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Kultur

Coole Kultour

Nichts geht mehr! Schon Wochen vor dem Startschuss ist das Teilnehmerfeld des Berlin-Marathons komplett - weitere Anmeldungen zwecklos. Die Läufer erwartet nicht nur Laufstress, sondern auch ein Kulturerlebnis.

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Heiße Füße - coole Kultur?

Berlin-Marathon

Berlin-Marathon unter der Siegessäule

Sage und schreibe 35.000 Frauen und Männer - zehn Prozent mehr als im Vorjahr - aus mehr als 80 Ländern haben sich zum 30. Berlin-Marathon angemeldet. Schon jetzt steht fest, dass ihnen am 28. September 2003 eine Kulturtour durch die deutsche Hauptstadt geboten wird. Lag bis zum letzten Jahr das Ziel nahe der Berliner Gedächtniskirche - einem Mahnmal des Krieges und der anschließenden politischen Zerrissenheit Europas, Deutschlands und Berlins - so befindet sich das Ziel dieses Jahr erstmals am Brandenburger Tor, dem Symbol der deutschen Einheit.

Schirmherr Schröder

Was die neue Streckenführung beim diesjährigen Berlin-Marathon anbetrifft, so ist sie gleichermaßen eine politische wie eine kulturhistorische Stadttour. Gerhard Schröder als Schirmherr braucht bei Kilometer 6,5 nur vor die Tür seines Bundeskanzleramts zu treten, um die Helden der Straße zu bewundern. Nur wenige hundert Meter weiter passiert der Läufertross das Herz der deutschen Demokratie, den Reichstag. Und wenn die Schritte noch leicht fallen, führt die Strecke vorbei am Friedrichstadtpalast, einem Tempel der leichten Muse.

Später wird vielen "Marathonis" die Heimat nahe sein - bei Kilometer 12 zum Beispiel den Chinesen die Botschaft der Volksrepublik China, im weiteren Verlauf zahlreiche andere Botschaften, schließlich kurz vor dem Zielspurt bei Kilometer 41 auf der Prachtstraße "Unter den Linden" linkerhand die Russische Botschaft.

"Ich bin ein Berliner"

Bei Kilometer 22 werden zwangsläufig Erinnerungen an John F. Kennedy wach. Vor dem Schöneberger Rathaus sprach vor 40 Jahren - am 26. Juni 1963 - der damalige Präsident der Vereinigten Staaten einen der markantesten Sätze der Nachkriegsgeschichte aus: "Ich bin ein Berliner." Wer nach 35 Kilometern den toten Punkt, der so manchen Marathonläufer schon zur Aufgabe gezwungen hat, überwunden hat, darf sich auf ein furioses Kultur-Finale einstellen.

Zunächst gibt es Klassik pur: Während am frühen Morgen Sir Simon Rattle, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, noch recht unmusikalisch mit einem Pistolenschuss die Läufermeute auf die Strecke schickt, so werden die Läufer im letzten Fünftels der Strecke vor dem Konzertgebäude der Philharmonie mit klassischer Musik verwöhnt. Ganz besonders motiviert werden die Musiker sicherlich aufspielen, wenn der erste Oboist des Orchesters, Christoph Hartmann, vorbeiläuft. Hartmann wird bei 35.000 Gesamtstartern im Ziel unter den besten 300 erwartet. Er personifiziert sozusagen den Begriff Sportkultur.

Nudeln und Literatur

Schließlich werden die Dome passiert - der Französische, der Deutsche und der Berliner. Für einen Besuch der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz haben die Läufer jedoch ebenso wenig Zeit wie für einen Besuch der Staatsoper oder der Komischen Oper.

Wer sich übrigens mehr für Literatur interessiert, kann sein Interesse bereits am Vortag des Rennens befriedigen. Seit 1990 ist der Literatur-Marathon eine spezielle Berliner Tradition. Schriftsteller, die das Laufen thematisiert haben, lesen auf der so genannten Marathonmesse zwischen Startnummernausgabe und Nudelparty aus ihren Werken. Mit zu den beeindruckendsten Lesungen gehörte im Jahre 1999 die von Hartwig Gauder. 1980 war er als Geher Olympiasieger, 1987 Weltmeister geworden. Nach einer infektiösen Herzmuskelerkrankung bekam er zunächst ein Kunstherz, inzwischen ein Spenderherz. Sein Buch "Die zweite Chance: Mein Leben mit dem dritten Herzen" ist atemberaubend.

Was macht Joschka?

Doch zurück zum Endspurt der Läufer. Auf den letzten Kilometern führt die Strecke auch vorbei am deutschen Außenministerium. Was wird an diesem 28. September bloß dessen Chef - Außenminister Joschka Fischer - machen? Wird er seinen diplomatischen Friedens-Marathon im Nahen Osten fortsetzen? Oder schaut er von seinem Schreibtisch aus traurig zu, wie sich viele Tausende müde, aber glücklich dem Ziel nähern? Oder ist der Herr Minister - was ihm am liebsten wäre - einer unter vielen, die für eine begrenzte Zeit den Alltagszwängen davongelaufen sind? So viel dürfte sicher sein - der 30. Berlin-Marathon wird mehr als nur ein sportliches Highlight werden. Er ist eine coole Kulturtour durch Deutschlands Hauptstadt.

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