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Digitales Leben

Crowdsourcing: Die Masse macht’s

Wikipedia hat es gezeigt: Wenn viele mitmachen, kommt oft Gutes dabei heraus. Doch können viele Menschen Experten ersetzen? Wo lässt sich das Wissen vieler noch einsetzen und kann man mit ihm die Zukunft vorhersagen?

Weniger Köpfe, mehr "Schwarmintelligenz" lautet das Motto der Piratenpartei. Der Partei, die sich erst 2006 in Deutschland gegründet hat und nun einen wahren Siegeszug antritt. Die Piraten haben zwar noch kein vollständiges Parteiprogramm, sind aber bereits in zwei deutsche Landesparlamente gewählt worden. Ihre Philosophie: Sie möchten mehr Bürgerbeteiligung am politischen Betrieb - gelingen soll das via Internet.

Einer, der bei der Landtagswahl im Saarland am 25. März im Gegensatz zu den Piraten eine bittere Niederlage einstecken musste, ist entsetzt: Der Generalsekretär der liberalen Freien Demokratischen Partei (FDP), Patrick Döring, fürchtet eine "Tyrannei der Massen".

Aristoteles setzte auf die Summe der Menschen

Eine Statue des griechischen Philosophen Aristoteles

Der griechische Philosoph Aristoteles

Auf so eine Äußerung hin hätte Aristoteles vermutlich nur den Kopf geschüttelt. Aristoteles war der Meinung, dass Entscheidungen besser bei einer Gruppe von Menschen als bei einzelnen besonders Tüchtigen aufgehoben seien. Frei nach dem Motto: Die Summe macht's.

Anwenden lässt sich dies nicht nur auf die Politik. Man nehme die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Dort kann jeder sein Wissen (oder Unwissen) einbringen, Einträge erstellen und verändern – Experte wie Laie. Doch was kommt dabei heraus? Mittlerweile eine Ansammlung von mehr als 20 Millionen Einträgen, nach Aussagen von Wikipedia in "ca. 270 Sprachversionen". Doch Masse heißt nicht gleich Klasse.

Mausklick vs. Blättern

Wer macht also das Rennen: Die Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia oder die klassische, im Verlag herausgegebene, von Experten erstellte Variante, die altehrwürdige Encyclopaedia Britannica? Das Magazin "Nature" hat 2005 versucht, genau das herauszufinden. Das erstaunliche Ergebnis: Alle beide haben so ihre Ungenauigkeiten. Oft sind es wissenschaftliche Feinheiten, für Laien kaum erkennbar. Die Fehlerquote bei Wikipedia ist im Schnitt nur unwesentlich höher. Für den Techniksoziologen Robin Fink von der Technischen Universität Dortmund ist das keine Überraschung: "Dass eine traditionelle Enzyklopädie deutlich besser abschneiden würde als die Wikipedia, ist dort definitiv nicht der Fall gewesen."

Seit der Studie ist Wikipedia gewachsen, hat sich entwickelt, wurde viele Male überarbeitet. Deshalb ist Fink der Meinung: "Wenn man die Studie heute wiederholen würde, würde ich annehmen, dass zumindest bei aktuellen Themen und bei relativ beliebten Themen die Wikipedia auch deutlich die Nase vorne hat im Gegensatz zu traditionellen Enzyklopädien." Der Kampf der Wissenssammlungen – die Encyclopaedia Britannica wollte ihn nicht weiter ausfechten. Die Printausgabe wird nun eingestellt – nach 244 Jahren. Das gab der Verlag vor knapp einem Monat bekannt. Die Encyclopaedia gibt es natürlich in digitaler Form, und damit geht der Verlag mit der Zeit: Wer stellt sich schon 59 Kilogramm Papier ins Regal, wenn es im Netz doch so viel schneller und aktueller geht?

Die Crowd macht das schon

Ohne Webdienste wäre ein Projekt wie Wikipedia nicht möglich, meint Fink. Durch das Web 2.0 seien die Kosten für Informationsbeschaffung und globale Kommunikation drastisch gesunken. Erst so ließe sich Wissen in diesem Umfang zusammenschalten. Webdienste seien also die Grundvoraussetzung für so etwas wie eine kollektive Wissensansammlung.

Wissen ist Macht. Und Wissen macht Geld. Zwei Gründe, warum auch Firmen darauf bauen, das Wissen der vielen, weltweiten Internetuser zu nutzen - in Form von "Crowdsourcing". "InnoCentive" beispielsweise ist ein amerikanisches Unternehmen, das Forschungs- und Entwicklungsfragen als "challenge problems" in die Crowd gibt, um sie von ihr beantworten zu lassen. Die Ideen werden von der Menge bewertet. Für die beste Lösung gibt es Preisgelder.

Die Arbeit wird einfach in die Crowd ausgelagert - wie praktisch. Google ist noch einen Schritt weiter gegangen und hat versucht, die Zukunft vorauszusagen – durch seine Nutzer. Und das ist Google gelungen - zumindest in beschränktem Maße: Mit seinen "Flu Trends". Ein Dienst, der mit bestimmten Algorithmen die Suchergebnisse der Googler-Nutzer durchkämmt: nach Tipps bei Halsschmerzen, der Suche nach dem geeigneten Arzt. Anhand der Internetadressen wusste Google, wo sich die Menschen mit dem Halskratzen und der laufenden Nase befinden. Somit hatte Google zwei Wochen vor der offiziellen amerikanischen Grippe-Vorhersage Aussagen über eine Grippewelle in den USA treffen können, sagt Robin Fink von der TU Dortmund.

Nicht alles ist "crowdkompatibel"

Experten ersetzt das allerdings noch lange nicht. Es braucht schließlich immer noch Menschen, die sich solche Algorithmen ausdenken, die richtigen Schlagworte herausfiltern. Es brauche Systeme, die Probleme "crowdkompatibel" machten, so Fink. Bei Wikipedia sei das schlicht die Wiki-Software. Aber auch die habe jemand programmieren müssen.

Die Grippe-Vorhersage haben die Google-Nutzer zwar ganz nebenbei gemacht, aber nicht, ohne begrenzte, lokale Informationen einzubringen. Mit einer "völlig dummen Masse" gäbe es auch keine Weisheit der Vielen, keine treffenden Vorhersagen.

Die Vorstellung des "global brain" – reine Fiktion. Das muss auch Google einsehen: Mit einem ähnlichen Mechanismus wie bei den "Flu Trends" hat Google versucht, 2011 den Gewinner des Eurovision Song Contests zu ermitteln. Ganz oben im Ranking stand die deutsche Sängerin Lena. Gewonnen hat Aserbaidschan.