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Kultur

Critical Mass: Radfahren in der Grauzone

Critical Mass heißt eine Aktion, bei denen sich Radfahrer scheinbar unorganisiert treffen, um im Pulk durch Innenstädte zu fahren. In Dortmund ist die kritische Masse mit der Polizei aneinander geraten.

Die Radfahrer auf dem Dortmunder Friedensplatz werden langsam ungeduldig und fahren Runden (Foto: DW/Sola Hülsewig)

Demo mit Rad: Critical Mass

Mitten auf dem Dortmunder Friedenplatz haben sich etwa 80 Fahrradfahrer versammelt. Sie plaudern und warten, bis es losgeht. Wohin? "Einfach ein bisschen durch die Innenstadt", heißt es. Niemand will das Treffen organisiert haben, alle wissen von Freunden, aus der Zeitung, von Flyern oder einer Facebookseite von der Aktion. Niemand demonstriert offensichtlich für etwas – eine richtige Demonstration müsste ja auch von den Behörden genehmigt werden. Damit bewegen sich die Teilnehmer der Dortmunder "Critical Mass Aktion" in einer Grauzone, denn natürlich stehen sie für etwas ein: Für mehr Fahrrad- und weniger Autoverkehr zum Beispiel.

Die Polizei schreitet ein

Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe am Friedensplatz: Ein Polizist ist dazugestoßen und will die geplante Fahrt verbieten. "Ich habe vollstes Verständnis dafür, was ihr hier macht", sagt er, "aus polizeilicher Sicht können wir das aber nicht hinnehmen." Beim letzten Treffen in Dortmund im Juli hätten sich viele nicht an die Verkehrsregeln gehalten, seien kreuz und quer und über Rot gefahren. Eine Diskussion entbrennt, die Radfahrer wollen nicht auf sich sitzen lassen, als Verkehrsrowdys beschrieben zu werden; sie sehen sich als harmlose Zufallsgemeinschaft, die einfach ein bisschen radeln will. "Zu gefährlich", hält die Polizei dagegen: Jedem, der trotzdem losfahre, drohe eine Anzeige wegen Ordnungswidrigkeit.

80.000 Radfahrer in Budapest

Critical-Mass-Teilnehmer sprechen auf dem Dortmunder Friedensplatz mit der Polizei (Foto: DW/Sola Hülsewig)

Demonstranten und Polizisten

Die kritische Masse beruft sich dagegen auf die Straßenverkehrsordnung. Sie macht sich den Paragraph 27 zu Nutze. Dort steht, dass eine Gruppe von mehr als 15 Radfahrern einen sogenannten Verband bildet und damit nebeneinander auf der Straße fahren darf.

Ziel der Critical Mass ist somit, Radtouren durch die Innenstädte zu unternehmen, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie handeln nach amerikanischem Vorbild: 1992 war die erste Critical-Mass-Aktion in San Francisco. Von dort aus hat sich die Bewegung in der ganzen Welt ausgebreitet. In Budapest kamen vor drei Jahren rund 80.000 Radfahrer zusammen. In Dortmund scheint die Polizei den Radlern einen Strich durch die Rechnung zu machen. Das sorgt für Unmut. Mehr und mehr Leute beginnen, mit ihren Rädern um den Mittelpunkt des Platzes zu kreisen. Plötzlich schert jemand aus dem Kreis aus, der Pulk folgt ihm.

Radwege sind nicht mehr Pflicht

Mittlerweile sind etwa 200 Radler jeder Altersklasse unterwegs, die meisten etwa 20 bis 40 Jahre alt. Auch die Räder sind bunt gemischt: Das Spektrum reicht vom Drahtesel ohne Bremsen bis zum 2000-Euro-Rennrad, ein paar Liegerädern und einem Tandem. Begleitet werden sie von mehr oder weniger genervten Polizisten mit Bussen und Motorrädern, die den Pulk darauf hinweist, nur hintereinander auf den schmalen Radwegen zu fahren.

Ein paar Teilnehmer werden von der Polizei aus dem Verkehr gezogen und müssen ihre Personalien angeben. Der Vorwurf: Sie hätten den Verkehr behindert. Die Gruppe sieht sich jedoch im Recht und fährt geschlossen weiter. Sie beruft sich auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2010. Danach sind Fahrradfahrer nicht mehr verpflichtet, Fahrradwege zu benutzen, sondern sie dürfen – außer in besonders gefährlichen Situationen – auch auf der Straße fahren.

Von der Öko-Szene zum Edel-Bike

Der Laden, den Alexander Kopplow mit anderen in Dortmund führt, hat vor 25 Jahren als kleine Werkstatt angefangen, jetzt kann man hier hochwertigste Räder kaufen (Foto: DW/Sola Hülsewig)

Das Fahrradgeschäft boomt

Die Fahradlobby macht mobil – und wächst. Alexander Kopplow ist Geschäftsführer in einem Dortmunder Fahrradladen. Auch er beobachtet, dass Fahrradfahren immer populärer wird. Vor 25 Jahren hat sein Laden als kleine Werkstatt angefangen. Heute kann man hier Räder höchster Qualität kaufen. "Als der Laden gegründet wurde, gab es eine starke Öko-Szene. Die verlangte nach Rädern, die es so im Handel damals noch nicht gab", erzählt Kopplow. Die Hersteller seien dann auf die Wünsche der Kunden nach verkehrstauglichen Rädern eingegangen: "In der Folge gab es dann immer mehr qualitativ hochwertige Räder, die Nachfrage stieg bei allen Gesellschaftsschichten, und so kamen wir dann zu dem Boom, wie wir ihn heute haben."

Dieser Boom wird anhalten, da ist sich Alexander Kopplow sicher, Lebenshaltungskosten und Spritpreise stiegen schließlich ständig. Und dass die Deutschen das Fahrrad immer häufiger als Verkehrsmittel nutzen, bestätigt auch das Deutsche Mobilitätspanel, eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr. Kopplow beobachtet zudem, dass die Kunden bereit sind, für gute Fahrräder ordentlich Geld auszugeben: Bei 500 Euro geht es los, teurer werden kann es schnell.

Critical Mass in Dortmund (Foto: DW/Sola Hülsewig)

Ende der Demo

Nach knapp anderthalb Stunden kommt die Critical-Mass-Gruppe in etwas ausgedünnter Form wieder am Dortmunder Friedensplatz an.

Schätzungsweise fünf Leute müssen mit einer Anzeige rechnen. Das ist für die Radler jedoch eher ein Grund, weiterzumachen als aufzugeben; die Solidarität untereinander ist groß. Die nächste Radfahrt durch Dortmund steht spätestens in vier Wochen wieder an.

Autorin: Sola Hülsewig
Redaktion: Klaus Gehrke

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