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Sport

Cricket-WM-Titel zum Abendessen

Australien gewinnt zum fünften Mal die Cricket-WM, vor eigenem Publikum. Die Fans nehmen es erstaunlich gelassen, findet DW-Reporter Pierre Winkler, einer von mehr als 90.000 Zuschauern im Stadion in Melbourne.

Auf und ab geht es für den Zuschauer. "Excuse me, mate!" Dürfte ich mal? Links und rechts, hoch und runter. Zwei Stunden sitzen wie beim Fußball kann jeder, höchstens in der Halbzeit aufstehen, um sich zu erleichtern. Ein One Day International im Cricket dauert aber so lang wie ein Arbeitstag. Die für den mitteleuropäischen Allerwertesten langen Phasen des Nichts im Spiel überbrücken Anekdoten aus dem letzten Urlaub oder der neueste Fauxpas des Nachbarn. Das Stadion als Kaffeeküche. Und natürlich der gern genommene Gang ins Innere des Melbourne Cricket Grounds (MCG), dieses Monuments der Sportnation Australien. Allein hier ließen sich acht Stunden herumbringen, vorbei an fürchterlich überteuerten Bars, Ständen mit Frittiertem und riesigen Holztafeln mit Rekorden und Bestleistungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Von überall starren einen Schnurrbärte in Schwarzweiß an.

Der Kapitän ist raus

Das Finale der Cricket-WM fängt aus australischer Sicht sensationell an: Drei neuseeländische Schlagmänner verabschieden sich schon innerhalb der ersten Stunde. "Hell no!", entfährt es Matt, inmitten des Jubels in Gelb und Grün. Gerade hat Brendan McCullum sein Wicket verloren, ist also raus, Neuseelands Kapitän.

Der Melbourne Cricket Ground, Schauplatz des WM-Finals. Foto: Reuters

Der Melbourne Cricket Ground, Schauplatz des WM-Finals

Matt stammt wie McCullum aus Dunedin von der Südinsel, dort ist der tätowierte Knüppler ein Held. Er hätte mit seinen gewaltigen Hieben Neuseeland zum Titel führen sollen. "Er ist so ein großartiger Typ", sagt Matt. "Auf dem Platz zerstört er den Gegner, aber sonst hat er ein riesiges Herz." Ein Australier dreht sich um: "Ja, aber gerade hatte er die Hosen voll."

Routinierte Rivalität

Australien und Neuseeland haben längst Routine im sportlichen Vergleich. Auch in den beiden Rugby-Codes Union und League treten beide Nationen auf höchstem Niveau gegeneinander an. Im Vorfeld gab es die üblichen Witze der Australier über ihre Nachbarn, zum Teil auch deutlich unterhalb der Gürtellinie. Die Boulevardpresse bemühte sich, das Feuer noch zu schüren: "Wir würden uns ja gerne als Gastgeber von unserer besten Seite zeigen", schrieb die Herald Sun. "Aber wie soll das gehen, wenn wir kein Wort von dem verstehen, was die Typen erzählen?" Witze über den Akzent des jeweils anderen gibt es natürlich auch hier.

Doch am Ende ist die Rivalität höchstens lauwarm. Australiens Kapitän Michael Clarke und sein neuseeländischer Kollege McCullum betonten schon beim Vorrundenspiel der beiden Mannschaften, wie gut sie sich verstehen. Wenn es gegen England geht, giften Fans und Spieler, auch gegen Indien geht es gerne hoch her. Hier aber spielen die beiden WM-Gastgeber und besten Mannschaften des Turniers gegeneinander, man zollt sich Respekt. Erfolgreiche Schläge der Neuseeländer bekommen auch australischen Applaus.

Neuseeländischer Fan mit Fahne auf der Tribüne. Foto: Getty Images

Fans beider Mannschaften, bunt gemischt auf der Tribüne

Keine Beleidigungen

"Das Größte wäre ein Sieg im WM-Finale gegen England", sagt Phil, ein weißbärtiger Australier, dessen Trikot schon bessere Zeiten gesehen hat. "Aber die sind so schlecht, dass ich das nicht mehr erleben werde. Hier zu Hause im MCG gegen die Neuseeländer den Titel zu holen, ist aber auch unglaublich. 1992 konnte ich mir kein Ticket leisten, jetzt habe ich ein Jahr lang dafür gespart." Damals fand die WM zum ersten Mal in Australien und Neuseeland statt.

Leidenschaft gerne, aber bei allem darüber hinaus versteht man hier keinen Spaß. Wer andere beleidigt, fliegt aus dem Stadion und kann auch gerichtlich belangt werden. Eine SMS reicht, um einen Vorfall zu melden. Die Nummer wird immer wieder eingeblendet.

Schneller als erwartet

Neuseeländischer Cricketspieler fasst sich an den Kopf. Foto: Reuters

Nichts zu holen für die Neuseeländer

Der Rest des Spiels ist schnell erzählt: Neuseeland verliert weiter stetig Wickets, schafft nur 183 Runs. Deutlich zu wenig. Die Sache ist im Grunde entschieden, da scheint noch die Sonne ins mächtige Rund, und Australien hat noch nicht einen Ball geschlagen. Der Druck zerkrümelt den Außenseiter. "Ich hatte mich so auf ein spannendes Spiel gefreut", klagt der Australier Dave. "Aber die Neuseeländer sind viel zu eingeschüchtert." Die Gäste sind am Ende ohne Chance. Um 21.05 Uhr Ortszeit schlägt Steve Smith den entscheidenden Ball, fast eineinhalb Stunden vor dem prognostizierten Ende der Partie.

Australien gewinnt

seinen fünften Titel, baut seine Dominanz im Weltcricket aus. Vor offiziell 93.013 Zuschauern.

Man stelle sich vor, Deutschland hätte 2006 die Fußball-WM in Berlin gewonnen, die Party wäre vermutlich erst Tage, wenn nicht Wochen später ausgeklungen. Aber hier sind wir immer noch beim Cricket. Applaus begleitet die Sieger auf ihrer Ehrenrunde im Stadion. Man ist zufrieden. Well done, lads! Die dicke Party steigt woanders. Immerhin erinnert ein Gitarrist vor dem Stadion die herausströmenden Massen, worum es ihm geht: "Need money for beer", steht auf seinem Schild.

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