sehr Lebendiges. Es hat eine Seele. Damit hebt das Dampfschiff endgültig in jene metaphysische Ebene ab, die über die bloße Natur hinausgeht und wo die letzten Fragen des Seins gestellt werden.

Sprecherin:

1981 wurde der Eisbrecher "Stettin", einer der letzten seiner Art, vom neu gegründeten "Förderverein Eisbrecher Stettin" übernommen. Seitdem wird er von den Vereinsmitgliedern instand gehalten. Mit rußigem, überaus heiterem Gesicht steht ein vollschlankes Vollblutweib im Heizraum und schippt Kohlen: Reni Ros.

Reni Ros:

"Die Dampfleidenschaft, wenn die einen packt, dann fährt man sehr weit. Ein Schweizer Kollege hat einmal vor Jahren gesagt: 'Ja, wissen Sie, wir sind alle dampfsexuell'. Wie ich hier an Bord war und bin das erste Mal runter in den Heizraum gekommen, wusste ich eigentlich, das ist mein Platz. Vor allem, man kommt mit Leuten zusammen, mit denen man eigentlich im normalen Leben nicht Kontakt hätte, und es ist dadurch, dass wir ein gemeinsames Ziel verfolgen – sind wir alle hoch motiviert."

Sprecher:

Der Mensch kann eine Dampfmaschine anfassen und begreifen und auf diese Weise ein sinnliches Verhältnis zu ihr entwickeln. Genauso ist auch Reni Roses Zitat: wir sind alle dampfsexuell, zu verstehen. Kein Wunder, dass die meisten Hobbyschiffer an Bord am liebsten als Heizer arbeiten möchten. Dahinter steckt der Wunsch nach Sinneserfahrungen, die in unserer abstrakten Welt immer seltener werden. Man sucht die Dampfleidenschaft. Leidenschaft ist ein sehr vielschichtiger Ausdruck. Einerseits stecken in ihm die Begriffe "Begierde" und "Begeisterung". Andererseits schwingt in ihm bereits das Leiden und der Kummer mit, den solche Gefühle auslösen können.

Sprecherin:

Auch Eberhardt Lanz ist am liebsten als Heizer im Kesselraum. Er sieht mit seiner schwarzen Baskenmütze und dem weißen Wallehaar mindestens so beeindruckend aus wie das Schiff, auf dem er fährt.

Eberhardt Lanz:

"Dampfvirus ist, wenn man als kleiner Bub aus dem Kinderwagen 'n langen Hals kriegt, wenn irgendwo was mit Dampf vorbeifährt. In der Regel, wenn man vom Binnenland kommt, halt Lokomotiven. Nach zehn Stunden Bahnfahrt habe ich geplärrt, wenn ich aus 'm Zug raus sollte. Andere Kinder haben vorher schon geschrieen, weil sie raus wollten."

Sprecher:

Vom Dampfvirus sind alle Crewmitglieder der "Stettin" infiziert. Eberhardt Lanz hat diese Krankheit schon in frühester Kindheit bekommen – ausgelöst durch Lokomotiven. Bub ist übrigens ein süddeutscher Ausdruck für "Junge". Und dieser Junge hat bei Dampfmaschinen eben immer einen langen Hals gekriegt. Einen langen Hals bekommen heißt also im Alltagsdeutsch, man schenkt einer Sache erhöhte Aufmerksamkeit. Lanz hat jedenfalls immer geplärrt, also unangenehm laut geschrieen, wenn er eine Dampfeisenbahn verlassen musste.

Sprecherin: Wenn die "Stettin" im Hafen liegt, kommen immer viele Menschen an Bord, um sie zu besichtigen. Und etliche sind darunter, die ähnlich begeistert von den nostalgischen Maschinen sind wie die Crewmitglieder.

O-Ton:

"Ich bin 'ne verkappte Pyromanin. Und also, wenn geheizt wird, dann bin ich dabei. Kein Ferienhaus ohne Kaminofen, selbst im Hochsommer muss ich 'n Ofen haben. Und ich muss auch schwitzen, das gehört auch dazu. Und hier habe ich ja eben schon 'ne Schaufel Kohle aufgeworfen."

Sprecher:

Eine Pyromanin wäre normalerweise ein Fall für die Psychiatrie. Sie unterliegt nämlich dem triebhaften Zwang, Brände zu legen und sich beim Anblick des Feuers zu berauschen. Aber keine Angst, die Besucherin ist ganz gesund. Sie findet nur Feuer und alles, was damit zusammenhängt, besonders schön. Wenn man eine verkappte Pyromanin ist, dann fällt es der Außenwelt sowieso nicht weiter auf. Man ist getarnt wie unter der Kappe eines Kapuzenmantels. Man ist es also heimlich.

Sprecherin:

Der Ehemann der verkappten Pyromanin teilt die Leidenschaft für nostalgische Maschinen.

O-Ton:

"Ich kann mir nicht helfen, also, ich finde auch Spaß daran. Das Altertümliche, das zieht doch immer wieder an und macht Freude, das zu gucken. Lanz-Bulldogs sind mein Elixier, also. Das ist nicht mit Dampf verbunden, aber das hat trotzdem etwas mit Nostalgie zu tun.

Sprecher:

Da haben wir es wieder: Die Liebhaberei entzieht sich jeder logischen Erklärung. Dass sich der Mann von alten Landmaschinen angezogen fühlt, wird in dem Begriff des Elixiers deutlich. Im Alchimistenlatein ist das Elixier eine trockene Substanz mit magischen Eigenschaften. Im Alltagsdeutsch ist ein Elixier etwas, was einen jung und lebendig hält, weil es Freude bringt. Die Grundsubstanz dieses Elixiers ist die Nostalgie – die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten.

Sprecherin:

Diese Sehnsucht erfüllen sich auch die Crewmitglieder der "Stettin". Mindestens 22 Mann braucht es, um den alten Eisbrecher zu fahren. 130 Personen darf er mitnehmen. Im Sommer ist er jedes Wochenende gechartert. Die leitenden Positionen sind mit Patentinhabern professionell besetzt. Ansonsten sind alle möglichen Berufe vertreten, Frauen wie Männer fahren, und hier treffen sich auch die Generationen.

O-Ton:

"Das ist 'ne prima Crew. Natürlich fetzt man sich ab und zu. Das kommt auch vor. Aber das wird ganz schnell wieder bereinigt. Das ist gar kein Thema."

Sprecher:

Wenn man sich fetzt, streitet man sich ziemlich heftig, und es wird auch schon mal laut. Aber dann ist alles wieder bereinigt, man säubert sozusagen den eigenen Seelenhaushalt und versöhnt sich wieder. Das ist kein Thema, also selbstverständlich.

Sprecherin:

Mit der Energie heißen Dampfes ventilgesteuert einen Kolben zu bewegen, diese Technik von James Watt ist heute ein Fall für das Museum. Und doch – die alten Maschinen laufen immer noch. Und ihre Fans berauschen sich an der sinnlichen und schweißtreibenden Atmosphäre.

Reni Ros:

"Ich mag, wenn ich die Niedergänge runtergehe und komme in den Heizraum. Das ist eigentlich das A und O, warum ich hier bin. Oder wenn ich das Feuer anstecken darf – Prometheus. Das ist wirklich ein erhebender Moment, wenn wir die Feuer das erste Mal zünden nach der Wintersaison."

Sprecher:

Das A und O ist mit Abstand der wichtigste Punkt einer Sache. Für die Lehrerin Reni Ros ist es der Heizraum. Gemeint ist der erste, Alpha, und letzte, Omega, Buchstabe des griechischen Alphabets. Der Ausdruck stammt aus der Bibel. Dort heißt es in der Offenbarung des Johannes: "Ich bin das A und O spricht Gott, der Herr ..." Hier soll die Macht Gottes als Schöpfer und Vollender der Welt zum Ausdruck gebracht werden. Was uns übergangslos zu Prometheus bringt, der den Gott Zeus herausgefordert hatte. Prometheus ist eine Figur der griechischen Mythologie. Einst raubte er Gott Zeus das Feuer, um es den Menschen zu bringen und wurde böse bestraft. Geschmiedet an einen Felsen, hackte ihm ein Adler die ständig nachwachsende Leber aus. Das Feuer brachte den Menschen den Fortschritt. Und Prometheus wurde, je nach Interpretation, Symbol für die Auflehnung des Menschen gegen die scheinbar gottgewollte Ordnung. Dahinter steckt eine gewisse Hybris – eine Art frevelhafter Übermut, auf den die Heizerin wohl anspielt.

Sprecherin:

Damit die Dampfmaschinen der "Stettin" fehlerfrei laufen und die Feuer auch immer angeheizt werden können, verbringen die Vereinsmitglieder viel Freizeit und unbezahlte Arbeitsstunden auf ihrem alten Dampfer. Bleibt eigentlich nur noch zu klären, wie eine Dampfmaschine eigentlich funktioniert. Und da behelfen wir uns mit dem alten Roman "Die Feuerzangenbowle" von Heinrich Spoerl. Dort hat es Oberlehrer Bömmel den Schülern beigebracht – auf rheinische Art, versteht sich.

Zitat: Heinrich Spoerl, Die Feuerzangenbowle

"Wat is' ene Dampfmaschin? En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten und vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung und dat andere, dat ham mer später."

Fragen zum Text

Ein Virus ist …

1. ein Krankheitserreger.

2. eine Medizin.

3. eine besondere Pflanze.

Die Stettin ist …

1. ein Tanker.

2. eine Fregatte.

3. ein Eisbrecher.

Ein Pyromane ist jemand, der …

1. mit Feuer spielt.

2. mit Autos spielt.

3. mit Puppen spielt.

Arbeitsauftrag:

Wie funktioniert eine Dampfmaschine? Suchen Sie sich ein passendes Schaubild. Beschreiben Sie anschließend in einem kurzen Text, wie die Maschine funktioniert.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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