1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Containern - Appell an die Wegwerfgesellschaft

Jährlich werden in Deutschland elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen. Viele davon sind noch haltbar. Die fischen Mülltaucher Nacht für Nacht aus dem Müll.

Titel: Containern Wer hat das Bild gemacht?: Arne Lichtenberg Wann wurde das Bild gemacht?: 11.08.2012 Wo wurde das Bild aufgenommen?: Münster Bei welcher Gelegenheit/in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen?: Auf einer nächtlichen Container-Tour durch Münster. Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Stefan und Lars suchen in einem Abfallbehälter nach brauchbaren Lebensmitteln. Bildrechte: Arne Lichtenberg

Münster Mülltauchen

Leise stellt Stefan sein Fahrrad ab, schnallt eine Lampe um seine Stirn, zieht sich einen Handschuh an. Ein bisschen sieht er jetzt aus wie ein Bergmann, der gleich unter Tage möchte. Aber Stefan hat heute anderes vor. Lautlos klappt er den Deckel einer Mülltonne auf. Aufgeschreckt durch die Bewegung und das Licht seiner Stirnlampe, fliegen Dutzende Fruchtfliegen aus der Tonne und umschwirren Stefan und seinen Begleiter Lars. Doch davon lassen sich die beiden nicht aus der Ruhe bringen.

Zielgerichtet inspizieren sie das Innere der Tonne, graben bis nach unten, holen etwas zum Vorschein, werfen es wieder zurück oder wischen es sauber. In der einen Tonne befinden sich jede Menge Erdbeeren, Johannisbeeren, sogar ein paar Fair-Trade-Blumen aus Äthiopien sind dabei. Im zweiten Müllbehälter, den sich Lars vorgenommen hat, türmt sich Gemüse: Karotten, Paprika und Gurken. "Ich glaube, da finden wir später noch besseres. Mit weniger Fliegen", bilanziert Lars die erste Station der nächtlichen Container-Tour. Doch gelohnt hat sich der Besuch auch hier. Immerhin ein Apfel, ein paar Paprika und eine Zwiebel nehmen die zwei Männer mit. "Morgen wollte ich sowieso was kochen, da passt die Zwiebel genau richtig", sagt Lars.

Der Exzess des Wegwerfens

Stefan und Lars sind sogenannte Mülltaucher. Sie suchen in den Abfallbehältern von Supermärkten und Discountern nach brauchbaren Lebensmitteln. Nicht weil sie arm sind und nichts zu essen hätten, sondern weil sie gegen die Unmengen von weggeworfenen Lebensmitteln vorgehen wollen.

Auf einer nächtlichen Container-Tour durch Münster. Blick in einen Abfallbehälter voller Lebensmittel. Bildrechte: Arne Lichtenberg

So sehen Mülltonnen von Supermärkten aus: Viele der weggeworfenen Lebensmitteln sind noch essbar

Pro Jahr landet in Deutschland elf Millionen Tonnen Essen auf dem Müll. Im Schnitt wirft damit jeder Bundesbürger pro Jahr 81,6 Kilogramm Lebensmittel weg. Das belegen Zahlen einer Studie des Instituts für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums. Das Schlimmste dabei: 65 Prozent der Lebensmittelabfälle wären völlig oder zumindest teilweise vermeidbar.

Auch Stefan schüttelt den Kopf. "Das ist der Klassiker hier", sagt er und deutet auf einen Dreierpack mit Paprika. "Eine ist schlecht, die anderen sind noch wunderbar". Trotzdem ist das Gemüse geschlossen in die Tonne gewandert. Die beiden ziehen weiter. Ziel ist der Hinterausgang eines großen Supermarktes. Doch hier sind die Mülltonnen nicht frei zugänglich, sondern von hohen Zäunen umgeben. Lars hat sich bereit erklärt, über die Absperrung zu klettern, doch am Ausgang stehen noch drei Mitarbeiter des Ladens und trinken ein Bier zum Feierabend. "Die haben die Ruhe weg", konstatiert Stefan. Auf diese Station müssen die Beiden verzichten. Aber die Liste der abzufahrenden Mülltonnen in dieser Nacht ist lang. Auf eine mehr oder weniger kommt es da nicht mehr an.

An der Grenze zum Hausfriedensbruch

Am nächsten Treffpunkt angekommen, müssen die beiden Mülltaucher eine Metalltür öffnen. Die Mülltonnen befinden sich versteckt hinter einer Metallverkleidung. Für gewöhnliche Passanten nicht zu erkennen. Lars und Stefan müssen vorsichtig sein, denn direkt nebenan steht das Gebäude der Bundespolizei. Mit ihren Container-Tätigkeiten begeben sich Lars und Stefan in eine rechtliche Grauzone. Denn offiziell wühlen sie im Eigentum der jeweiligen Märkte. Solange sie keinen Schaden anrichten oder Dreck hinterlassen, schauen die meisten Marktleiter darüber hinweg. Heikel wird es für die Mülltaucher nur, sobald das Gelände umzäunt ist. Dann begehen sie Hausfriedensbruch. Im schlimmsten Fall würde ihnen ein Jahr Gefängnis drohen.

Auf einer nächtlichen Container-Tour durch Münster Wer oder was ist auf dem Lars inspiziert die gefundenen Lebensmittel. Bildrechte: Arne Lichtenberg

Auch die Mülltonnen mit der Metalltür sind der Mühe wert: Lars inspiziert die gefundenen Lebensmittel

Diesmal haben Stefan und Lars mehr Glück. Die Tonnen sind üppig bestückt: Fladenbrot, eine Packung Mehrkornbrötchen, Schokolade, ein Sack Kartoffeln, Pfirsiche und Bananen. Alles noch haltbar und gut.

Doch wehe, wenn die Banane einen braunen Fleck an der Schale hat, dann landet sie im Müll. Das Auge kauft mit. So ist das nun mal in Deutschland. Auf einmal braust ein blauweißer Wagen der Bundespolizei an den beiden vorbei. "Warten wir mal ab, ob die überhaupt was machen", sagt Stefan in aller Seelenruhe zu seinem Partner und schaut weiter nach Leckereien im Müllsortiment. Und er hat Recht. Die Polizisten fahren auf das Gelände ihres Gebäudes und sind nicht mehr zu sehen. An den nächtlichen Mülltauchern haben sie anscheinend kein Interesse.

Keine Raffgier - Nur das, was auch verzehrt werden kann

"Die wollen in den Feierabend", sagt Stefan und packt die Beute in seinen Rucksack. Stefan und Lars wählen das, was sie mitnehmen, sorgsam aus. In ihre Rucksäcke packen sie nur das, was reinpasst und was sie realistisch auch bald verzehren können. Einen Teil geben sie auch an ihre Freunde und Bekannte ab. Meist landet das in der Nacht gefundene Essen gleich am nächsten Tag im Kochtopf oder auf dem Teller. Spätestens wenn der Kühlschrank leer ist, begibt sich Student Lars wieder auf Tour. In der Regel ist er zweimal die Woche unterwegs. Das mache sich auch finanziell bemerkbar, sagt er. Einzig für frische Sachen, wie Butter oder Milch, geht er noch in den Supermarkt. Den Rest "containert" er sich zusammen. Die finanzielle Ersparnis ist aber nicht sein Hauptbeweggrund, um nachts um die Mülltonnen zu ziehen. "Ich habe vor ein paar Monaten den Film 'taste the waste' gesehen. Das hat mich damals sehr bewegt, und deshalb habe ich damit angefangen."

Stefan und Lars ziehen weiter. Ihre Rucksäcke sind mittlerweile schon gut gefüllt. Langsam gehen sie am Hintereingang eines Supermarktes die Rampe hoch. Der Bewegungsmelder geht an. "Das Gelände hier ist videoüberwacht", bemerkt Stefan. Doch es kümmert ihn nicht weiter. Zwar hätten einige Märkte ihre Tonnen schon verschlossen, als sie entdeckten, dass sich Mülltaucher an ihren Abfällen bedienen, aber die meisten schere es nicht, sagt Stefan. Weggeworfen ist weggeworfen.

Auf einer nächtlichen Container-Tour durch Münster. Die Ausbeute der nächtlichen Container-Tour von Lars und Stefan. Bildrechte: Arne Lichtenberg

Aus dem Müll geholte Lebensmittel: Die Ausbeute der nächtlichen Container-Tour von Lars und Stefan

Seen voller Lebensmittel

An einer Seite stapeln sich die typischen roten Plastikkästen voll mit Backwaren. In einem findet Stefan abgepacktes Brot und mehrere Brötchen. Sie sehen sehr lecker aus. Lars ist indes schon weiter. Er steht vor zwei Kinderplanschbecken-großen Müllcontainern. Als er die Verdeckung abmacht, kommt ein ganzer See von Lebensmitteln zum Vorschein: Kopfsalate, Orangen, Blaubeeren, Limetten. Noch ehe er nach den besten Früchten im Müll greifen kann, sieht er, wie ein Mann mit seinem Fahrrad heranrollt, absteigt und die Rampe hochkommt . "So, jetzt werden wir ja gleich sehen, ob es sich um einen Wachmann oder Mitarbeiter handelt", sagt Stefan leise und grüßt den Neuankömmling mit einem reserviertem "guten Abend". Der Unbekannt öffnet seine große Einkaufstüte und grinst. "Lasst mir ja auch noch etwas übrig." Auch er erledigt hier sozusagen seinen Wocheneinkauf, sagt es, packt ein paar Bananen und Brot ein und ist bald schon wieder fort.

Lars hat noch etwas gefunden, was er nicht zuordnen kann. "Was ist das?", fragt er irritiert. "Das ist eine Ingwerwurzel", klärt ihn Stefan auf. Man lerne immer dazu, sagt Lars und lacht, auch wenn er nachts im Müll wühle. "Mittlerweile ernähre ich mich auch viel gesünder, weil ich hier so viele frische Sachen finde. Den ungesunden Studentenmampf habe ich gestrichen."