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Europa

"Da steckt mehr drin als man denkt"

Das Ruhrgebiet war 2010 europäische Kulturhauptstadt. Rund zehn Millionen Besucher kamen. Cheforganisator Fritz Pleitgen zieht im Interview mit DW-WORLD.DE eine Bilanz.

EMSCHERKUNST.2010 - Fritz Pleitgen leitender Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH (Foto: DW)

Ein Kind des Ruhrgebiets: Fritz Pleitgen

DW-WORLD.DE: Herr Pleitgen, was haben Sie im Kulturhauptstadtjahr über das Ruhrgebiet gelernt?

Fritz Pleitgen: Dass im Ruhrgebiet viel mehr steckt, als ich geahnt habe. Ich wusste zwar, dass das Ruhrgebiet eine Menge zu bieten hat, aber dass es so viel an Kultur auf Lager hat, wie ich es in diesem Jahr erleben konnte, das habe ich nicht gewusst und das hat mich beglückt. Und das war auch eine wunderbare Bestätigung, dass die Menschen hier begeisterungsfähig sind und richtig Lust auf Kultur entwickelt haben.

Hat dieses Kulturjahr etwas Übergreifendes gebracht, so eine Art Sinnstiftung für das Ruhrgebiet?

Das denke ich. Die Menschen hier haben plötzlich erkannt, dass sie in einer Metropole leben, die eine Kulturmetropole von durchaus internationalem Rang ist. Man hatte bis dahin etwas verschämt gesagt, wir leben zwischen Köln und Hannover. Ruhrgebiet hat man immer etwas verschwiegen. Aber jetzt erfüllt es die Menschen mit Stolz, dass man sich als polyzentrische Metropole präsentieren konnte. Ein zweiter Sinneswandel ist eingetreten bei den Städten und ihren Kultureinrichtungen. Bislang waren sie vereint in einer abgrundtiefen Abneigung, Misstrauen und einer völlig zerrütteten Finanzsituation. Fast 50 dieser Städte haben einen Nothaushalt. Aber jetzt haben sie sich zusammengetan. Das ist ein kleines Wunder gewesen, dass die Kooperation fast wie eine Selbstverständlichkeit funktionierte.

Menschen sitzen an Tischen auf einer Autobahn im Ruhrgebiet (Foto: DW)

Kultur auf der Autobahn: Still-Leben im Juli 2010

Es gab 5500 Veranstaltungen, darunter Events wie Still-Leben auf der gesperrten Autobahn A40 im Sommer mit Hunderttausenden von beteiligten Menschen. Manche sagen, das hat mit Kultur nichts mehr zu tun, das ist nur noch ein Massenphänomen?

Diesen Begriff Massenphänomen lehne ich ab. Ich mag auch den Begriff Event nicht. Das waren Kulturereignisse, die wir dort geschaffen haben. Wir sind angetreten eine Kulturhauptstadt für alle zu sein. Ich hätte es als asozial empfunden, wenn wir ein Kunstfestival nur für eine Elite gewesen wären und 90 Prozent der Bevölkerung ausgespart hätten. Nein, wir haben sehr viele Impulse gesetzt und nur fünf von 5000 Veranstaltungen waren Großereignisse. Dieser Vorwurf mit dem nicht sympathischen Wort Event kann ich nicht akzeptieren. Wir wollten Gemeinschaftssinn befördern mit den Mitteln der Kultur, wir wollten herausfordern, selbst aktiv zu werden und sich als Gemeinschaft zu fühlen.

Einen dunklen Punkt gab es in diesem Jahr. Bei der Loveparade, einem Techno-Festival in Duisburg, starben im Sommer 20 Menschen bei einer Massenpanik. Sie waren zwar nicht der Organisator, aber das Label Ruhr.2010 klebte trotzdem mit auf dieser Veranstaltung. Fühlen Sie sich mitverantwortlich?

Ja, so wie alle sich mitverantwortlich fühlen, die sich dafür ausgesprochen haben. Ich stehe auch dazu und frage mich immer noch, warum habe ich nicht nachgefragt, ob alles für die Sicherheit getan wurde. Ich weiß nicht, was ich hätte bewirken können, man hätte mich ja nicht in die Organisation eingebunden, weil wir keinen Vertrag hatten und auch keine finanzielle Beteiligung. Ich war mir so sicher gewesen, dass alles funktionieren würde. Das liegt schon auf meiner Seele. Das ist in der Tat ein schwerer Schatten, der auf der Kulturhauptstadt, aber auch auf ganz Deutschland ruht. In Zukunft muss Sicherheit oberste Priorität haben und in aller Öffentlichkeit diskutiert werden. Die Medien haben auch total versagt, denn ich habe vorher nicht ein Wort gelesen von irgendeinem Sicherheitsproblem. Das ist natürlich auch ein arges Defizit.

Blick in den Neubau des Museum Folkwang in Essen (Foto: picture-alliance/dpa)

Alles neu in Essen: Museum Folkwang

Besonders wichtig ist der Europäischen Union, dass das Kulturhauptstadtjahr nachhaltig wirkt. Was bleibt nach diesem Jahr von Ruhr.2010?

Ich denke, wir haben einen Bewusstseinswandel herbeigeführt. Die Menschen, wissen, dass sie in einer Kulturmetropole leben. Das haben sie jetzt erst richtig erkannt. Der Stellenwert von Kultur ist nach oben gegangen. Bei Haushaltskürzungen fängt man nicht immer gleich bei der Kultur an. Man hat erkannt, dass die Kultur einen großen Wert für die Gesellschaft besitzt und auch ein starker Standortfaktor ist. Es sind viele Einrichtungen geschaffen worden, die über die Zeit wirken werden. Wenn ich alleine an das Dortmunder "U" denke, eine alte Brauerei, die umgewandelt wurde in ein Zentrum für Kunst und Kreativität. Wenn ich an das Hagener Kunstquartier denke, das Museum Folkwang, das Ruhrmuseum oder den Duisburger Innenhafen mit der Küppersmühle.

Ich hoffe sehr, dass man jetzt nicht eine Konditionsschwäche zeigt, sondern fortsetzt, was da begonnen wurde. Ich denke das Jahr 2010 kann Weichen stellen Richtung Metropole Ruhr. Und was ich auch noch hoffe ist, dass dieses lausige, völlig veraltete Image vom Ruhrgebiet sich endlich wandelt, dass man erkennt, dies ist nicht eine niedergehende Industrieregion mit grauen abgewrackten Städten und einer vergifteten Landschaft, sondern eine spannende und animierende Metropolenregion, durchaus mit vielen Problemen, aber auch modellhaft in der Solidarität.

Fritz Pleitgen ist Vorsitzender der Ruhr2010 GmbH, die das Kulturhauptstadtjahr organisierte. Der 1938 in Duisburg geborene Journalist war Korrespondent in Moskau, Ost-Berlin, Washington und New York. Von 1995 bis 2007 war Fritz Pleitgen Intendant des Westdeutschen Rundfunks.

Interview: Bernd Riegert
Redaktion: Nicole Scherschun