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Amerika

"Contergan": Medikament mit zwei Gesichtern

50 Jahre nach dem Contergan-Skandal wird der Wirkstoff immer noch eingesetzt. Er hilft bei Lepra und verschiedenen Arten von Aids und Krebs. Brasilianische Forscher wollen deshalb einen unbedenklichen Ersatz entwickeln.

Medikamentenpackung (Foto:dpa)

Contergan Medikament

Es war einer der größten Arzneimittelskandale der Bundesrepublik Deutschland: Ende der 1950er-Jahre häuften sich bei Neugeborenen Fehlbildungen an Gliedmaßen und inneren Organen. Zunächst standen Atomwaffentests als Ursache im Verdacht, dann wurde klar: Es ist Contergan, eingenommen während der Schwangerschaft. Ende 1961 nahm die Firma Grünenthal das Beruhigungsmittel vom Markt.

2007 hat der Wirkstoff Thalidomid erneut seine EU-weite Zulassung erhalten - allerdings nur als Mittel gegen das Multiple Myelom, eine Form des Knochenmarkkrebses. Nachgewiesen wurde die Wirksamkeit von Thalidomid hierbei erstmals in den USA, wo das Medikament dann auch bereits ab Ende der 1990er-Jahre zugelassen wurde - allerdings nur bei bestimmten Indikationen. Als Beruhigungsmittel wurde es nie zugelassen, und daher gab es nur sehr wenige Geschädigte.

Besondere Tragik

Claudia Marques Maximino mit Sonnenhut unter einem sonnenbeschienenen Strohdach. (Foto: privat)

Claudia Marques Maximino vom brasilianischen Contergan-Opferverband

Ganz anders sieht das in Lateinamerika aus: Thalidomid-Präparate wurden dort fast durchgängig seit Aufkommen des Präparats verabreicht, vor allem gegen die entzündlichen Hautveränderungen bei Lepra. Die chronische Infektionskrankheit ist in den ärmeren Ländern der Welt bis heute verbreitet. Nach dem Contergan-Skandal traten Mitte der 1960er-Jahre in Brasilien erneut Fehlbildungen bei Neugeborenen auf. Im Laufe der letzten 50 Jahre wurden allein dort rund 1000 Kinder mit dem typischen Syndrom geboren.

"Viele Analphabeten interpretierten das Warnsymbol mit einer durchgestrichenen Schwangeren falsch", erzählt Claudia Marques Maximino, Präsidentin des Brasilianischen Vereins der Träger des Thalidomid-Syndroms (ABPST). "Sie dachten, es handele sich um ein Abtreibungsmittel."

Brasilianische Verpackung eines Präparates mit dem Contergan-Wirkstoff Thalidomid von 1966 bis 1997. Zeigt die durchgestrichene Zeichnung eines schwangeren Frau.

Hinweis, der in die Irre führte

"Die Tragik dieses fatalen Irrtums ist, dass die Frauen das Medikament genau während der frühen Phase der Schwangerschaft einnahmen, der einzigen Zeit, in der überhaupt eine Gefahr für den Fötus besteht", erklärt die Medizinerin Lavinia Schüler-Faccini. Dann aber genüge eine einzige Tablette mit 50 Milligramm Wirkstoff, um schwere Fehlbildungen zu verursachen.

Intensive Forschung

Schüler-Faccini koordiniert für die brasilianische Regierung den Informationsservice "Sichere Schwangerschaft" und erforscht an der Bundesuniversität von Porto Alegre Thalidomid und seine Einflüsse auf Embryonen. Dazu gehört es, die Geburt geschädigter Kinder zu dokumentieren und von ähnlich aussehenden Gen-Defekten zu unterscheiden."Wir wollen genau verstehen, wie die Substanz das ungeborene Leben beeinträchtigt, um noch bessere Vorsichtsmaßnahmen zu entwickeln. Und eines Tages", hofft die Medizinerin, "können wir auf Basis unserer Erkenntnisse vielleicht sogar einen unbedenklichen Wirkstoff entwickeln, der die gleichen positiven Effekte hat."

Wirksames Medikament

Denn es gibt viele gute Gründe, Thalidomid zu verwenden: "Es ist ein exzellentes Medikament und sehr effizient gegen die Symptome verschiedener chronischer Krankheiten", betont Schüler-Faccini. Dazu gehören neben den genannten - Lepra und Rückenmarkskrebs - auch Aids und Autoimmunerkrankungen wie Schmetterlingsflechte.

--- Ausnahme der Einstellung da keine Fotografie verfügbar ist.

Aus Fehlern gelernt - neuer Hinweis auf der Packung

Schon bei Contergan wurde positiv bewertet, dass es - im Gegensatz zu anderen Schlafmitteln – nur in extrem großen Mengen giftig ist.

"Auf Männer und nicht schwangere Frauen hat Thalidomid bei richtiger Dosierung fast keine Nebenwirkungen. Die eine allerdings, die bei Schwangeren auftritt und direkt das ungeborene Leben beeinträchtigt, ist so gravierend, dass die Abgabe streng kontrolliert werden muss", gibt die Forscherin zu bedenken.

Kampf gegen Schädigungen

Das sieht auch die ABPST-Präsidentin Claudia Maximino so. Die 50-Jährige gehört selbst zu den ersten Opfern in Brasilien. Aber sie weiß sehr gut, dass die Arznei für viele chronisch kranke Menschen die einzige Möglichkeit ist, ihre Beschwerden zu lindern. "In den Industriestaaten gibt es andere Medikamente, vor allem für Aids-Patienten. Doch um Brasilien und andere ärmere Länder zu versorgen, sind sie zu teuer. Und Lepra tritt ohnehin vor allem dort auf, wo Armut herrscht."

Umso entschiedener fordert sie seit Jahren schärfere Vorschriften für die Abgabe von Thalidomid-Präparaten: umfassende Aufklärung der Patienten über die Gefahren, keine Abgabe an Frauen im gebärfähigen Alter, Registrierung der verschreibenden Ärzte und Patienten und, dass sich Personen, die das Medikament falsch anwenden, strafrechtlich verantworten müssen.

Dieser letzte Punkt sei wichtig, sagt Maximino mit Bedauern: "Wir müssen leider damit rechnen, dass die Entschädigungszahlungen Menschen dazu verleiten können, absichtlich ihren Nachwuchs zu schädigen."

Strenge Kontrolle

All diesen Forderungen ist der brasilianische Gesetzgeber 2011 nachgekommen. "Claudia Maximino und der Verein der Träger des Syndroms haben einen großen Beitrag dazu geleistet, dass eine strengere Gesetzgebung verabschiedet wurde", sagt die Forscherin Schüler-Faccini. "Dennoch ist die Gefahr weiterhin groß, denn es werden aktuell rund vier Millionen Tabletten pro Jahr verabreicht."

Und auch Maximino hadert immer noch mit den Behörden: "Eigentlich müssten die Vorschriften auf die regional sehr unterschiedlichen Realitäten in Brasilien zugeschnitten sein", meint sie. In Brasilien kam noch 2010 ein Kind mit dem Thalidomid-Syndrom zur Welt. In Indien, das sechsmal so viel Einwohner hat, sagt die Aktivistin, sei seit Jahren kein Fall mehr registriert worden: "Am besten würde man wie dort die Medikamente nur in Krankenhäusern verabreichen."

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