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Europa

Dündar: "Wichtige Botschaft der Solidarität"

Der regierungskritische türkische Journalist Can Dündar erklärt im DW-Interview, wieso er von der europäischen Politik enttäuscht ist - und wie er mit Falschmeldungen umgeht.

DW: Herr Dündar, Sie wurden schon mit diversen Auszeichnungen geehrt. Was ist aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen dem Preis "Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen", den Ihnen das Netzwerk Recherche in Hamburg verliehen hat, und anderen Auszeichnungen?

Can Dündar: Dieser Preis ist einer der prestigeträchtigsten in ganz Europa. Mir wurde gesagt, dass er bis jetzt an deutsche Journalisten verliehen wurde. Dass ich ihn jetzt bekomme, interpretiere ich folgendermaßen: Erstens wollen unsere deutschen Journalisten-Kollegen unsere Bemühungen um Pressefreiheit unterstützen. Zweitens nehmen sie eine kompromisslose Haltung ein gegen den Druck, den die türkische Regierung auf uns ausübt. Ich finde beide Aspekte wichtig, und ich sehe diesen Preis als sehr wichtige Botschaft der Solidarität.

Es gibt Gerüchte, dass Sie sich von Ihrem Posten als Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet" zurückziehen werden. Möchten Sie dazu Stellung nehmen?

Wir haben eine schwierige Mission: Einerseits verteidigen wir unsere eigenen Nachrichten, andererseits kämpfen wir gegen Falschmeldungen. Zum Beispiel wurde in der Türkei mittlerweile schon die sechste Nachrichtenmeldung veröffentlicht, die fälschlicherweise behauptet, ich wäre aus meinem Land geflohen oder hätte meinen Job aufgegeben. Nein, beides stimmt nicht. Wie jeder andere brauche auch ich Urlaub. Ich werde eine Zeit lang im Urlaub sein und mich danach wieder meinen Pflichten widmen.

In der Türkei ist das Phänomen der gezielten Desinformation weit verbreitet. Was kann man dagegen tun?

Das beste Gegenmittel sind wahrheitsgetreue Nachrichten. Erstens versuche ich, meine Aufmerksamkeit gar nicht erst auf Desinformation zu richten, weil diese im Grunde genommen eine Provokation ist - mit dem Ziel, jemanden zu zermürben. Zweitens muss man seinen eigenen Weg weitergehen. Wenn du deine Zeit verschwendest, indem du dich mit Falschmeldungen und Desinformation aufhältst, wird das deine ganz Energie verbrauchen.

Das Flüchtlingslager in Kilis, Türkei (Foto: dpa)

Türkisches Flüchtlingslager in Kilis: "Flüchtlinge werden für politische Ziele instrumentalisiert"

Was erwarten Sie von den führenden Politikern in Berlin und Brüssel in den Beziehungen zur Türkei?

In der Türkei gibt es einen Kampf für Demokratie und Pressefreiheit - und eine repressive Regierung. Es ist äußerst enttäuschend, dass führende europäische Politiker unter diesen Umständen auf der Seite dieser Regierung stehen. Natürlich wünschen wir uns, dass sie bei allen Verhandlungen die türkische Regierung näher an europäische Standards führen, aber gleichzeitig wollen wir, dass sie sich uns gegenüber solidarisch zeigen. Zumindest erwarten wir, dass sie auch diese andere (regierungskritische) Seite der Türkei sehen und ihr zuhören.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angekündigt, dass fast alle syrischen Flüchtlinge in der Türkei die türkische Staatsbürgerschaft bekommen würden. Wie bewerten Sie diese Pläne?

Erdogan möchte der Alleinherrscher in einem präsidialen System sein - und ist bereit, alles dafür zu tun. Ich glaube, dass die syrischen Flüchtlinge in der Türkei leider für diverse politische Ziele instrumentalisiert werden. Erdogan hat sie gegen Europa benutzt beim EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen. Jetzt werden sie benutzt im Wettlauf um ein präsidiales System. (Anm. d. Red.: als potenzielle Wähler) Ehrlich gesagt finde ich das richtig hässlich.

Was empfehlen Sie jungen investigativen Journalisten?

In Hamburg habe ich unter anderem an einem Panel zu den Panama Papers teilgenommen. Heute gibt es eine ganz neue Form der weltweiten Solidarität. Eine neue Ära hat begonnen, in der 100 Journalisten gemeinsam dieselben Dokumente einsehen können und auf deren Basis diverse Beiträge erstellen. Diese Ära erfordert Mut. Man muss investigativ vorgehen, hartnäckig, geduldig und entschlossen sein. Wir brauchen solche Journalisten - mögen sie schnell in Erscheinung treten.

Der regierungskritische Journalist Can Dündar ist Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet". Wegen eines Berichts seiner Zeitung über illegale Waffenlieferungen der Türkei jenseits der syrischen Grenze wurde er zu einer mehr als fünfjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Er war drei Monate in Untersuchungshaft und entging in Istanbul nur knapp einem Attentat. Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche hat ihm in Hamburg den Preis "Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen" verliehen.

Das Gespräch führte Seda Serdar.

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