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Kultur

Cricket: Fünf Tage Spiel und Spaß sind kein Zuckerschlecken

Am Wochenende fand das Finale der Cricket-Weltmeisterschaft statt. Aber wie funktioniert das Spiel eigentlich? In Deutschland zumindest wissen die wenigsten, wie es geht. Eine kleine Einführung.

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Anstrengender Spaß: Cricket

Vielleicht ist es schwer für die Deutschen, sich für Cricket zu begeistern, weil man Geduld dazu braucht. Geduld und jede Menge Zeit. Die Deutschen aber sind eines der eiligsten Völker der Welt, wie einmal Robert Levine, Psychologie Professor an der California State Universität in Fresno feststellte. Bei den Engländern ist das anders. Die hatten nämlich Unmengen an Kolonien, und dort mussten sie sich seit jeher in Geduld üben. Der westliche Zeitbegriff lässt sich nun mal nicht beliebig in jedem Land der Welt anwenden. Bei der Zeit läuft der Imperialismus in die entgegen gesetzte Richtung. Vielleicht fragten sich die Engländer, wie sie die Wartezeit, die sie in den Kolonien vertrödelten, ein wenig würzen konnten. Mit einem fünftägigen Cricket -Spiel zum Beispiel. Das Wetter in den Überseeterritorien ist ja stabil, Sonne gibt es das ganze Jahr.

Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass die zehn Länder, die die offizielle Version des Cricket (Test Cricket genannt) austragen dürfen, allesamt mal von den Engländern in Besitz genommen wurden: Australien und Neuseeland; Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka sowie Südafrika und Simbabwe (das ehemalige Rhodesien). Das zehnte spielberechtigte Land ist eigentlich eine Gruppe von Ländern, nämlich West-Indien. Es umfasst Inseln in der Karibik, wie zum Beispiel Jamaica oder auch Barbados, wo die diesjährige Cricket-Weltmeisterschaft stattfindet.

Elf kleine Schlagmänner standen auf dem Grün …

Der Ausschnitt eines Cricket Platzes. Im Hintergrund ist die Zuschauertribüne, vorne ist der Pitch zu erkennen.

Der Cricket Platz in Sydney

Wenn nun der "gemeine Deutsche" versuchen möchte, Cricket zu verstehen, dann sollte er das Spiel aus Sicht eines Kindes betrachten. Mit Hilfe von Abzählreimen ist es gar nicht mehr so langweilig. Ziel der einen Mannschaft ist es nämlich, zehn Leute der anderen Mannschaft aus dem Spiel zu werfen.

Also: man nehme ein beliebiges Stück Grün und stecke ein Oval ab. Das ist das Spielfeld. In dessen Mitte präpariere man einen 20 Meter langen und drei Meter breiten Streifen, den Pitch. Nun muss man sich an seine Qualitäten aus Kleinkindertagen erinnern, damals, als man mit Bauklötzen spielte. An den beiden Enden des Pitches baut man drei Stäbe auf, auf dessen Ende man zwei kleine Querbalken legt. Das ganze nennt man Wicket und sollte möglichst nicht kaputt gehen, findet die Schlagmannschaft. Die Feldmannschaft ist gegenteiliger Meinung und hat sich den Zusammenbruch des Wickets zum Ziel gesetzt.

Jede Mannschaft hat elf Spieler, insgesamt stehen von den 22 jedoch nur 13 auf dem Platz. Die Feldmannschaft spielt in voller Stärke, ganz im Gegensatz zur ihren Gegnern, die sind nur mit zwei Mann auf dem Platz vertreten. Je ein Spieler der Schlagmannschaft steht vor dem Wicket - bereit, es auf Gedeih und Verderb zu verteidigen. Der Werfer der Feldmannschaft steht an einem Ende des Pitches und versucht aus der Entfernung, das Wicket kaputt zu machen. Als Waffe dient ihm ein kleiner Ball. Den muss der Schlagmann abwehren, natürlich mit dem Schläger, nicht mit der Hand, sonst scheidet er aus. Ein ausgeschiedener Schlagmann wird solange durch einen neuen ersetzt, bis nur noch einer übrig ist. Dann ist das Innings, so wird der Spieldurchlauf genannt, beendet. Ein Spiel kann aus einem oder zwei Innings bestehen.

… da waren es nur noch zehn …

Ein Mann während des Sprunges, sein linkes Knie ist angewinkelt und der Arm verrenkt sich.

Die Kunst des Oberarmwurfs

Der neu eingewechselte Schlagmann schlägt den Ball also mit einem Schläger. Er muss den Ball soweit weg schlagen wie möglich. Die neun Feldspieler, die sich auf dem Platz verteilen, hechten dem Ball hinterher. Fängt einer von ihnen den Ball, bevor er auf dem Boden auftrifft, dann - uups - ist schon wieder ein Schlagmann weg.

Derweil rennen die zwei auf dem Platz stehenden Schlagmänner zum jeweils gegenüber liegenden Ende des Pitches. Schaffen sie es hinter die Schlaglinie, haben sie einen "Run" gemacht und die Mannschaft erhält einen Punkt. Sie können so oft hin und her rennen wie sie wollen, meist machen sie es jedoch nicht häufiger als drei Mal. Ist ja auch anstrengend genug. Ohne jegliche Anstrengung kann die Schlagmannschaft sechs Punkte kassieren, wenn der Ball über den Platz geschlagen wird, ohne den Boden zu berühren. Hüpft er vorher auf oder rollt vom Spielfeld, dann gibt es nur noch vier Punkte. Die meisten Spiele gehen nun mal irgendwie um Punkte. Gewinner ist am Ende auch die Mannschaft mit den meisten Punkten.

… da waren es nur noch acht …

Hin und Her rennen und hinter die Linie zu springen, ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Denn hinter jedem Wicket steht ein Spieler der Feldmannschaft, der nur darauf wartet, dass ihm jemand den Ball zuwirft, damit er den kleinen Holzbau zerstören kann. Rollt mindestens einer der Querstäbe runter, bevor es der Schlagmann hinter die Schlaglinie schafft, muss er das Spielfeld leider verlassen. Nun hat die Schlagmannschaft also nur noch sieben Spieler.

Jeder Werfer hat sechs Würfe, ein so genanntes Over, um seinem destruktiven Können freien Lauf zu lassen. Immer vom gleichen Ende des Pitches auf den gleichen Schlagmann. Nach einem Over wechselt der Werfer, der dann auch auf die andere Seite des Pitches zu dem anderen Schlagmann wirft. Es soll ja keiner überstrapaziert werden. Ein Schlagmann hat genau drei Minuten Zeit, sich auf einen neuen Wurf vorzubereiten, ansonsten wird er wegen Zeitüberschreitung vom Spielfeld entfernt und - tarara! - da waren's nur noch sechs.

Teepause

Beim Kricket gibt es eine offizielle Teepause. An dieser Stelle also ein wenig Zeit zum Luft holen. Denn noch immer wissen Sie nicht wie genau, wer denn nun wie oft wirft. Wobei "werfen" eigentlich das falsche Wort ist. Beim Cricket "bowlt" man den Ball. Die Regeln besagen, dass der Wurfarm, sobald er Schulterhöhe erreicht hat, nicht mehr gestreckt werden darf. Was dazu führt, dass er auf dieser Höhe meist schon gestreckt ist. Wer diese Akrobatik nicht beherrscht, sollte tunlichst nicht mit dem Cricket anfangen, denn alle anderen Wurfarten sind ungültig. Außerdem darf der Ball den Spieler der Schlagmannschaft nicht über der Hüfthöhe treffen, es sei denn, er hat zuvor den Boden berührt. Praktischerweise erschwert diese Regel dem Schlagmann das Treffen des Balles. Wer kann schon einen Schlag genau kontrollieren, wenn der Ball Millimeter vor den eigenen Füßen auf den Boden prallt und einem entgegen springt?

Zerstört ein Schlagmann sein eigenes Wicket, etwa weil er unglaublich wütend wird, weil er schon wieder daneben geschlagen hat oder nach vier Tagen Spiel doch die Geduld verliert, ist er draußen und - voilà - da waren's nur noch fünf. Das ist jedoch unwahrscheinlich, denn Cricket ist ein sehr zivilisiertes Spiel. Auch auf Behinderung der Feldmannschaft steht Rausschmiss - heissa, da waren's nur noch vier. Das gleiche Schicksal blüht einem Spieler, wenn er den Ball zweimal berührt. Ein schlechter Schlag ist nun mal ein schlechter Schlag, da kann nicht noch mal pfuscherhaft ausgebessert werden. Nur noch drei Schlagmänner also. Es sei denn, der letzte konnte nachweisen, dass er mit dem zweiten Schlag tatsächlich nur sein Wicket verteidigen wollte. Dann darf er drin bleiben. Nehmen wir jedoch an, seine Argumentation war mangelhaft: dann müssen nur noch zwei Spieler beseitigt werden. Das Ende ist nahe, doch es wird kompliziert!

… da waren es nur noch zwei …

Ein kleiner roter Ball, ungefähr so groß wie eine Handfläche

Ein Kricket Ball

Es ist heiß, furchtbar heiß, der Schweiß tropft nicht mehr von der Stirn, er fließt. Vier Tage Spiel liegen hinter den Jungs. Das Gehirn leidet unter der Sonne, der Gleichgewichtssinn auch. So könnte man es sich vorstellen. Der Ball fliegt, der Schlagmann versucht zu schlagen, schwankt, tritt vor die Schlaglinie, trifft jedoch nicht! Der hinter dem Wicket stehende Spieler der Feldmannschaft fängt den Ball und zerstört damit das Wicket, bevor der Schlagmann wieder hinter der Linie ist. O je - da waren es nur noch zwei.

Der nächste Wurf. Die Temperaturen sinken einfach nicht, die Konzentration lässt nach. Der Schlagmann verfehlt schon wieder den Ball, aber sein Bein ist im Weg und wehrt den Ball ab. Schwupps - da ist auch dieser Schlagmann ausgeschieden. Wenn nämlich der Schlagmann den Ball verfehlt, der Ball aber das Wicket getroffen hätte, wenn er nicht durch den Körper des Spielers aufgehalten worden wäre, dann ist der Spieler ausgeschieden. LBW, Leg before wicket, heißt diese Variante, weil es meist das Bein des Schlagmannes ist, das den Weg blockiert. Jetzt ist nur noch einer übrig und - Juchu - da ist es: Das Ende des Innings. Denn wir sind hier beim Cricket und nicht beim Fußball, dort hätte man jetzt wahrscheinlich ewig lang mit dem Schiedsrichter diskutiert, ob das mit dem Bein jetzt Absicht war oder doch nicht oder dies oder das. Aber Kricket hat keinen Pöbel-Faktor. Sonst gäbe es sicherlich keine Tee-, sondern eine Bierpause.

Die Kricket-Weltmeisterschaft

Seit der Entstehung des Spiels sind ein paar Jahre ins Land gegangen, die Kolonien sind befreit und wer muss sich heute noch wochenlange Wartezeiten vertreiben? Beim Test Cricket wird an fünf aufeinander folgenden Tagen täglich ungefähr drei Mal zwei Stunden gespielt. Meistens wird Test Cricket in Serien von zwei bis sechs Spielen abgehalten, kurzum: es dauert Wochen, bis das Prozedere vorüber ist. Mittlerweile hat man das Spiel den medialen Gewohnheiten angepasst und es auf einen Tag verkürzt. Es endet nach einer festgesetzten Anzahl von Overs, üblicherweise 50.

Am Samstag, den 28. April findet das Endspiel des Cricket World Cup statt. Sri Lanka spielt gegen Australien. Der englische Privatsender Sky Sports überträgt zwölf Stunden live - ohne Werbepause.

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