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Europas Kulturhauptstädte

Computer-Projekt für Migranten

Migrationspolitik in Europa macht Maribor 2012 zum Kulturthema. Das Projekt "Urbane Furchen" bildet Migranten in Computertechnik aus. Sie werden so "digitale Nomaden."

Eine schwarze Spielfigur und viele weisse Spielfiguren.

Urbane Furchen wollen die Programm-Macher der Kulturhauptstadt 2012 im übertragenden Sinne durch Maribor ziehen. In diesen geistigen Furchen sollen neue Ideen sprießen. Es geht um kollektive Gärten, umweltschonenden Nahverkehr, die Integration von Minderheiten und Einwanderung. Migranten sollen mit Hilfe des Computers ihr Leben verarbeiten und so zu Nomaden mit digitalen Werkzeugen werden.

Bei der Kulturhauptstadt dürfe es nicht nur um Hoch-Kultur wie Theater, Ballett und Schauspiel gehen, sondern auch die sozialen Aspekte der Alltagskultur müssten beleuchtet werden, sagt Tomaz Gregorc in seinem Großraumbüro in einem renovierten Kloster in Maribor. In jeder Ecke des schwach beleuchteten Raums stecken drei, vier Programm-Macher des Projekts "Urbane Furchen" die Köpfe zusammen und schauen gemeinsam auf die bläulich schimmernden Bildschirme ihrer Laptops. Die letzten Vorbereitungen vor dem Start der verschiedenen Kulturprojekte im sozialen Bereich laufen, alle arbeiten mit Hochdruck.

Nomaden in Maribor

Maribor Kulturhaupstadt 2012, Tomaz Gregorc, Produzent bei Mariobor2012, Europäische Kulturhauptstadt 2012, verantwortlich für das Programm Urbane Furchen und die Zusammenarbeit mit Migranten. Tomaz Gregorc ist Soziologe. Aufgenommen im ehemaligen Franziskanerkloster Maribor, Slowenien, 22.11.2011. Foto: Bernd Riegert DW

Projekt-Manager Tomaz Gregorc

Tomaz Gregorc ist studierter Kulturwissenschaftler und kümmert sich mit seiner Gruppe, dem "Rhizome Kollektiv", um die Integration der Migranten aus Afrika und dem ehemaligen Jugoslawien, die in Maribor leben. Im kommenden Jahr wird eine Gruppe von etwa 20 Zuwanderern an gespendeten Computern lernen, wie man programmiert und mit offenen Betriebssystemen wie Linux umgeht. Und dann werden eigene Seiten und Plattformen gestaltet, erklärt Tomaz Gregorc.

Digitale Gräben zuschütten

"Wir versuchen, das Wissen über Computer und allgemein zugängliche Software mit dem Problem der Grenzen und dem Überwinden von Grenzen zu verknüpfen. Der digitale Graben zwischen Menschen mit Zugang zu Informationstechnologie und Menschen ohne Zugang ist genauso breit wie der Graben zwischen Europa und den sogenannten Entwicklungsländern. Den wollen wir überbrücken", erläutert Gregorc, der mit Vollbart und stämmiger Figur eine gewisse väterliche Ruhe ausstrahlt. Nach anfänglichem Zögern wollen jetzt zehn Einwanderer aus Afrika mitmachen. Sie sind mit dem Boot 2010 auf Malta angekommen und wurden von der EU an aufnahmewillige Länder weiterverteilt. In Slowenien sind sie also per Zufall gelandet und beschäftigen sich oft zum ersten Mal intensiv mit Computern, Migrationspolitik und kulturellen Fragen.

Kulturtechniken für Migranten

Das Logo der europäischen Kulturhauptstadt Maribor in Slowenien / Logo der Europäischen Kulturhauptstadt 2012 Maribor (Slowenien), November 2011. Maribor 2012. European Captial of Culture. Abgerufen unter: http://www.maribor2012.info/en/index.php?ptype=0&menu=1&id=186&echosub=1 am 14.12.2011. Copyright: Maribor 2012

"Wir sehen das als ersten Schritt zur Stärkung ihrer Ausdrucksmöglichkeiten", sagt Projektleiter Tomaz Gregorc über die Zuwanderer. "Wir können ihnen keine Gestaltungsmacht geben, die muss aus ihnen heraus entstehen. Wir geben ihnen nur die Mittel, die Techniken und die Fragen und hoffen, dass sie bereit sein werden, diesen großen Schritt zu tun, sich nicht länger als Opfer zu begreifen." Im kommenden Jahr sollen die Migranten als "digitalen Nomaden" in verschiedenen Veranstaltungen und regelmäßigen Treffen über ihr Leben im Cyberspace berichten. Viele wollten allerdings keinen Kontakt mehr zu ihrer Vergangenheit, zur Zeit vor ihrem Aufbruch haben, so Tomaz Gregorc. Besonders Menschen aus dem Sudan oder Somalia seien sehr verschlossen in diesem Punkt. In einem "Zentrum für digitalen Nomadismus" sollen alle Erfahrungen in Maribor zusammengetragen werden.

Simbabwe und Slowenien

Mann sitzt gebeugt über Laptoptastatur. Auf dem Bildschirm ist Blogger zu lesen.

Laptop soll Migranten stärken

Parallel dazu wird den Menschen in Maribor ein "Afrikanisches Dorf" angeboten: In dieser Werkstatt führt der Bildhauer und Maler Tapiwa Chapo in afrikanische Kulturtechniken ein. Tapiwa Chapo stammt aus Simbabwe und lebt zeitweise in Maribor. Gerade die Natur in Slowenien, die Alpen, das Mittelmeer seien für ihn sehr inspirierend, so Tapiwa Chapo. Er will mit Kunst Grenzen zwischen Afrika und Europa überwinden helfen. "Ich glaube, es gibt gar keine Grenzen zwischen Ländern. Wir versuchen, mit verschiedenen Maßeinheiten das Land zu messen, aber im Grunde bleibt das Land unverändert", beschreibt Tapiwa Chapo in einer Videobotschaft sein Empfinden über den Abstand zwischen Afrika und Europa.

Schnee auf den Straßen von Maribor, der zweitgrößten Stadt in Slowenien, aufgenommen am 16.3.2004. Slowenien gehört zu den Ländern, die am 1. Mai 2004 die bisher aus 15 Staaten bestehende Europäische Union auf insgesamt 25 Mitgliedstaaten erweitern werden.

Furchen durch die Stadt: Maribor im Winter

Im Jahr der Kulturhauptstadt soll Maribor mehr über Migration erfahren und diskutieren, wünscht sich Projektleiter Tomaz Gregorc. Am Ende des Jahres sollen die Teilnehmer des Projektes mit ihrem PC umgehen, ihn programmieren und reparieren können. Ihre Laptops dürfen die "digitalen Nomaden" behalten, wenn sie weiterziehen sollten. Trotzdem sei das Ganze keine humanitäre Hilfsaktion, so Tomaz Gregorc, sondern Hilfe zur kulturellen Selbsthilfe.

Autor: Bernd Riegert
Redaktion: Matthias von Hein