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Nahost

Damaskus' Altstadt wandelt sich

Damaskus gilt als die älteste durchgehend besiedelte Stadt der Welt und verkörpert den Orient wie keine zweite. Doch zwischen engen Gassen und alten Moscheen tauchen nun immer mehr Kneipen, Internetcafés und Clubs auf.

Foto:Marc Röhlig

In der Altstadt von Damaskus brodelt jede Nacht das Leben

Die kleine Bar von Abu George im christlichen Viertel der Altstadt hat wenig Christliches an sich: PinUps und Albumcover hängen an den Wänden, Kerzen tauchen den Raum in ein schummriges Licht. Hinter einer schmalen Theke gibt es zwei Regale voller Spirituosen und Weinflaschen. Daneben steht noch ein Kühlschrank, der mit Biersorten aus aller Welt gefüllt ist. Dass hier nichts mehr orientalisch wirkt, dazu trägt vor allem seine Kundschaft bei. "Es ist ein kleiner Laden, vielleicht kommen deswegen so viele Leute“, sagt der 57-jährige Barkeeper Abu George. Vor allem Studenten aus Amerika, Japan, Deutschland, Ungarn holen sich hier bei ihm nach einem Tag an der Universität ihr Feierabendbier. "Im christlichen Viertel der Altstadt ist das ok", sagt Abu George, hier gebe es keine Probleme mit den Nachbarn.

Buntes Nachtleben in der Altstadt

Bar in DAmaskus (Foto:Marc Röhlig)

Die kleine Bar von Abu Georg ist Treffpunkt von Studenten und Ausländern...

Abu George steht jeden Tag bis fünf Uhr früh hinter der Theke. Er ist für seine Besucher ein Unikat und dennoch längst kein Einzelfall mehr. Überall in der Altstadt eröffneten in den letzten Jahren Diskotheken und Bars, die alle die erlebnishungrigen Sprachstudenten aus Europa und den USA bedienen wollen. In den letzten zehn Jahren hat sich Damaskus vom Geheimtipp zum Tummelplatz für Arabischstudenten entwickelt. Über 1000 studieren hier pro Semester und hinterlassen ihre Spuren in der Altstadt. "Bis vor zwei Jahren war die Altstadt fast nur zum wohnen, aber jetzt sind in den meisten Häusern Hotels, Bars, Kneipen. Wenige wohnen noch hier", sagt Abu George. Dennoch, so findet der 57-Jährige, würde der Geist der Altstadt erhalten bleiben.

Die geheimnisvollen Innenhöfe von Damaskus

Straße DAmaskus (Foto:Marc Röhlig)

...und auch die Straßen leeren sich erst zu später Stunde...

Von Abu Georges Kneipe im Osten sind es zehn Minuten bis zum Souk Hamadiyeh im Westen der Altstadt. Auch hier herrscht abends noch reges Treiben, denn die Läden der Händler sind bis spät in die Nacht hinein geöffnet. An einem Stand gibt es duftende Gewürze und Parfümmischungen, eine Straßenecke weiter zeigt ein Händler seine Tücher und Stoffe. Ein großer Strom aus Lieferwagen, Familien beim Bummeln, Botenjungen und Taxis quetscht sich durch die engen Gassen und jeder will heute Abend noch sein Geschäft machen. Außer Muhammad Wael Madreini. Er schließt gerade seinen Tuchhandel im Chan Set. Chane sind Innenhöfe abseits der Hauptstraßen, die früher oft als Karawansereien genutzt wurden, heute jedoch von Händlern und Handwerkern besiedelt wird. "Ich liebe diesen Chan wegen seiner Geschichte", sagt Madreini. Sein Großvater habe ihm erzählt, dass dieser Chan vor mehr als 800 entstand und früher eine Art Hotel gewesen sein, in dessen Hof Pferde und Schafe gestanden hätten. In der Damaszener Altstadt gibt es fünf Chane.

Innenhof DAmaskus (Foto:Marc Röhlig)

...nur die Innenhöfe von Damaskus bieten den Besuchern Ruhe vor der lärmenden Stadt

Wie ruhige Inseln verstecken sie sich in der ständig lauten Altstadt, Hinterhöfe abseits der Touristenpfade. Und dennoch sind sie nicht mehr unbekannt: Viele internationale Projekte zur Renovierung und Sanierung der Altstadt laufen seit einigen Jahren. Mit simplen Finanzierungsmodellen sollen Händler und Familien ermutigt werden, ihre Wohnhäuser und Läden zu modernisieren. Das betrifft auch die Chane. Erst kürzlich, sagt Muhammad Madreini, habe sich eine japanische Gruppe seinen Chan angesehen, um ihn renovieren zu können, sagt Händler Madreini. "Wenn es regnet, kommt das Wasser durch und die Wand wird richtig eklig."

Schritt in die Moderne

Marc Röhlig

Aussterbende Tradition: Tuchhändler Muhammad Wael Madreini....

Das könnte Muhammad Madreini seine Ware kosten. Der 32-Jährige webt seine Stoffe noch selbst, denn er hat das Handwerk gelernt. Doch immer mehr Syrer verlassen sich nicht mehr auf die Handwerkstradition. So auch Raed Touma, Betreiber eines Internet-Cafés Nahe dem Thomas-Tor. Den Standort hat der 27-Jährige clever gewählt, denn das Thomas-Tor ist Zentrum des christlichen Viertels der Altstadt und damit die beliebteste Wohngegend für Studenten und Touristen. "Bab Touma ist ein altes Viertel, deswegen sind viele Touristen und Ausländer hier", sagt er. Touma war einer der ersten, der ein Internet-Café in Damaskus eröffnet hatte, denn DSL-Verbindungen sind noch sehr selten in Syrien. Zwar böten einige Cafés Wireless Internet an, doch als er sein Café vor vier Jahren aufgemacht habe, sei das nicht so gewesen, erinnert sich Tuma. "Ich war der dritte Laden hier. Jetzt sind es allein in Bab Touma 14 Internetcafés – ohne die WLAN-Cafés eingerechnet." Doch für ihn wie auch für viele andere Syrer bleibe das Internet ein westliches Mysterium. Sie nutzen es eher zum Chatten, Studenten und Ausländer zum Schreiben und zum Arbeiten. Das mag auch daran liegen, dass Syrien – bei allem Wandel zur Moderne – dennoch eine Diktatur bleibt. Touma ist verpflichtet, alle seine Kunden in einer Kartei zu führen, die er der Regierung vorlegt. Und eigentlich sind auch Seiten wie Facebook, Google oder YouTube in Syrien gesperrt. Aber Touma bringt seinen westlichen Studenten bei, die Zensur zu umgehen, auch wenn es illegal ist.

Das Ende der Traditionen

Schwertemacher Mustafa Damaskus (Foto:Marc Röhlig)

...und Schwertmacher Mustafa as-Seify vor seinem Geschäft

Auch im Laden von Mustafa as-Seify steht ein neuer Laptop. Jedoch braucht er ihn nicht zum Arbeiten: Der 63-Jährige ist aus Damaskus‘ letzter Schwertmacherfamilie. Sein Geschäft liegt auf der Mitte der Via Recta, der Geraden Straße, die die Altstadt einmal von West nach Ost durchschneidet. Im vorderen Teil des Ladens zeigt Mustafa as-Seify seine Schwerter. Kunstvoll gefertigte Scheiden aus Leder und Silberbezügen hängen an den Wänden. Der Schwertmacher nimmt eine herab und zieht ein Schwert heraus, in dessen Klinge Verzierungen und Lobpreisungen auf Allah eingraviert sind. Dann zeigt as-Seify seine Werkstatt im hinteren Teil des Ladens, wo er seine Schwerter noch selber produziert. Nur sein Sohn Mohammad ist noch mit im Laden und lernt das Handwerk von seinem Vater, viele andere Handwerkerfamilien hätten die Tradition nicht weitergegeben. Doch die Zeiten sind schwer für traditionelle Handwerker wie Mustafa as-Seify, denn Hotels und Bars verdrängen die alten Geschäfte und die Altstadt wird immer touristischer und moderner und so bleibt für gute Handarbeit und jahrhundertealte Familienunternehmen nur noch wenig Platz. Aber auch der Schwertmacher ist mittlerweile auf die Touristen angewiesen. Ein normales Schwert kostet bei ihm rund 1000 Euro und diesen Preis können sich oft nur die Europäer leisten. "Die Leute aus Europa möchten als Souvenir etwas Schönes und Gutes aus Damaskus kaufen", sagt Ali. Während sich seine Kunden aus aller Welt den Orient nachhause mitnehmen, sorgt sich Mustafa as-Seify darum, ihn auch in seiner Stadt zu bewahren. Er hofft, dass sich die Clubs und Cafés in den Charme der Altstadt einfügen.

Doch der Sound in den Souks und Gassen hat sich längst geändert. In das Rufen der Händler mischt sich westliche Musik aus Lautsprechern. Syrien strebt danach, endlich das Stigma des Schurkenstaats loszuwerden. Mehr und mehr Studenten und Touristen genießen die neue Offenheit. Die Syrer freuen sich über zahlende Kundschaft. Doch an der Altstadt geht das nicht spurlos vorbei.

Autor: Simon Kremer/ Marc Röhlig

Redaktion: Michaela Paul