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Wirtschaft

Costa del Sol statt türkischer Riviera

Ängstigt der Terrorismus den Touristen in der Türkei, weicht er nach Spanien aus. Die Reisenden werden vorsichtiger, aber sie fahren unverdrossen weiter in den Urlaub - auch nach Deutschland.

"Urlaub war Globalisierung en miniature und für jedermann", stellt die deutsche Zeitung "Der Spiegel" in dieser Woche in ihrer Titelgeschichte fest. Und so wie die Globalisierung nicht ohne teils schmerzliche Nebenwirkungen zu haben ist, so spürt auch der Reisende, dass Reisen gefährlich sein kann. Aber er lässt sich dadurch nicht von seiner Urlaubsreise abhalten - jedenfalls nicht der deutsche Reisende.

"Der Terror verändert das Reisen", so "Der Spiegel". Aber der Tourismusforscher Ulrich Rheinhardt aus Hamburg weiß, wie der deutsche Reisende mit der Terrorangst umgeht: "Sehr besonnen und pragmatisch." Das heißt für die meisten: "Statt das ganze Urlaubsglück in Frage stellen zu lassen, wechseln wir einfach die Region."

Bomben treffen den Tourismus

Nicht mehr türkische Riviera, sondern spanische Costa del Sol - das ist der europäische Trend des Sommers, herbei gebombt durch islamistische Terroristen in der Türkei. Allein bis Mai sank die Zahl ausländischer Gäste in Antalya um 40 Prozent. Und das war vor noch dem verheerenden Anschlag auf dem Flughafen von Istanbul Ende Juni. Die Reisebranche in der Türkei sorgt immerhin für sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Einer von fast zehn Beschäftigten verdient sein Geld in dem Sektor. Die Bomben auf Ziele in der Türkei haben mehr als 300 Menschen in den Tod gerissen und bedrohen nun auch kleinere und zunehmend größere Tourismusbetriebe in ihrer Existenz.

Wie sehr die Reisebranche Spielball politischer Machenschaften werden kann, auch wenn keine Bomben explodieren, zeigt das Verhalten russischer Touristen, wenn es um die Türkei geht. Vor acht Monaten war ein russischer Kampfjet im syrischen Grenzgebiet vom türkischen Militär abgeschossen worden. In der Folge erließ der Kreml ein Verbot von Charterflügen in das bis dahin beliebte Reiseland Türkei. Die Zahl der Türkeibesucher aus Russland sank prompt um 90 Prozent. Dann ließ Präsident Putin das Verbot wieder aufheben, und Anfang Juli flog eine erste Maschine wieder 189 russische Urlauber ins Land.

Spanien: Strand in Alicante (Foto: picture alliance/dpa/M. Lorenzo)

Kaum noch Betten in den Hotels am Strand von Alicante

Spanien ausgelastet

Des einen Leid, des anderen Freud: Beim deutschen Reiseveranstalter Tui gingen in diesem Jahr die Buchungen für die Türkei um 40 Prozent zurück. Spanien dagegen kann sich vor fremden Gästen kaum mehr retten: "Die Kapazitäten dort sind vollständig ausgelastet“, bilanziert Tui-Chef Fritz Joussen. Durch die gestiegene Nachfrage lägen die Preise gegenüber dem Vorjahr sogar um acht Prozent höher, so Joussen zur Lage in den spanischen Hotels. "Das wird sich im Sommer kaum ändern." Insgesamt kamen im Jahr bisher 11 Prozent mehr Besucher ins Land als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs.

Dabei hat auch Spanien mit den Folgen einer scharfen Krise zu kämpfen. Noch immer übersteigt die Arbeitslosigkeit im Land die 20-Prozent-Marke. Noch immer suchen 3,8 Millionen Spanier einen Job. Und stört das die Touristen? Nein, meinte Reise-Forscher Ulrich Reinhardt unlängst im "Kölner Stadtanzeiger": "Sie wollen sich angenehm täuschen lassen und sich auf eine Traumwelt einlassen."

Griechenland Flüchtlinge auf Lesbos Foto: -DW / Udo Bauer)

Flüchtlinge erreichen Lesbos

Selektiver Blick

Das gilt offenbar auch für das neue Lieblingsziel Griechenland. In der noch nicht ausgestandenen griechischen Krise boomt wenigstens der Tourismussektor. Ein Viertel aller Beschäftigten arbeitet hier, bei allerdings insgesamt anhaltend hoher Arbeitslosigkeit. Im letzten Jahr schon war die Zahl der Touristen um 18 Prozent gestiegen. Allerdings werden die Aussichten auf neue Besucherrekorde auf vielen Mittelmeer-Inseln durch die große Zahl von Flüchtlingen eher getrübt.

Der Blick auf die Gefahren der Welt scheint bei den Reisenden überhaupt eher selektiv zu sein. In Orlando, das im bei Reisenden beliebten US-Bundesstaat Florida liegt, kamen Mitte Juni bei einem Anschlag 50 Menschen ums Leben. "Florida? Kein Einbruch", sagt Heike Werner vom Reisebüro Phileas in Berlin: "Individualtouristen, die um die Welt reisen, die achten nicht so sehr auf solche Nachrichten", so Werner über ihre Kunden. "Aber Ägypten, Tunesien, Türkei… all die günstigeren Ziele, die merken das schon."

Gelassenheit bemerkt die Reisefachfrau auch, wenn es um Besuche in Paris geht, wo bei den November-Anschlägen viele Menschen getötet worden waren. "Paris? Dann müssten wir ja auch aus Berlin fortgehen. Der Großstadtbewohner weiß doch, dass überall etwas passieren kann… oder eben nichts", sagt Werner.

Die Großstadt Berlin ist in Sachen Tourismus selbst weiterhin eine Wachstumsregion. In den ersten fünf Monaten des Jahres zog es fast fünf Millionen Besucher in die Stadt. Das sind gut drei Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Der Chef der Tourismusagentur VisitBerlin, Burkhard Kieker, spricht denn auch von einer "touristischen Super-Power": Berlin spiele beim Tourismus in einer Liga mit London und Paris.

Nur bei russischen Reisenden gab es auch in Berlin einen markanten Einbruch: Es kamen rund 26 Prozent weniger als im Vorjahr. Ursache hier dürfte aber nicht Terrorismus sein, sondern die Krise und die europäischen Sanktionen wegen der russischen Annexion der Krim.

die Küste von Rügen (Foto: picture-alliance/dpa/S. Sauer)

Reiseziel deutsche Ostsee: die Küste von Rügen

"Einmal Ostsee, immer Ostsee"

Nach Berlin zieht es ansonsten gleichermaßen Touristen aus dem Ausland wie auch deutsche Besucher. Deren Lieblingsziel im eigenen Land bleibt aber unangefochten das nordöstliche Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. "Einmal Ostsee, immer Ostsee", so fasst der Tourismus-Forscher Reinhardt den Trend zusammen. "Vor allem die Ostdeutschen machen am liebsten Urlaub in Ostdeutschland."

Tourismus ist eine Schlüssel-Branche übrigens auch für das ruhige Kroatien, das 4,2 Millionen Einwohner hat. Im letzten Jahr besuchten 14 Millionen Menschen das Land mit seiner Adria-Küste und seinen spektakulären Bergregionen. Dass auch dort Gefahren drohen - und zwar ganz neue - darauf machte jetzt die kroatische Bergwacht aufmerksam: "Liebe Touristen, hören Sie bitte auf, dumme und gefährliche Selfies zu machen", heißt es in einer Warnung. Ein Tourist aus Kanada war zuvor steil von einem Felsen gestürzt - auf der Suche nach der perfekten Selfie-Position. Der junge Mann überlebte wie durch ein Wunder.

ar/nm (dpa, rtr, afp, eigen)

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