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Deutschland

Daheim statt Heim

Früher wurden sie außerhalb der Stadt in großen Anstalten untergebracht. Heute leben viele behinderte Menschen in den Zentren. Eine Entwicklung, die in Deutschland zukunftsweisend ist.

Frau mit Brille im Rollstuhl (Foto: Evangelische Stiftung Alsterdorf)

Sein erstes Zimmer vergisst Otto Goebel nie. "Mit zehn anderen Jungs habe ich mir einen Schlafsaal geteilt", erzählt der 74-jährige geistig behinderte Mann. Er kramt ein altes Fotoalbum hervor und zeigt auf die vergitterten Betten, dann auf die Waschräume und die Kantine. Erst als er das Foto der Schneiderwerkstatt sieht, hellt sich sein Gesicht auf. Als Schneider hat er gerne auf dem Anstaltsgelände gearbeitet, aber wohnen will er dort nie mehr.

Neues Wohlfühlerlebnis

Bewohner der Evangelischen Stiftung in Mönchengladbach (Foto: Hephata)

Otto Goebel im Garten

"In meinem neuen Haus ist es einfach wunderbar", sagt er. "Wir haben eine schöne Terrasse und schöne Zimmer." Endlich fühlt der alte Mann sich so richtig zu Hause. Seit sieben Jahren lebt er in einer kleinen Wohngruppe mitten in Mönchengladbach. "Möglichst kleine Wohngruppen sind unser Modell der Zukunft", sagt Dieter Kalesse von der evangelischen Stiftung Hephata. Stolz verweist er darauf, dass Hephata 1996 rund 950 Menschen unter 25 Wohnadressen untergebracht hatte, der Großteil der Bewohner lebte in Anstalten auf zwei Stiftungsgeländen. Heute dagegen wohnen 1100 Menschen unter 100 Wohnadressen. 200 Menschen werden ambulant betreut.

Vom Anstaltsghetto zum betreuten Wohnen

"Wir wollen vom Heim zum Daheim kommen", erläutert der Sprecher der Stiftung. Erklärtes Ziel sei es dabei, in Deutschland schwedische Verhältnisse einzuführen, wo in der Regel nur drei behinderte Menschen zusammenlebten. Als Vorbild für die Auflösung von Anstalten gilt die evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg. Wohl keine Einrichtung der deutschen Behindertenhilfe hat sich seit den 90er Jahren so radikal verändert wie sie. Rund 1200 behinderte Menschen lebten in ihrem eigenen Dorf am Rand von Hamburg. Es gab Häuser für über 200 Bewohner, Großküchen, Kantinen, Werkstätten. "Ein richtiges Ghetto mit Zäunen, Schranken und Pförtnerhäuschen", erzählt Sprecher Wolfgang Scharenberg.

Öffnung nach Außen

Afrikanischer Markt der Stiftung Alsterdorf (Evangelische Stiftung Alsterdorf)

Afrikanischer Markt der Stiftung Alsterdorf

Heute ist aus dem alten Stiftungsgelände ein Stadtteilzentrum mit offenem Markt geworden. Die behinderten Menschen leben in Appartements, bedienen in den Restaurants, spielen Theater oder betreiben ein eigenes Atelier. Sie sind Teil des gesellschaftlichen Lebens. "Natürlich gab es damals auch Bedenken, den 'Schutzraum Anstalt’ aufzulösen", erzählt Scharenberg. "Aber wir haben nur positive Erfahrungen gemacht." So seien viele behinderte Menschen deutlich selbstbewusster und selbstständiger geworden. "Sie können mit Geld umgehen, freundlich auf fremde Menschen zugehen und viel besser ihre eigenen Wünsche ausdrücken."

Runter vom Sofa, rein in die Stadt

Kindergruppe im Kindergarten (Foto: Frank Wosniewski, Aktion Menschenstadt)

Leben mit behinderten Kindern - Aktion Menschenstadt

Eine Erfahrung, die auch das Behindertenreferat des evangelischen Kirchenkreises Essen gemacht hat. Unter dem Motto "Runter vom Sofa, rein in die Stadt" helfen rund 400 festangestellte und ehrenamtliche Mitarbeiter behinderten Menschen dabei, möglichst selbstständig zu leben. Die vielen neuen Wohnmodelle für Behinderte betrachtet Herrmann als einen großen Fortschritt in der Behindertenarbeit.

Integration in Schule und Beruf noch schwierig

Er bemängelt aber, dass die schulische und berufliche Integration in Deutschland nur stockend vorangeht. So besuchen laut Herrmann nur 15 Prozent der Kinder, die sonderpädagogisch gefördert werden müssen, in Deutschland eine normale Schule. "Weltweit liegt der Anteil bei rund 60 Prozent", erklärt der Referatsleiter. Enttäuscht ist Herrmann auch über die sehr schleppende Integration in den Arbeitsmarkt. "Hier müssen wir noch viel tun, damit behinderte Menschen allmählich aus dem Schonraum Werkstatt hinausfinden." Der Experte hofft hier auf die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im Dezember 2008 unterschrieben hat. "Sie macht noch einmal klar, dass behinderte Menschen Bürger sind und damit auch Rechte haben", betont der Referatsleiter.

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Sabine Oelze

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