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Kultur

"Dagegen ist Orwell harmlos"

Sie malen ein düsteres Bild vom Überwachungsstaat Deutschland: Die renommierten Schriftsteller Ilija Trojanow und Juli Zeh. In ihrem Buch "Angriff auf die Freiheit" warnen sie: Bürger geben unbekümmert ihre Rechte preis.

Symbolbild Überwachung

Lassen wir uns überwachen?

Es ist starker Tobak, was Ilija Trojanow bei der Buchvorstellung von sich gibt: "Die einzige Gefahr, die vom Terrorismus ausgeht, ist die Art, wie unsere Gesellschaft darauf reagiert." Da zittert alle Welt vor der islamistischen Bedrohung, und dann sagt dieser Schriftsteller so was. Es ist eine Zuspitzung, wie er und seine Kollegin Juli Zeh sie gut beherrschen. Die beiden bisher mit Romanen aufgefallenen Schriftsteller haben gemeinsam ein Sachbuch verfasst, "eine Polemik", wie es Heinrich Wefing von der Wochenzeitung "Die Zeit" nennt, der die Buchvorstellung in Berlin moderiert. Es ist ein wirkliches Gemeinschaftswerk: Beide haben nicht die Kapitel unter sich aufgeteilt, sondern jede Zeile gemeinsam bearbeitet. Und dabei nie gestritten, wie Juli Zeh mit tiefem Blick in Trojanows Augen versichert, nur ganz selten, "weil du so faul warst".

Schriftsteller Juli Zeh und Ilija Trojanow

Missstände mit den Mitteln der Sprache aufdecken: Juli Zeh und Ilija Trojanow

Trojanow gibt das - unter Verweis auf seine bulgarische Sozialisation - unumwunden zu und auch, dass er nicht immer seinen Einsichten entsprechend handelt. Etwa, wenn er immer noch Googlemail verwendet, obwohl er weiß, dass Google all seine Daten ein Jahr speichert. Genau das definieren die Ko-Autoren als ein Hauptproblem: Die Datensammelwut. Sei es die des Staates, sei es die der Privatkonzerne. Sie stört einen erst mal nicht. Plastisch schildern sie in "Angriff auf die Freiheit", wie man reagieren würde, wenn man nach Hause komme und den Fliesenleger beim Stöbern im eigenen Computer ertappe - und wie gleichgültig derselbe Mensch hinnimmt, wenn sich andere von außen Einblick in seine Festplatte verschaffen. Terrorfahnder zum Beispiel.

Größere Gefahren als Terrorismus

Zeh und Trojanow behaupten nicht, dass vom Terrorismus keine Gefahr ausgehe. Nur: Auf Schritt und Tritt begleiteten uns weit größere Gefahren für Leib und Leben, gegen die wir nicht annähernd mit vergleichbaren Maßnahmen vorgingen. Wir tolerierten sie, "weil wir wissen, dass man keine absolute Sicherheit hinkriegen kann", so Trojanow. Der Unterschied zwischen Terrorismus und den anderen Risiken sei, dass dieser als Bedrohung empfunden werden wolle. "Das Wesen des Terrorismus ist die Botschaft", sagt Zeh. "Sie funktioniert nur, wenn sie massenhaft Empfänger findet."

Verschärfung von Sicherheitsgesetzen

Buchcover Angriff auf die Freiheit

"Angriff auf die Freiheit": Vor Gefahren warnen

Warum aber lassen sich dann Sicherheitsorgane und Politiker so bereitwillig auf diese Botschaft ein? Weil ihnen, folgt man den beiden Autoren, der Terrorismus ganz gelegen kommt. Vor dem 11. September 2001 habe die Gefahr einer überhandnehmenden Organisierten Kriminalität für die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen herhalten müssen. Ihretwegen wurde der Große Lauschangriff eingeführt, mit weitgehenden Möglichkeiten, Bürger zu überwachen. Das Bundesverfassungsgericht hat diesem Lauschangriff später enge Grenzen gesetzt, und siehe da: "Nichts ist untergegangen", so Zeh.

Die Gewaltenteilung wird ausgeblendet

Was Juli Zeh als Musterbeispiel für den Überwachungsstaat anführt, zeigt gleichzeitig einen Schwachpunkt in der Argumentation der beiden Schriftsteller. Sie warnen vor dem Staat und meinen die Staatsgewalt - die Regierung und ihre Organe. Doch diese Staatsgewalt wird von den Gerichten regelmäßig in die Schranken gewiesen, jedenfalls in einem Rechtsstaat wie dem deutschen. Vielleicht fühlen sich deshalb die meisten Deutschen nicht ungeschützt vor dem Staat.

Überwachungskamera

"Ein Mensch, der nichts zu verbergen hat, ist kein freier Mensch mehr."

Nichts zu verbergen

Die beiden Schriftsteller sehen allerdings einen anderen Grund, warum viele Bürger so unbekümmert auf die Datensammelei reagierten: Sie seien der Ansicht, sie hätten nichts zu verbergen. Dabei sei der Schutz der Privatsphäre ein Kern der mühsam erkämpften Freiheitsrechte. "Ein Mensch, der nichts zu verbergen hat, ist kein freier Mensch mehr", warnt Ilija Trojanow.

Viele der neuen Befugnisse, die sich der Staat in den letzten Jahren geschaffen habe oder noch schaffen wolle, bedrohten, folgt man den Autoren, den Normalbürger mehr als Terroristen und Kriminelle; letztere wüssten sich schon zu schützen. Was es heute schon an Möglichkeiten zur Überwachung der Bürger gebe, "dagegen ist George Orwell eigentlich harmlos", meint Trojanow. Und was erst in fünf Jahren technisch möglich sei: Unvorstellbar! Wenn man jetzt nicht handle, sei es bald zu spät.

"Jetzt werdet tätig!"

Das Buch "Angriff auf die Freiheit" reiht sich ein in eine Vielzahl von Büchern, die - meist mit guten Argumenten - vor drohenden Gefahren warnen, aber kaum Vorschläge machen, wie ihnen zu begegnen wäre. Das aber sieht Trojanow auch nicht als seine Aufgabe. Er sei sehr beeinflusst von den politischen Pamphleten des 18. Jahrhunderts, etwa denen von Jonathan Swift. "Da geht es immer darum, dass man einen Missstand erst mal mit den Mitteln der Sprache und der Argumente durchleuchtet und den Lesern sagt: Jetzt werdet tätig!"

Dieses Aufzeigen von Missständen gelingt den Autoren in gut lesbarer Form. Es zahlt sich aus, dass sich hier Literaten an ein Sachbuch gewagt haben - auch wenn sie ab und an ausschweifen und die Metaphern nicht immer stimmig sind. So stark wie ihre Sprache sind häufig auch ihre Argumente.

Ein Buch mit Wirkung?

Nur: Werden diese auch gehört werden? Juli Zeh ist da optimistisch, das Beispiel Umweltschutz macht ihr Hoffung. Dieser sei auch erst nur Thema einer "belächelten Minderheit von Freaks" gewesen, und heute komme keiner mehr daran vorbei. Dass es beim Thema Datenschutz ähnlich laufen werde, dafür "kann man auch Indizien finden". Ein Indiz war der vollbesetzte Saal bei der Buchvorstellung.

Autor: Peter Stützle

Redaktion: Elena Singer

Ilija Trojanow, Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte. Hanser Verlag 2009. 170 S. 14,90 Euro.

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