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Politik

Déjà vu in Virginia

Nach dem Amoklauf an der Virginia Tech ruft ein aufgebrachter amerikanischer Student im DW-Studio Washington an. Er wirft den deutschen Medien Antiamerikanismus und fehlendes Mitgefühl vor. Stimmt das?

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All die kritischen Fragen über die laschen Waffengesetze scheinen dem wütenden Anrufer unangebracht. Jetzt, da die Opfer noch nicht einmal begraben wurden. Besonders verärgert ihn der Satz einer deutschen Tageszeitung: "Amerika erntet, was es gesät hat.“

Wissen wir immer alles besser? Fühlen wir uns kulturell überlegen? Nach diesem Gespräch ist für mich offensichtlich, dass Amerikaner und Deutsche auf das gleiche Ereignis unterschiedlich reagieren. Im Vergleich zu den amerikanischen zeigen die deutschen Medien sicherlich wenig Empathie. Etwas gewöhnungsbedürftig für nüchterne deutsche Augen: In den amerikanischen Fernsehberichten dominieren Emotionen: Der Gouverneur ist stolz auf die Studenten, die in solch schweren Stunden zu ihrer Universität halten.

Waffenlobby betet für die Opfer

Die Verletzten berichten nicht über ihre schrecklichen Erlebnisse, sondern bekunden selbstlos ihr Mitleid für die Verstorbenen. Während in den ersten Stunden nach der Schießerei noch verstörte Studenten auf den Bildschirmen der Nachrichtensender erschienen, werden nun akkurate Studenten im Logo-Pullover der Virginia Tech gezeigt, die Haltung bewahren.

Die Universität, an der das Massaker stattfand, zeigt an diesen Tagen Solidarität. Alle Studenten tragen rot und orange, - die Farben der Universität. Die Fahnen wehen auf Halbmast. Der Gouverneur Virginias bricht seine Asienreise ab. Der Präsident reist nach Blacksburg und kondoliert. Eine Nation trauert. Alle sind geschockt. Auch die National Rifle Association verkündet auf ihrer Homepage, in Gedanken und Gebeten sei sie bei den Familien der Opfer.

Hat Columbine nichts bewirkt?

Aber, haben wir das nicht schon mal gesehen? Das Massaker an der Columbine High School jährt sich diesen Monat zum achten Mal. Hat Michel Moores Oscarprämierter Film nichts bewirken können? Einige Gesetze wurden verschärft und die Sicherheit an den Schulen verbessert. Die Maßnahmen sind jedoch Sache der einzelnen Bundesstaaten. Sind die Waffengesetze im District of Columbia auch streng, die Fahrt in die angrenzenden Bundesstaaten Virginia oder Maryland dauern keine halbe Stunde. Das Waffengesetz in Virginia gilt als eines der liberalsten in den USA. Nur Maschinenpistolen müssen bei der Polizei registriert werden, für andere Waffen gilt dies nicht.

Es gibt durchaus Amerikaner, die sich kritisch zu den Waffengesetzen äußern. Tony Kornheiser ist Kolumnist der Washington Post und einer der Kritiker. Aber auch er weiß, dass solche Aussagen Ärger mit sich bringen. Das Recht, eine Waffe zu besitzen, scheint zur persönlichen Freiheit zu gehören. Viele Amerikaner sehen dieses Recht als notwendige Begrenzung der zentralisierten Macht. Die Einstellung der US-Waffenlobby ist klar: Gewehre töten keine Menschen, Menschen töten Menschen.

Amerika blickt nach vorn

Gibt es überhaupt Möglichkeiten, sich zu schützen, wenn jemand den Entschluss fasst, Menschen zu töten und ihm das eigene Leben nichts mehr bedeutet? In Deutschland sind die Gesetze zum Waffenbesitz wesentlich strenger. Trotzdem kam es im April 2002 zum Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Ein 19-Jähriger erschoss dort dreizehn Lehrer, einen Polizisten und zwei Schüler, nachdem er die Zulassung zum Abitur nicht erreicht hatte.

Und wie reagiert Amerika? Zwei Tage nach dem Amoklauf an der Virginia Tech durchforsten die Nachrichtensender nun ohne Pause das Leben des Schützen. Jeder, der ihn auch nur vom Sehen her kannte, wird befragt. Die Diskussionen drehen sich jetzt um stärkere Sicherheitskontrollen an Schulen, das psychologische Profil des Täters und darum, wann in die Privatsphäre bei Auffälligkeiten eingegriffen werden darf. Aber Amerika scheint das Kapitel Virginia Tech schnell schließen zu wollen und blickt nach vorn.

Auch mich macht diese grausame Tat betroffen und ratlos. Aber ich stelle mir die Frage, ob es sinnvoll ist, jedem - sei er frustriert, einsam oder wütend - den Zugang zu Waffen zu ermöglichen. Das wird hier nicht groß thematisiert. Vielleicht ist diese Sichtweise typisch deutsch. Bin ich deswegen gleich antiamerikanisch? Auf jeden Fall machen mir diese Tage bewusst, wie groß die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland sein können.