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10 Jahre Krieg in Afghanistan

"Da muss man einen langen Atem haben!"

Ex-Botschafter Gunter Mulack vergleicht den westlichen Versuch des Staatsaufbaus in Afghanistan mit einem Sandkastenspiel. Die Intervention habe die Geschichte und Tradition des Landes ignoriert.

Ex-Botschafter Gunter Mulack ist heute Direktor des Deutschen Orient-Instituts und war 2009 Wahlbeobachter in Afghanistan (Foto: dpa)

Gunter Mulack

DW-WORLD.DE: Herr Mulack, warum genießt die afghanische Regierung zehn Jahre nach Beginn der westlichen Intervention so wenig Vertrauen bei den Menschen?

Gunter Mulack: Die afghanische Regierung ist offensichtlich nicht in der Lage, gute Regierungsarbeit zu leisten. Sie arbeitet schlecht und sie kämpft nicht gegen die Korruption. Die Korruption und die Jagd nach dem schnellen Geld sind offensichtlich für viele, die in der Regierung arbeiten, viel wichtiger, als die Anliegen des Volkes gewissenhaft zu erfüllen. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele dieser Menschen nicht an die Zukunft Afghanistans glauben und deswegen lieber das schnelle Geld machen wollen.

War die Intervention vor zehn Jahren richtig?

Die war sicherlich richtig. Man hätte sie vielleicht vermeiden können, wenn die Amerikaner einen längeren Atem gehabt hätten in den Gesprächen mit den Taliban über die Auslieferung von Osama Bin Laden. Diesen Prozess des Verhandelns kann man nicht einfach so in ein paar Wochen abschließen. Aber ich hatte immer auch den Eindruck, dass die Amerikaner intervenieren wollten. Es ging dort auch um Rache. Es ging darum, dass die Großmacht USA einfach zeigen musste: "Wir lassen uns nicht alles gefallen, man kann nicht straflos gegen uns vorgehen." Aber man hätte dann anschießend schneller umdenken sollen. Man hätte versuchen müssen, die Afghanen selber schneller in den Sattel zu heben.

Welche Fehler hat das westliche Bündnis aus Ihrer Sicht gemacht?

Wir haben damals zu sehr auf die Nordallianz gesetzt. Die hatte ja damals nicht gewonnen gegen die Taliban. Im Gegenteil, die Nordallianz hatte ja schon fast verloren. Sie hat es nur durch die Unterstützung der Amerikaner geschafft, sich zum 'Sieger' im afghanischen Bürgerkrieg zu erklären. Wir haben aber damals die Paschtunen und die Kriegsverlierer nicht genug eingebunden. Es war damals einfach undenkbar, die Taliban zum Gesprächsprozess zu laden, zur ersten und zur zweiten Bonner Konferenz. Das haben die Amerikaner und die Nordallianz einfach abgeblockt.

Aus heutiger Sicht war das ein Fehler, denn aus heutiger Sicht hätten wir die Taliban viel früher beteiligen müssen. Wir haben wertvolle Jahre verloren in dem Prozess einer Verhandlungslösung. Jetzt ist es natürlich sehr spät, und jetzt sehen die Taliban auch, dass die Amerikaner irgendwann wieder weg sind. Da schrumpft der Wille, sich zusammenzusetzen.

Wenn Sie sagen, Gespräche mit den Taliban sind richtig und wichtig und hätten viel früher statt finden müssen: wie redet man mit so einer heterogenen Gruppe? Wir benutzen den Begriff ja immer sehr selbstverständlich, aber hinter den Taliban verbergen sich verschiedene Gruppen.

Es gibt die sogenannten moderaten Taliban. Damit meine ich die Taliban, die heute schon in Kabul leben und zugänglich sind wie Mullah Zaeef, der ja auch schon hier auf einer Konferenz mit dem Auswärtigen Amt in Berlin anwesend war, was ich sehr gut fand. Mit denen müssen wir reden. Aber das sind natürlich nicht 'die Taliban'. An Mullah Omar, die Quetta-Schura oder das Haqqani-Netzwerk heranzukommen dürfte sehr, sehr schwer werden.

Ein Sprecher der Taliban, umringt von Kämpfern, gibt in der südafghanischen Provinz Helmand ein Interview. (Foto: dpa)

Wo sind die Gesprächspartner auf Seiten der Aufständischen?

Aber noch mal: Wir haben viele Jahre verschenkt, in denen nicht geredet worden ist, obwohl immer mehr Leute gesagt haben: 'Tut was! Ohne einen innerafghanischen Versöhnungsprozess wird es keinen Frieden geben!' Aber das ist letztlich nie passiert. Die Amerikaner haben darauf gesetzt, noch mehr Soldaten an die Front zu schicken und haben immer noch gemeint, sie könnten dieses Phänomen der Taliban durch militärische Gewalt in den Griff kriegen. Sie haben es nicht geschafft, und heute heißt es natürlich auch bei ihnen, dass uns nur eine politische Lösung hilft. Doch es ist sehr spät. Es ist noch nicht zu spät, aber es ist sehr spät.

Mit 2014 steht das Abzugsdatum für die Kampftruppen im Raum. Halten Sie das für einen strategischen Fehler, dass man ein Abzugsdatum so klar benennt, wenn man Verhandlungen anstrebt und auch braucht?

Natürlich. Das ist ein Fehler. Aber wir müssen auch sehen, dass die Mehrheit der Bevölkerungen in den Nationen, die die Truppen stellen, gegen den Einsatz in Afghanistan ist. In Deutschland, in England, wo immer Sie fragen: 60 bis 70 Prozent der Menschen sind dagegen. Also müssen die Regierungen ihren Wählern die Perspektive geben, dass dieser Einsatz zu Ende geht. Diese innenpolitischen Argumente muss man auch mit in Betracht ziehen, was die Taliban natürlich als Zeichen der Schwäche auslegen können.

Man wird jetzt versuchen, so denke ich, sich aus der Intervention zu retten. Wenn am 5. Dezember in Bonn die Konferenz zum zehnjährigen Jubiläum des Petersberger Prozesses stattfindet, dann macht man die Tür zum Ausgang auf und sagt: "Ihr Afghanen, Ihr seid von uns ganz hervorragend versorgt und ausgebildet worden, Ihr könnt das jetzt selbst machen, wir verlassen das Land und zwar erfolgreich".

Aber ich hoffe auch wirklich, dass wir es schaffen, die Taliban noch mehr einzubinden. Ich hoffe, dass es uns gelingt, die ideologisch nicht verbrämten Stammeskrieger, die nur zu den Waffen greifen, weil sie die Amerikaner als Besatzer empfinden und sich rächen wollen, am Aufbau Afghanistans zu beteiligen.

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