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Wirtschaft

"Damn! Ein schlechter Tag!"

Zwischen blankem Entsetzen und ersten Versuchen der Schadensbegrenzung: die Reaktionen der deutschen Wirtschaft auf das Brexit-Votum der Briten kamen schnell.

Als erstes Mitglied der Bundesregierung reagierte der Wirtschaftsminister. "Damn! Ein schlechter Tag für Europa", schrieb Sigmar Gabriel, der auch Vizekanzler der Regierung in Berlin ist, am Freitagmorgen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Nicht weniger drastisch die erste Wortmeldung aus Industrie und Handel. "Der Brexit ist für die deutsche Wirtschaft ein Schlag ins Kontor", sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK, Eric Schweitzer. Kurzfristig sei zu befürchten, dass der Absatz deutscher Produkte in Großbritannien schwächer wird. "Großbritannien muss Handelsverträge weltweit, aber auch mit der EU komplett neu aufsetzen", so Schweitzer. Sicherlich sei in den nächsten Wochen mit einer weiteren Abwertung des Pfunds zu rechnen. Insgesamt werde der deutsch-britische Handel schwieriger.

"Unmittelbare Einschnitte"

Deutsche Industrielle rechnen nach der Brexit-Entscheidung mit "harten und unmittelbaren" Einschnitten im Handel mit Großbritannien. "Wir erwarten in den kommenden Monaten einen deutlichen Rückgang des Geschäfts mit den Briten. Neue deutsche Direktinvestitionen auf der Insel sind kaum zu erwarten", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie BDI, Markus Kerber, am Freitagmorgen. Fast 400.000 Menschen arbeiten im Vereinigten Königreich in Niederlassungen deutscher Unternehmen.

Großbritannien London Düster Morgengrauen EU-Referendum Brexit

Nach dem B-Day: Morgengrauen über London

Die deutsche Exportwirtschaft nannte das Votum der Briten für einen Austritt aus der EU rundweg "eine Katastrophe für Großbritannien, für Europa und insbesondere auch für die deutsche Wirtschaft". Der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Anton Börner, bezog sich dabei am Freitagmorgen auf geradezu "apokalyptische Hochrechnungen", denen zufolge ein bis zu 30 prozentiger Wohlstandsverlust bis zum Jahr 2030 für die Insel drohe. Betroffen äußerte sich auch der Chef der Deutschen Bank, der Brite John Cryan: "Das ist kein guter Tag für Europa. Die Konsequenzen lassen sich noch nicht vollständig absehen. Sie werden aber für alle Seiten negativ sein. Sicherlich sind wir als Bank mit Sitz in Deutschland und einem starken Geschäft in Großbritannien gut darauf vorbereitet, die Folgen des Austritts zu mildern."

Nach dem Schock…

Versuche von verbaler Schadensbegrenzung dagegen bei den deutschen Banken: Sie rechnen nach dem sich abzeichnenden Votum der Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der EU mit einer Stabilisierung der Märkte. "Die Lage an den Finanzmärkten dürfte sich nach dem ersten Schock rasch beruhigen", sagte der Präsident des Bankenverbandes, Hans-Walter Peters, am Freitagmorgen. Die Notenbanken hätten zudem alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um eingreifen zu können.

Der internationale Bankenverband IIF sagt allerdings nach der Entscheidung der Briten heftige Bewegungen an den Finanzmärkten voraus. Auch wenn die genauen wirtschaftlichen Auswirkungen des Referendums noch unklar seien, sei "sicher, dass es kurzfristig zu starken Turbulenzen kommen wird und dass Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt längerfristig belastet werden, vor allem in Großbritannien", erklärte IIF-Chef Tim Adams.

Der Präsident des deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Clemens Fuest, wertete das Votum der Briten für einen EU-Austritt als "Niederlage der Vernunft". "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen", sagte Fuest am Freitagmorgen. Dazu gehöre es, dass Großbritannien so weit wie möglich Teil des EU-Binnenmarktes bleibe. "Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt."

Mit harten Zeiten für Europa rechnet angesichts des sich abzeichnenden Brexits gleichwohl der Chefvolkswirt von ING-Diba Carsten Brzeski: "Es sieht so aus, als ob Europas schlimmster Alptraum Wahrheit geworden ist", sagte er am Freitag. "Es steht ein langer, schwieriger und dreckiger Scheidungsprozess an."

ar/ul (dpa, rtr)

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