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Wissen & Umwelt

Computerspiele gegen Depressionen

In vielen Games geht es darum, auf Raumschiffe zu schießen oder als Soldat im Krieg zu überleben. Aber in einigen Neuerscheinungen muss der Spieler mit dem Zerfall von Familien oder mit Depressionen fertig werden.

In einer kleinen Wohnung im schmucken Städtchen Mariefred, etwa eine Autostunde westlich von Stockholm, arbeitet Simon Karlsson an der Entwicklung eines Computerspiels. Es geht um eine Geschichte aus der Ich-Perspektive: Spieler sollen sich in das emotionale Trauma einer Kleinfamilie versetzen, in der der Vater beim Zurücksetzen des Wagens versehentlich seinen Sohn umgebracht hat.

"Ich hatte Depressionen und steckte in meinem Leben irgendwie fest. Da hat man mir geraten, ich sollte mich der Langeweile und den Angstzuständen stellen und etwas daraus machen", erzählt Karlsson. "Ich möchte neurologische Fragen untersuchen, die nach einem Trauma auftauchen. Ich bin sehr interessiert daran, mit dem ganzen Spektrum des alltäglichen Lebens herum zu experimentieren - eben das, was nicht oft in Spielen vorkommt."

Ein Spiel über das Leiden

Karlssons Spiel, "A Song for Viggo" ist ein point-and-click Abenteuerspiel, in dem der Spieler sich durch eine Geschichte klicken muss. Sie verändert sich mit jeder Entscheidung, die der Spieler trifft. Die Charaktere sind Papierfiguren, die mit stop-motion Technik bewegt werden. Das Spiel ist langsam, dunkel und traurig. Und das ist der Sinn der Sache.

Simon Karlsson hält eine Papierpuppe im Rollstuhl. (Foto: Lars Bevanger)

Ein Papiercharakter aus "A Song for Viggo"

"Ich möchte ein Spiel über Depressionen, Leid und Trauer machen. Ich möchte zeigen, dass Depressionen und Probleme im täglichen Leben nicht geheilt werden, sondern dass man dagegen ankämpfen muss", sagt Karlsson. "Wenn ein Mensch diese Probleme nachvollziehen kann und sich in seinem Kampf nicht allein fühlt und das Leben dann mehr zu schätzen weiß, wäre das echt toll."

"A Song for Viggo" ist Teil eines wachsenden Trends, in dem unabhängige Spiele-Entwickler in komplizierte, emotionale Sachverhalte eintauchen - also ungefähr das Gegenteil von dem, was viele Menschen mit Computerspielen verbinden.

Näher an der Realität

"Man kann sicherlich sagen, dass wir nicht mit dem Videospiel 'Call of Duty' konkurrieren wollen", sagt Mata Haggis vom holländischen Spiele-Entwickler SassyBot. Haggis hat das Spiel "Fragments of Him" gestaltet, das einer Gruppe von Menschen folgt, die mit den Nachwirkungen des Unfalltodes eines junges Mannes zu kämpfen hat.

Simon Karlsson am Schreibtisch. (Foto: Lars Bevanger)

Karlsson verbringt viel Zeit vor dem Bildschirm

"Das hier passt nicht auf die gewöhnliche Vorstellung, die Leute von Computerspielen haben. Viele denken an Waffen, Gewalt und Raumschiffe", sagt Haggis. "Wir sehen jetzt diesen neuen Trend von Spielen, die mehr auf echten Erlebnissen beruhen. Ich glaube, das liegt daran, dass die Werkzeuge für Spiele-Entwicklung immer mehr Menschen offen stehen."

Aber nur wenige Ideen entwickeln sich zu vollständigen, stundenlangen Spielen. "Das Problem ist, dass unabhängige Entwickler oft kaum finanzielle Mittel haben, also kommt ein 50-minütiges Experiment dabei heraus anstatt eines gut produzierten Spiels", erklärt Simon Karlsson. Er konnte auf der crowd-funding-Seite Kickstarter genug Geld für die Entwicklung von "A Song for Viggo" auftreiben.

Das Märchen von der Gewalt

Computerspiele werden oft für verschiedenste gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht. Kritiker werfen Schieß-Spielen wie "Call of Duty" und "Medal of Honor" vor, junge, leicht zu beeindruckende Menschen zu korrumpieren und sie auch im echten Leben gewalttätig zu machen.

Fragments of Him screenshot: ein junger Mann verlässt eine graue Wohnung und wird dabei von einer Art Hologramm verfolgt. (Foto: Fragments of Him)

Auch das neue Spiel "Fragments of Him" beschäftigt sich mit emotionalen Problemen

"Es gibt diese moralische Panik rund um Videospiele, die oft von den Medien kommuniziert wird", sagt Mike Langlois, Autor und Psychotherapeut an der Harvard Medical School. Er sieht Videospiele nicht als etwas Böses an. Der Professor nutzt die Spiele sogar in seiner Arbeit, weil sie eine Umgebung schaffen, in der sich junge Leute wohl fühlen.

Er hält kleinere, unabhängig entwickelte Spiele wie "A Song for Viggo" für eine mögliche Hilfe für Menschen, mit ihren eigenen Emotionen zurechtzukommen. "Dieses Spiel könnte die Art ändern, wie einige Menschen mit Trauer und Verlust umgehen", sagt Langlois. "Es könnte diese Menschen auf eine sehr tiefgehende Weise beeinflussen und so ihre emotionale Chemie ändern. Ich denke, dass das viele Leute, die trauern, für eine gute Sache halten."

Es geht nicht um Geld

Unabhängige Spiele wie "A Song for Viggo" werden wohl kaum ein großes Stück vom Mainstream-Kuchen abbekommen. Aber Menschen wie Simon Karlsson geht es nicht um den finanziellen Erfolg. Für ihn hat sich die Arbeit schon wegen der positiven Rückmeldungen gelohnt.

A Song for Viggo screenshot: papermade furniture in a dark room. (Foto: Simon Karlsson)

So ein Papier-Set zusammenzufalten dauert lange

"Eltern, die ein Kind verloren haben, haben sich an mich gewandt", erzählt er. "Vor zwei Tagen habe ich eine Rückmeldung von einem Mann bekommen. Nachdem er dieses Projekt gesehen hat, weiß er seine Frau und sein Baby viel mehr zu schätzen. Das berührt mein Herz. Es ist schwer zu verstehen, weil ich ja nur ein Programmierer bin, der Sachen aus Papier macht! Aber es freut mich sehr, dass meine Arbeit diesen Effekt hat."

"A Song for Viggo" soll 2015 für PC, Android und iOS veröffentlicht werden.

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