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Welt

Cyber Security: Die Chefs und das Netz

Ein Kühlschrank, der Spam-Mails verschickt. Ein Geheimdienst, der sich wieder was traut. Und Wirtschaftsbosse, die aufwachen. Ein Jahr nach Snowdens Enthüllungen wird auf einer Konferenz über Netz-Sicherheit diskutiert.

Seit Snowdens Enthüllungen kennen ihn viele: Den britischen Geheimdienst GCHQ (Government Communications Headquarters). Nun hat er einen neuen Chef - und Robert Hannigan verliert keine Zeit und ergreift in der Diskussion um die Abhör- und Überwachungspraktiken gleich die Initiative.

Anfang der Woche meldete sich Hannigan in einem #link:http://on.ft.com/1EfmXCu:Beitrag für die Financial Times# zu Wort. Darin wirft er US-Technologiefirmen vor, Terroristen zu unterstützen. Die Technologiefirmen würden die Augen vor dem Missbrauch ihrer Dienste verschließen und nicht eng genug mit den Sicherheitsbehörden zusammen arbeiten, geht Hannigan forsch in die Offensive. "Das Recht auf Vertraulichkeit ist nie ein absolutes Recht gewesen", macht er seine Haltung deutlich.

Hat Snowden Terroristen geholfen?

Auch Edward Snowden wirft er vor, mit seinen Enthüllungen Terroristen geholfen zu haben. Der Zufall wollte es, dass Hannigans Beitrag genau an dem Tag erschien, als in Bonn am Rhein das Spannungsfeld zwischen Sicherheitsinteressen und Datenschutz, zwischen Privatsphäre und Überwachung, zwischen Cyberkriminalität und technischen Schutzmaßnahmen in einem exklusiven Zirkel diskutiert wurde. Zum dritten Mal hatten Deutsche Telekom und Münchner Sicherheitskonferenz zum "Cyber Security Summit" geladen. Gekommen waren in den Konferenzsaal in der Bonner Telekom-Zentrale rund 180 hochrangige Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft.

Die Organisatoren hatten auf ein breites Spektrum der Podiumsteilnehmer Wert gelegt: So gehörte ein Vertreter des GCHQ dazu und auch Ben Wizner. Der arbeitet für die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation "Civil Liberties Union" und ist vor allem einer der Anwälte Edward Snowdens. Wizners Fazit: Die technische Möglichkeit der massenhaften Ausspähung ist auf lange Sicht eine Bedrohung für freie Gesellschaften und die Demokratie.

Einprogrammierte Hintertürchen für die NSA

In Bonn war mit Händen zu greifen, welch tiefe Spuren Snowdens Enthüllungen in der IT-Welt hinterlassen haben, wie viel Vertrauen zerstört worden ist. Fast zwei Drittel der deutschen Führungskräfte halten den Aufbau von europäischen Alternativen zu den großen IT-Unternehmen aus den USA für erforderlich, weiß der parallel zur Bonner Konferenz veröffentlichte #link:http://www.cybersecuritysummit.de/downloads/CyberSecurityReport_2014.pdf:Cyber Security Report# zu berichten. Telekom-Chef Timotheus Höttges hat eine Antwort auf die massenhafte Ausspähung von Daten: Er verspricht seinen Kunden, solange Sender und Empfänger in Deutschland seien, würden die Daten Deutschland nicht mehr verlassen, .

An Edward Snowden erinnerte in Bonn auch Andy Müller-Maguhn, ehemals Sprecher des Chaos Computer Clubs und IT-Berater. Snowden habe deutlich gemacht, wie wichtig eine brauchbare Verschlüsselung von Daten sei.

Ex Chaos Computer Club Sprecher Andy Mueller-Maguhn auf der Konferenz für IT-Sicherheit in Bonn. (Copyright: Telekom)

Wirbt für Verschlüsselung: Ex-CCC-Sprecher Müller-Maguhn

Maguhn wies in diesem Zusammenhang auf den Fall der Verschlüsselungsfirma RSA hin. Die hatte Presseberichten zufolge der NSA für 10 Millionen US-Dollar eine Hintertür in ihre Verschlüsselungsprograme eingebaut. Müller-Maguhn forderte unabhängige Zertifizierungen für solche Verschlüsselungen, um solche Hintertüren für die Nutzer erkennbar zu machen.

Täglich eine Million Angriffe auf das Telekom-Netz

Cyber-Sicherheitskonferenzen leben von Bedrohungsszenarien. Und davon hatte Gastgeber Timotheus Höttges einige zu bieten. Eine Million Mal täglich werde das Netz der deutschen Telekom angegriffen, berichtete der Telekom Chef. Höttges hatte noch mehr Zahlen im Gepäck: Neun von zehn deutschen Firmen hätten 2014 Angriffe von außen registriert. Und: Weltweit summiere sich der jährliche Schaden durch Cyberkriminalität mittlerweile auf 575 Milliarden US-Dollar, zitierte Höttges eine Studie des "Center for Strategic and International Studies". Die geopolitische Dimension machte Wolfgang Ischinger deutlich, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Mit Blick auf die Ukraine sagte er: "Der Krieg ist als Mittel der Politik nach Europa zurückgekehrt. Eine seiner Dimensionen ist der Cyberspace“.

Die Gastgeber der Konferenz für IT-Sicherheit in Bonn am, 03.11.2014, Telekom Chef Tim Höttges und der Direktor der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. (Copyright: Deutsche Telekom)

Netzbetreiber und Netzwerker: Die Gastgeber Höttges und Ischinger

Angesichts der Faktenlage ist das Thema Cybersicherheit mittlerweile erkennbar in den Vorstandsetagen der Unternehmen und in den Fluren politischer Macht angekommen. Das war nicht immer so. Wer hat sie noch nicht gehört, die Anekdoten von Politikern oder Unternehmensführern, die sich ihre Mails von der Sekretärin ausdrucken und anschließend vorlegen lassen? Die Angehörigen dieser Generation sind inzwischen auf dem Rückzug. Das Bewusstsein für die Risiken der digitalen Welt sei in den vergangenen Jahren dramatisch gewachsen, wird in Bonn zufrieden konstatiert. Man muss ergänzen: Genau so gewachsen wie die Abhängigkeit moderner Industriegesellschaften von einer funktionierenden und sicheren IT-Infrastruktur.

Spam vom Kühlschrank

Mit Blick auf das sogenannte "Internet der Dinge" und die wachsende Vernetzung von Produktionsprozessen durch die "Industrie 4.0" brachte die einstige Justizministerin und heutige Staatssekretärin Brigitte Zypries die Lage auf den Punkt: "In einer Welt, in der jede Stellschraube 'smart' ist, steigt das Sicherheitsrisiko." Zur Erinnerung: Anfang des Jahres hatte in den USA erstmals ein voll vernetzter Kühlschrank Spam-Mails verschickt.

Unbeantwortet bleibt in Bonn, von wem die größten Gefahren ausgehen: Von Geheimdiensten wie NSA, GCHQ oder BND? Von Cyberterroristen, die zum digitalen Dschihad aufrufen? Von hoch spezialisierten Verbrecherbanden? Oder doch von der Sorglosigkeit der Verbraucher? "Das sicherste Türschloss ist nutzlos, wenn der Schlüssel unter der Fußmatte liegt", zuckt gegen Ende des Tages Telekom-Chef Höttges etwas resigniert mit den Achseln.

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