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Sport

Contador lässt die Spanier erneut jubeln

Die Tour, ein Sekundenpoker: Nach 3.642 Kilometern entschieden gerade einmal 39 Sekunden das größte Radrennen der Welt. Alberto Contador siegte vor Andy Schleck, während die deutschen Fahrer meist hinterherfuhren.

Alberto Contador jubelt (Foto: AP)

"Il Pistolero" Contador nahm Maß und traf zum Dritten

Tränen der Erleichterung kullerten über die Wangen von Alberto Contador. Auf dem Podium von Pauillac fiel all die Anspannung ab, die auf den schmalen Schultern des Spaniers gelegen hatte. Mit leicht zittriger Hand zog er dann seinen imaginären Colt und feuerte – das Markenzeichen des "Pistolero" Contador. Die Nervosität war sichtbar gewesen im Zeitfahren am vorletzten Tag der Tour, das die Entscheidung brachte: In einem Sekundenkrimi bezwang der Astana-Kapitän, der unruhig in seinem Sattel hin- und herrutschte, den Luxemburger Andy Schleck und holte sich so seinen dritten Toursieg. Für den aufopferungsvoll kämpfenden Schleck, der nach der ersten Zwischenzeit nur zwei Sekunden hinter Contador lag, blieb nur Rang zwei. "Ich konnte nicht mehr, als mein Maximum zu geben. Ich habe mir heute da draußen weh getan und ein gutes Zeitfahren gefahren. Mehr war nicht mehr drin".

Ein Duell auf Augenhöhe

Contadors knapper Vorsprung sorgte für Diskussionen: Eben jene 39 Sekunden holte er in den Pyrenäen auf Schleck heraus, als dieser von einer abgesprungenen Kette ausgebremst wurde. Nicht die feine spanische Art, monierten die Kritiker und Contador gab sich reumütig, entschuldigte sich per Videobotschaft bei seinem Kumpel Andy. Am Col du Tourmalet kam es dann zu einer großen Geste: Contador überließ seinem schärfsten Widersacher den Sieg und beide lagen sich hinter dem Zielstrich in den Armen.

Schleck (l.) und Contador Arm in Arm (Foto: AP)

Arm in Arm: Die großen Kontrahenten um den Sieg, Schleck (l.) und Contador, hatten sich wieder lieb

In den Bergen war es ein Duell auf Augenhöhe, beide fuhren in einer anderen Liga als der Rest. Contador gewann die Tour schließlich, weil er in beiden Zeitfahren insgesamt eine Minute und 13 Sekunden auf Schleck herausfuhr. Rang drei ging an den Russen Denis Menchov, der rund zwei Minuten zurücklag. Die Abstände in der Gesamtwertung waren somit deutlich knapper als zu den großen Zeiten von Lance Armstrong, der oft mit mehreren Minuten Vorsprung gewann.

Für Armstrong war es mindestens eine Tour zu viel

Lance Armstrong (Foto: AP)

Das Alter? Lance Armstrong fuhr zumeist nur hinterher

Der heutige Armstrong erinnerte sportlich kaum noch an sich selbst: Früh musste der siebenfache Toursieger einsehen, dass die Welt nach seinem Comeback nicht mehr dieselbe ist und er wohl mindestens eine Tour zuviel fuhr. Schon vor dem Finale in Paris verkündete er seinen Rückzug: "Wissen Sie, Lance Armstrong ist in vier, fünf Tagen Geschichte." Eine doppeldeutige Aussage, denn in Gedanken war er wohl bereits woanders: Ihm droht nach Ermittlungen rund um sein ehemaliges Team US Postal in den USA nun eine harte juristische Auseinandersetzung um die Frage, ob er in der Vergangenheit doch gedopt und andere sogar zum Doping angeleitet hat.

Der "Boss", wie er sich auch selbst nennt, sieht sich umfassenden Vorwürfen seines früheren Weggefährten Floyd Landis ausgesetzt, und nach Informationen der französischen Tageszeitung "L'Équipe" könnten in den kommenden Wochen weitere ehemalige Teamkollegen Armstrongs auspacken. Nach Lage der Dinge müsste Armstrong dann vor einem Bundesrichter unter Eid über eine mögliche Verstrickung in Doping-Praktiken aussagen.

"Zur falschen Zeit in der falschen Mannschaft"

Die aktuelle Generation hat es da schon leichter: Kaum jemand fragte noch nach Contadors mutmaßlicher Zusammenarbeit mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes. Und wenn, dann lautete Contadors schlichter Kommentar: "Ich war damals einfach zur falschen Zeit in der falschen Mannschaft, deshalb ist da mein Name auf dieser List gelandet."

Alberto Contador im Zeitfahren (Foto: AP)

Hier holte er sich den Sieg: In den Prüfungen gegen die Uhr war Contador schneller als Schleck

Auch sonst blieb es in diesem Jahr an der Dopingfront auffällig ruhig. Die rund 500 Dopingkontrollen blieben – vorerst – ohne positiven Befund, und das sogenannte Chaperonsystem funktionierte dieses Mal. Nachdem im Vorjahr die UCI-Mitarbeiter, die die Fahrer zur Doping-Kontrolle bringen, noch geduldig vor dem Astana-Bus gewartet hatten und so viel Platz für Diskussionen ließen, ging es dieses Mal sofort zur Kontrolle.

Keine positiven Fälle sind kein Beweis

Festzuhalten bleibt aber auch: Eigenblutdoping ist weiter kaum nachweisbar, Mikrodosen von EPO und Wachstumshormonen wohl nur für kurze Zeit, und auch der Blutpass, der Schwankungen im individuellen Blutprofil der Sportler aufdecken soll, lässt sich nach Auffassung von Dopingexperten manipulieren. Kein Dopingfall ist also auch kein Beweis.

Linus Gerdemann (Foto: dpa)

Enttäuscht und gezeichnet: Der Deutsche Linus Gerdemann

Und die Deutschen? Die fuhren meist hinterher. Es fehlten nicht etwa Sekunden, sondern meist Minuten und in der Gesamtwertung am Ende sogar Stunden auf die Spitze. Da mischte sich schon mal Ratlosigkeit in die Aussagen der deutschen Profis: "Wir haben manchmal auch ein bisschen Pech gehabt, zum Beispiel in den Ausreißergruppen", versuchte Fabian Wegmann die Erfolglosigkeit zur erklären. "Wenn Gerald Ciolek nicht auf einer Etappe Zweiter geworden wäre, sondern gewonnen hätte, wäre jetzt Friede-Freude-Eierkuchen." Ist es aber nicht. Denn beim Team Milram stehen am Saisonende aller Voraussicht nach die Räder still. Der Sponsor Nordmilch AG beendet das Engagement und Teammanager Gerry van Gerwen fand bisher keinen Ersatz. Auch wenn es durch Tony Martins zweite Plätze im Prolog und im Zeitfahren Lichtblicke gab, steuert der deutsche Radsport nach dem baldigen Aus des letzten deutschen Erstligateams nun ziemlich unsicheren Zeiten entgegen.

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Arnulf Boettcher

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